Non-Profit oder For-Profit: Was ist der bessere Weltverbesserer?

Willst Du ein Social Start-up gründen, solltest Du Dir folgende Punkte unbedingt anschauen.

Wer darüber nachdenkt, ein Start-up zu gründen, läuft nicht immer dem Traum vom großen Reibach hinterher. Einige möchten vielmehr ihre Idee von einer besseren Welt verwirklichen. Aber in welchem Geschäftsmodell lernt diese Idee am besten fliegen: als klassische Non-Profit-Organisation oder als Social Business? In jedem Fall sollten künftige Gründer ein paar Punkte bei der Entscheidung beachten.

Definitionssache: Non-Profit oder For-Profit
Vergleich der Geschäftsmodelle (social-business-stiftung)

Vergleich der Geschäftsmodelle (social-business-stiftung)

Non-Profit-Organisationen (NPOs) werden, bereits dem Namen nach, nicht vom Ziel der Gewinngenerierung geleitet. Vielmehr folgen sie einem sozialen, kulturellen oder wissenschaftlichen Leistungsauftrag, der in ihrer Satzung festgeschrieben ist. Dadurch schließen NPOs eine Versorgungslücke zwischen Markt und Staat (daher ist auch häufig vom „Dritten Sektor“ die Rede). Das geschieht dann, wenn der Markt die nachgefragten Güter nicht zur Verfügung stellt, weil es unrentabel oder politisch nicht gewünscht ist – wie bei öffentlichen Kollektivgütern wie Sicherheit oder Umweltschutz – und sich der Staat ebenfalls nicht dieser Aufgabe annimmt. Dann können bzw. müssen NPOs in die Bresche springen. Bekannte Themenfelder für sie sind z. B. die HIV-Prävention, Kunstmuseen oder der Behindertentransport.

 

„Just as entrepreneurs change the face of business, social entrepreneurs act as the change agents for society, seizing opportunities others miss to improve systems, invent new approaches, and create solutions to change society for the better.“ (Ashoka.org)

 

Sozialunternehmen (oder Social Businesses) setzen stärker auf die Kraft innovativer und gut skalierbarer Lösungen. Anders als klassische NPOs orientieren sie sich häufiger an der freien Wirtschaft. Sozialunternehmen sind also nicht auf ein Non-Profit-Modell festgelegt, sondern können wie „herkömmliche Unternehmen“ auftreten, jedoch inhaltlich in ihrer Zweckbestimmung immer klar auf die Lösung sozialer Probleme ausgerichtet. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu kommerziellen Unternehmen: Die erwirtschafteten Gewinne werden nicht als Dividende an die Kapitalgeber ausgeschüttet, sondern in das Unternehmen reinvestiert. Bekannte Beispiele finden sich in den Mikrofinanzbanken sowie selbstfinanzierten Bildungs- oder Gesundheitsprogrammen. 

Ein großer Unterschied zwischen Non-Profit- und For-Profit-Organisationen besteht in der Art ihrer Finanzierung. Daher ist der Finanzierungsplan als erster Schritt entscheidend, bevor man sich um die Organisationsart Gedanken machen kann: Wie kann die gute Idee (dauerhaft) finanziert werden?

 

"Das Schwierigste für Gründer von Sozialunternehmen ist die Finanzierung", sagt Frank Hoffmann, Gründer des Social Businesses Discovering Hands.

 

Als Non-Profit ist man fortwährend auf Spenden und andere Zuwendungen angewiesen, sofern man sich nicht über Staatsgelder finanziert. Das heißt, ein Teil der Arbeitszeit wird immer darauf gebunden, zahlungswillige Mitglieder zu finden und zu halten oder zumindest Spender zu akquirieren. Diesen Aufwand sollte keinesfalls unterschätzt werden, auch wenn er einem größere Freiheit in der Querfinanzierung ermöglicht. Das heißt auch, dass man nicht direkt mit der Zweckerfüllung Geld verdienen muss. Ein großer Vorteil in Bezug auf die sogenannten meriotischen Güter, bei denen die private Nachfrage hinter dem gesellschaftlich gewünschtem Ausmaß zurückbleibt, wie z. B. bei Behindertenwerkstätten, kulturellen Einrichtungen oder Projekten in der Kriminalitäts-Prävention. Eine erfolgreiche Initiative kann eine „soziale Rendite“ erwirtschaften; damit Geld zu erwirtschaften, ist jedoch schwierig. Hier sind Querfinanzierungen für die Erhaltung notwendig, sei es durch staatliche Subventionen oder durch private Zuwendungen.

 

Im Bereich der For-Profit-Sozialunternehmen können in der Initiationsphase Privatinvestoren, Inkubatoren, Banken oder Fonds für die erste Finanzspritze sorgen. Im Gegensatz zu NPOs besteht bei ihnen allerdings im Normalfall das mittelfristige Ziel der eigenständigen Refinanzierung. Das bedeutet, dass sie zumindest einen Teil ihrer zweckgerichteten Leistungen am Markt (oder im Fall der Social Bonds an den Staat) verkaufen. betterplace.org, Deutschlands größte Spendenplattform, finanziert sich beispielsweise vorwiegend über CSR-Leistungen, die sie Unternehmen anbieten, um darüber auch die kostenlosen Leistungen für soziale Organisationen mitzufinanzieren. Greeneration in Indonesien verdient hingegen sein Geld über das Großkundengeschäft: Sie bieten Supermarktketten Stoffbeutel mit deren Logo entgeltlich an, um so die Plastiktüte zu verbannen. Und Reuters Market Light ist ein Agrar-Informationsservice, bei dem sich indische Bauern per Handy über aktuelle Entwicklungen im Erntebetrieb auf dem Laufenden halten können. Dieser Service kostet den Bauern 90 Cent im Monat; bei mittlerweile über einer Million Abonnenten können so die Kosten gedeckt werden.

 

„For-profit social enterprises are also required to deliver a superior product or service, because if you don't, you have no revenue“, meint Jon Carson, CEO von BiddingForGood.

 

Beide Varianten der Finanzierung haben ihre Vor- und Nachteile: Ein Social Business ist stärker den Gesetzen des Marktes ausgesetzt. Ihr Produkt muss sich also dem Anspruch der Kunden entsprechen und genießt nur bedingten Schutz (weil es um eine gute Sache geht). Das fördert allerdings ein wirtschaftliches Vorgehen und die Innovationskraft, um am Markt bestehen zu können. Klassische NPOs können sich dem entziehen, müssen aber viel Zeit ins Fundraising investieren. Eine NPO, die hervorragend Spenden sammelt und gleichzeitig relativ schlecht ihren sozialen Zweck erfüllt, kann wirtschaftlich erfolgreicher sein als eine NPO, die besser arbeitet, aber schlechteres Fundraising betreibt. Das ist insofern tragisch, als dass der soziale Impact das einzig entscheidende Erfolgskriterium sein sollte.

 

Sozialunternehmen, die sich für ein For-Profit-Modell entschieden haben, können auch Investoren aufnehmen, die an einer finanziellen Rendite interessiert sind, die an sie ausgeschüttet wird. Das gestaltet die Investorensuche natürlich erheblich leichter. Auf der anderen Seite haben Non-Profit Sozialunternehmen den Vorteil, dass bei ihnen nicht zwei Metriken miteinander konkurrieren: wirtschaftlicher Erlös und inhaltliches Ziel. Yunus zufolge, dominiert in diesen Fällen häufig der monetäre Aspekt, weil wir es gewohnt sind, den wirtschaftlichen Erfolg zu messen und dafür sehr ausgefeilte Metriken besitzen, während sich die soziale Wirkung deutlich schwerer feststellen lässt.

 

Die Liste der Finanzierungsmöglichkeiten ist länger: Auch Darlehen, Kredite, Crowdfinancing, Förderprogramme, Wettbewerbe sowie unterschiedliche Formen des Eigen- wie Fremdkapitals (etwa durch Inkubatoren oder Businessangel) kommen in Frage. Die verschiedenen Finanzierungsarten lassen sich zudem kombinieren, so dass sehr unterschiedliche Finanzierungsketten entstehen können: bspw. durch Freunde und Familie in der Startphase, dann durch Wettbewerbe und Inkubatoren in den ersten Wachstumsphasen, bevor das Geschäftsmodell das Social Business schließlich langfristig tragen soll. 

Rechtliche Voraussetzungen und Hürden
Social Entrepreneurship in Deutschland (KfW)

Social Entrepreneurship in Deutschland (KfW)

 

Den Begriff „Non-Profit-Organisation“ gibt es im deutschen Recht nicht. Als NPO muss man also den geeigneten Rechtsträger finden. In Frage kommen dafür im Wesentlichen die Gründung als Verein, Stiftung, Genossenschaft oder Kapitalgesellschaft (gGmbH und gAG). Insbesondere letztere eignen sich auch für ein Social Business, wobei hier sogar auf den rechtlichen, „gemeinnützigen“ Zusatz verzichtet werden kann. Dazwischen werden auch Hybridkonstrukte, wie z. B. ein eingetragener Verein plus GmbH oder AG, häufiger.

 

Zur Gründung eines Vereins benötigt es mindestens sieben Mitglieder, die den Vereinszweck in der gemeinsamen Satzung festhalten. Die Mitglieder sind für alle Vereinsaktivitäten zuständig. Ein Verein steht also für eine Gemeinschaftskultur über den Wirtschaftsbetrieb hinaus. Bei Stiftungen und GmbHs konzentriert sich die Unterstützung durch die Gründer hingegen primär auf die finanzielle Förderung, die nicht mit den inhaltlichen Aktivitäten zusammenfallen muss.

 

Die gGmbH ist rechtlich gesehen keine Sonderform der GmbH. Sie verbindet vielmehr die klassische Rechtsform einer GmbH mit einer steuerbegünstigten, weil gemeinnützigen, Unternehmenstätigkeit. Im Vergleich zu Stiftungen und Vereinen lassen sie sich flexibler lenken, da Vereinsstrukturen eine größere (stimmberechtigte) Mitgliederzahl aufweisen als Gesellschafter und Geschäftsführer einer GmbH. Zudem sind in einer GmbH die Gesellschafter finanziell stärker beteiligt, was häufig auch zu einem größeren Engagement führt. Schließlich sind sie an den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens gebunden. Auf der anderen Seite kommen damit die üblichen gewerblichen Pflichten, was den regelmäßigen Nachweis eines Inventars, einer Bilanz sowie von Gewinn- und Verlustrechnungen betrifft. Je nach Größe können weitere Prüfungspflichten hinzukommen.

 

Auch die Gründung von Stiftungen ist eine Möglichkeit. Während GmbHs mit einem Mindeststammkapital von 25.000 EUR ausgestattet werden müssen (bei einer Unternehmergesellschaft haftungsbeschränkt sind es nur mindestens ein Euro), ist die nötige Kapitalaufbringung bei Stiftungsgründungen in der Regel deutlich höher (Ausnahme: unselbstständige Stiftungen), da hierüber später auch die gemeinnützige Arbeit langfristig finanziert werden soll. Mit einer Stiftung wird der entsprechende Zweck „auf ewig“ festgeschrieben (mit einer weiteren Ausnahme: der Verbrauchsstiftung), da er sich nach dem Willen des Stifters richtet und nicht ohne weiteres, wie bei einer GmbH, ändern lässt.

 
Öffentliche Wirkung und kulturellbedingte Auffassung
 

Spenden sammelnde Organisationen sind auf das Wohlwollen potentieller Spender angewiesen. Damit das gesellschaftliche Ziel der Organisation erreicht werden kann, müssen Beziehungen gepflegt werden: zu Sponsoren, Geschäftspartnern oder eben Spendern. In der Wissenschaft gibt es noch keine belastbaren Daten, inwieweit ein Verein aufgrund seiner Rechtsform leichter Spenden sammeln kann als eine gGmbH. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass eine (g)GmbH aufgrund ihrer unternehmerischen Tätigkeit (und dem damit assoziierten Gewinnstreben) zumindest ältere Kleinspender eher abschreckt. Unternehmen als potenzielle Großspender oder auch Geschäftspartner könnten allerdings genau diesen Aspekt und die vermutete unternehmerische Professionalität hinter dem modernen Label „Social Business“ zu schätzen wissen. Gleiches könnte auch für Produkte gelten, wenn die Unterstützer als Kunden und nicht als Spender auftreten und entsprechende Leistungserwartungen an Produkt und Unternehmen mitbringen.

 

Es gibt gesellschaftlich klare Erwartungen, wer soziale Probleme zu lösen hat. In Deutschland ist die Rolle des Sozialstaates sehr stark, zusätzlich ergänzt durch die großen Wohlfahrtsverbände. Die Caritas (ein eingetragener Verein) ist mit knapp 600.000 Mitarbeitern der größte privatrechtliche Arbeitgeber Deutschlands. Der Durchschnittsbürger stellt daher große Erwartungen an den Staat und die Wohlfahrt. Die Idee der Social Business ist zwar nicht neu (man denke an Friedrich Wilhelm Raiffeisen oder Adolph Kolping im 19. Jahrhundert), wurde aber lange Zeit gesellschaftlich kaum gewürdigt. Auch durch die Vergabe des Nobelpreises für Muhammad Yunus im Jahr 2006 – auf ihn geht die heute gängige Definition des Social Business zurück – haben die unternehmerischen Ansätze an Akzeptanz gewonnen. Allein in Deutschland geht man heute von zwischen 40.000 und 70.000 Sozialunternehmen aus (kfw: Stand April 2013).

 

In vielen Entwicklungsländern sind Sozialunternehmen schon länger gesellschaftlich anerkannt bzw. waren nie aufgrund unterstellten Profitstrebens vorbelastet. In Japan oder Südafrika beispielsweise sind NPOs die Ausnahme. Zum einen, weil hier deren Gründung rechtlich deutlich komplizierter ist, zum anderen, weil Unternehmertum in sozialen Fragen genauso positiv gesehen wird. Aufgrund der mangelhaften Versorgung durch den Staat kommt den Sozialunternehmen eine gewichtige Bedeutung zu. Ähnliches lässt sich für die USA (und mittlerweile auch UK) beobachten, wo der Staat sein soziales Netz deutlich gröber strickt. Der Staat versucht diese Lücke gezielt durch Sozialunternehmen zu füllen, indem er etwa Programme zur Stärkung der Zivilgesellschaft ins Leben ruft (Social Innovation Programm in den USA oder Big Society in Großbritannien) und Social-Business-Inkubatoren, wie den Y-Combinator in den USA, fördert. Anders in Ägypten, wo der Staat die Gründung von NPOs durch extrem strenge Auflagen hemmt und eigentlich nur in politisch gänzlich unbedenklichen Themenfeldern, wie z. B. die Erziehung von Slumkindern, ermöglicht. In Estland ist als letztes Beispiel die Entscheidung Non-Profit oder For-Profit gänzlich unideologisch geprägt und hängt fast ausschließlich davon ab, welche Finanzmittel bei der Gründung zur Verfügung stehen. Die Wahl des Business-Modells sollte also immer im kulturellen Kontext gesehen werden. 

 

Fazit

 Non-Profit oder For-Profit, wie verbessert ein Start-up die Welt? Die Antwort ist nicht leicht und sollte die Art der Finanzierung (inkl. Kapitalausstattung), die Aufwand- wie Erlöspotenziale, die Wahl der möglichen Rechtsform, die Dauerhaftigkeit des Zwecks und die gesellschaftlichen Erwartungen berücksichtigen. Vereine, Stiftungen und Genossenschaften haben längst nicht mehr das Monopol darauf, gesellschaftlichen Nutzen zu stiften.