IQ-Test für Smart Cities

Smart Cities sind sehr angesagt, doch man muss auch sehr smart sein, um zu verstehen, was der Begriff eigentlich bedeutet.

Das Konzept der Smart City ist, abgesehen von Technologien zur Einsparung von Transport- und Energiekosten, so vage, dass sich sogar Wüstenstädte so nennen können. Der Wettbewerb zwischen Großunternehmen führt zu einem Hightech-Rückfall in den Feudalismus und zur Aneignung öffentlichen Raums durch Konzerne. Die Stadtplanung muss daher auf der Hut sein, was Regulierungsrahmen betrifft, und sie muss mit einem erweiterten Konzept der Region arbeiten, damit sich Städte nachhaltig entwickeln können. Eine Kritik der schlauen Städte.

- Autor: Christopher Emsden, Luis Feduchi

Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download).

Smart Cities sind sehr angesagt, doch man muss auch sehr smart sein, um zu verstehen, was der Begriff eigentlich bedeutet. Smart hat viele Synonyme: intelligent natürlich, aber mitunter auch: wendig, clever, kreativ, brillant, raffiniert, gerissen, vernünftig und sogar weise. Auf der anderen Seite könnte man fragen, was eine Smart City nicht ist: stumpf, töricht, unwissend, dumm und vielleicht unbeholfen.

Der Begriff Smart City setzt meistens auf eine Auswahl dieser Nuancen und bezeichnet Strategien, die zur Überwindung struktureller Mängel genutzt werden. Am häufigsten meint der Begriff wohl eingebettete Technologien zur Reduktion von Transportzeiten und Energieverbrauch – vielleicht gibt es noch ein stadtweites WLAN-Netz gratis dazu. Dabei können Außensensoren – deren Installation mittlerweile sehr kostengünstig ist – und drahtlose Kommunikationsnetze zum Einsatz kommen. Dieses Modell ist unter anderem attraktiv, weil es offenbar auf die kommende Einführung selbstfahrender Autos zugeschnitten ist.
In einigen Fällen – Songdo in Südkorea und Masdar in Abu Dhabi – wurden brandneue Städte aus dem Boden gestampft, die angeblich vollkommen smart sind. Die Beurteilung ihres Erfolgs wird warten müssen bis diese Städte bewohnt sind.


Ressourcen, auf die alle Formen biologischen Lebens angewiesen sind: Energie, Nahrung und Wasser
Im Spanischen oder auch in anderen Sprachen fällt es schwer, manche dieser klassischen Beispiele der Smart-City vorbehaltlos als intelligent zu bezeichnen. Das zeigte sich, als New York bei der jüngsten Smart City Expo in Barcelona die Auszeichnung als smarteste Smart City erhielt – eine Auszeichnung, für die soziale Gerechtigkeit ein Kriterium ist. Vielleicht findet sich die Smartheit von New York eher im für sie typischen Bottom-Up-Ansatz als im Büro des Bürgermeisters. Und die Expo wurde von Cisco, Amazon und Siemens gesponsert. Vielleicht war das ein Grund für New Yorks Auszeichnung.

Um die Smartheit einer Stadt zu ermessen, bräuchte es zumindest Studien dazu, wie jene Ressourcen gehandhabt werden, auf die alle Formen biologischen Lebens angewiesen sind, wie zum Beispiel Energie, Nahrung und Wasser. Ein allgemeiner Leitfaden dafür, was Smartheit ausmachen könnte, findet sich in den von den Vereinigten Nationen formulierten Zielen nachhaltiger Entwicklung, den SDGs. Ihnen geht es um die Bereitstellung angemessenen Wohnraums und von Verkehrsnetzen, die Sanierung von Slums, den Schutz vor wasserbedingten Katastrophen und die Reduktion der Pro-Kopf-Umweltbelastung in Städten bis zum Jahr 2030. Diese Richtlinien erfordern eine Stärkung und Integration stadtplanerischer Rahmenbedingungen und könnten bei der Kontrolle von Landnutzungsverhältnissen, Luftverschmutzung und ähnlichen Schlüsselfaktoren hilfreich sein. Dennoch sind die meisten Städte einzigartig, ebenso wie die Beziehungen zu ihrem Umland und zum Rest des Planeten.


Der Versuch, Dubais Ölabhängigkeit durch Hotels und Einkaufszentren zu kompensieren, mag vernünftig sein, ist aber nicht unbedingt smart
In diesem Sinne ist es großartig, dass postmoderne Städte wie Dubai ökologisch nachhaltige Baustoffe verwenden. Der Versuch, seine Ölabhängigkeit durch Hotels und Einkaufzentren zu kompensieren, mag vernünftig sein, ist aber nicht unbedingt smart.
Eine weitere mit Auszeichnungen überschüttete Smart City ist Babcock Ranch in Florida, das sich als CO2-armes Hightech-Solarparadies anpreist. Angesiedelt in einem Naturschutz-Korridor sollen dort 50.000 Menschen auf dem gleichen Raum leben, der in Manhattan Platz für 1,6 Millionen Einwohner bietet. Das klingt nach einem netten Plan für die Bewohner von Babcock Ranch, ist aber weniger smart im Hinblick auf die 99,8 Prozent der übrigen in Florida lebenden Menschen.

Inzwischen erhält auch Paris Höchstwertungen in Smart-Rankings, die von Technologie-Konzernen gesponsert werden. Und das, obwohl das Hochwasser im letzten Jahr katastrophal war und als das Schlimmste dieser Art seit vielen Jahrzehnten beschrieben wurde. Sicherlich hatte die Stadtverwaltung ein smartes Konzept für die Seine entwickelt.
Es ist bemerkenswert, dass von Smart Cities geredet wird, wenn die dafür eingesetzten Bebauungspläne auf grauenhaft ineffizienten Formen der Landnutzung basieren. Und wenn sie die Rolle von Gewässern vernachlässigen – die historische Rolle, die Gewässer für die Gründung und das Wachstum von Städten gespielt haben, seit der Homo sapiens den Neandertaler von der Weltbühne verdrängt hat.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht geht es darum, den Homo sapiens aus der Geschichte zu entlassen. Die smarteste Stadt von allen ist wohl das Center for Innovation, Testing and Evaluation im Südosten New Mexicos. Schon der Name zeigt, dass es sich dabei nicht um einen belebten Ort handelt, und tatsächlich hat diese Stadt keine Einwohner. Sie ist ein Potemkin’sches Dorf – mit Innenstadt, Vororten und sogar einem semi-ländlichen Stadtrandgebiet – das gegründet wurde, um selbstfahrende Autos und andere Automationstechnologien zu testen. Der eine Milliarde US-Dollar teure Komplex ist ein riesiges 'Buy-to-Let'-Projekt, in dem sich Forschungskonzerne Labore anmieten können. Es ist eine Stadt im Sinne Platons – gegründet, um die Schatten an der Wand zu studieren und sie anderswo nachzubauen.

Man könnte all das als eine Form dessen auffassen, was Friedrich von Hayek als "verhängnisvolle Anmaßung" bezeichnet hat – die Idee, dass ein zentralistischer Planer zum Scheitern verurteilt ist, weil Wissen von Natur aus ein distributives System ist. Diabolisches Beharren würde dann ein finstereres Motiv darstellen, wie etwa das Verlangen, einen Regulationswahnsinn zu rechtfertigen und Menschen auf den "Weg zur Knechtschaft" zu drängen.

Aber wir sollten nicht verzweifeln. Schließlich haben wir einen Wegweiser, nämlich die einschlägigen Ideen von Jane Jacobs, insbesondere ihre Hypothese, dass Städte der Landwirtschaft vorangingen. Entgegen der Vorstellung, dass die ersten Landwirte Überschüsse erzielten und anschließend Hierarchien entwickelten und Straßensysteme planten, argumentiert Jacobs, dass ein reger Tauschhandel zwischen Menschen ab einer bestimmten Größenordnung zu dauerhaften Siedlungen führt, die wiederum als Auslöser für die Landwirtschaft dienen.


Der wirkliche Raum einer Stadt, ihr Lebensraum, ist wesentlich größer als ihr Grundbesitz
Eigenartig an der Rolle der Wissenschaft innerhalb der Smart-City-Blase ist, dass es so wenig von ihr gibt. Bis zu einem gewissen Punkt ist es beeindruckend, wenn Millionen von Außensensoren so arrangiert werden, dass fahrerlose Transportsysteme Kreuzungen sicher bewältigen können. Aber wenn das Ziel sein soll, Autounfälle und Verletzungen im Straßenverkehr zu vermeiden – was die UN-Generalversammlung nachdrücklich fordert – dann muss es eine weniger aufreibende Lösung für das Problem geben.

Und zum Wohlstand: Weil sich Armut in westlichen Städten mittlerweile zunehmend in den Vororten konzentriert, wären es ausgerechnet diese Außenviertel, die smarte Technologien benötigen, und nicht die wohlhabenden Innenstädte. Das trifft besonders auf die USA zu, wo derzeit nur vier Prozent der vorhandenen Jobs in weniger als 45 Minuten von einkommensschwachen Vororten aus erreicht werden können. Und ebenso unausweichlich gilt das für rasant wachsende Städte in Afrika, wo sich zu Megastädten wie Lagos und Kairo bald neue Großstädte wie Luanda und Ougadougou gesellen und wo von Einwohnerzahlen auszugehen ist, die sich innerhalb einer Generation vervierfachen werden.

Ferner benötigen viele Städte, freilich auch westliche Städte, immaterielle Planungsformen, die der Bürgerpartizipation zuträglich sind. Denn die Anwesenheit von zu vielen Idioten – dieser Begriff bezeichnete im antiken Athen diejenigen, die sich nicht am Stadtleben beteiligen – kann jede funktionsfähige Infrastruktur beschädigen.
Das vom Harvard-Professor Richard T.T. Forman entwickelte Konzept der Stadtregion ist hier sinnvoll. Forman entwarf dieses Konzept ausdrücklich in der Absicht, Städte zu reskalieren, um sie im Gleichgewicht zu halten. Dieser Ansatz hat viele Dimensionen, aber die erste und offensichtlichste ist, dass der wirkliche Raum einer Stadt – ihr Lebensraum, verstanden im eher technologischen als im idealistischen Sinn – wesentlich größer ist als ihr Grundbesitz. Das trifft umso mehr zu, wenn CO2-Neutralität als relevant vorausgesetzt wird.


Dieses erweiterte Verständnis einer Region hat weitreichende, noch zu erforschende Konsequenzen für die Raumplanung. Forman entwickelte das Konzept vor zwanzig Jahren und verdeutlichte es damals durch das Bild eines Mosaiks, das aus der Luftperspektive betrachtet wird: Synkopierte Grün- und Getreideflächen, die sich als Flicken, Korridore und Raster artikulieren. Angemessen ausbalanciert würden diese Elemente zu einem ökologischen Gleichgewicht führen – und zu dem, was man heutzutage eine Smart City nennen könnte.


Effizienzsteigerung ist fraglos erwünscht; der von Konzernen betriebene Raubbau am öffentlichen Raum dagegen nicht

Um auf Athen zurückzukommen, könnte man hervorheben, dass jede räumliche Artikulation, genauso wie jede politische, vom Gespräch – von der sokratischen Kunst – zwischen den unterschiedlichen Teilen profitiert. Formans ökologische Perspektive erweitert lediglich den Kreis der Beteiligten.
Insofern, als Menschen in Städten zusammenleben, sind digitale Lösungen hinsichtlich einer Reihe von Grundbedürfnissen vielversprechend. Dennoch führt kein Weg daran vorbei, Nahrung, Energie, Wasser und einen grundlegenden Schutz vor Katastrophen wie Erdrutschen und Hochwassern zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang stellt die Zunahme von digital abrufbaren 'Just-in-Time'-Zustellsystemen eine radikale Wende dar, auch wenn diese immer noch erfordern, dass Dinge umherbewegt werden. Tatsächlich besteht die wesentliche Revolution, zumindest in einem urbanistischen Sinne, eher darin – wie die Architektin Clare Lyster aus Chicago nahelegt – dass Objekte zu Informationen innerhalb von unablässigen Bewegungsströmen werden, als dass Information nun eine Ware ist.

Dennoch sind Lagermöglichkeiten notwendig, unabhängig davon, wie schlank eine Zulieferkette ist. Daher sind Lagereinheiten ebenso Teil von Formans Mosaik und können offensichtlich nicht in allzu weit vom Stadtzentrum entfernte Gebiete ausgelagert werden.
Eine zentrale und entscheidende Frage, die sich im Hinblick auf heutige Smart Cities stellt, ist also eine, die weit in die Geschichte zurückreicht: Wie können Rechte verteilt werden – jetzt, da diese Rechte nicht mehr nur Boden und Erwerbsmöglichkeiten betreffen, sondern auch saubere Luft, Wasser und Wohnraum in einem nachhaltigen Ökosystem.

Fazit

Derzeit setzt der digitale Hype auf scheinbar smarte Lösungen, wie etwa Uber, das im Begriff ist, das bestehende Taxisystem zu ersetzen. Wichtig ist, dass diese Entwicklung mit zusätzlichem Nutzen und stärkerem Gleichgewicht verknüpft wird und nicht mit einer neuen Form regulatorischer Arbitrage, mit einem Hightech-Rückfall in den Feudalismus. Das heißt, dass die Art und Weise, wie Netzwerke und Räume genutzt werden, gesteuert werden muss. Das gilt auch für die Ecken und Winkel, die keinen Marktwert zu haben scheinen, dafür aber vielleicht andere Vorteile bieten. Effizienzsteigerung ist fraglos erwünscht; der von Konzernen betriebene Raubbau am öffentlichen Raum und an Netzwerkkapazitäten – eine Art innerstädtischer Kohleabbau – dagegen nicht.


Unabhängig vom jeweiligen Maßstab, kann die Stadtplanung davon profitieren, wenn nicht nur ihre Ziele explizit deutlich gemacht werden, sondern auch das, was nicht passieren soll. Das war schon immer so in Bereichen wie dem Hochwasserschutz, aber es lohnt sich, diesen Ansatz auf Formans neue regionale Kartografie auszuweiten.