Technik passiert nicht; wir müssen sie gestalten

Professor Zweck fühlt der Trendforschung im Trend auf den Zahn

Der Biochemiker und Soziologe Axel Zweck ist Zukunftsforscher. Lennart Laberenz traf ihn in seinem Büro am Düsseldorfer Flughafen, um herauszufinden, was sozio-technologische Trends eigentlich sind – und fand sich plötzlich im Kampf um die Demokratie wieder.


- Autor: Lennart Laberenz
Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download).

Herr Professor Zweck, wenn immer mehr Menschen ihre Eier nur noch hartgekocht essen: Ist das dann ein Trend? Oder anhand welcher Parameter grenzen Sie diesen Begriff ein?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Begriff Trend aufzugliedern. Eine grobe Kategorie sind die Megatrends. Die sind im Allgemeinen bereits ganz gut bekannt und in der Öffentlichkeit mitsamt ihren Wirkungen auch diskutiert – was aber nicht heißt, dass sie schon ausreichend reflektiert sind. Ich denke da an den demographischen Wandel, die Globalisierung oder die Auflösung nationaler Strukturen im Bereich Wissen. Trends sollten die Möglichkeit einer intensiveren Wirkungsentfaltung bis 2030 haben und unsere Gesellschaft mit einer gewissen Intensität beeinflussen. 

Drei Klassen von Trends

Sie sprechen sonst auch von drei Klassen von Trends: den offenen, den verdeckten und den normativen. Wie unterscheiden die sich?

Ich spreche weniger von Klassen als von Suchsträngen. Die offenen Gesellschaftstrends sind Veränderungen in Wissenschaft, Wirtschaft und Medien, die in irgendeiner Weise schon formuliert sind. Die schon einmal breiter wahrgenommen wurden und nicht nur in einem Nischenpapier diskutiert wurden. Vielleicht nur in bestimmten Zirkeln, von Wissenschaftlern, Experten, in politischen Runden.

Bevor wir zu den anderen Klassen kommen: Was wäre ein Beispiel für einen gerade aktuellen offenen Gesellschaftstrend?

Zum Beispiel der Trend zur Gamification und zur virtuellen Realität, den Hang, sich in Simulationen auszutoben. Das führt dazu, dass wir dem Leitbild der Immersion folgen und Technik in eine Richtung weiterentwickeln, die es uns möglich macht, in Welten hineinzugehen, die immer authentischer aussehen. Das funktioniert stark über spielerische Dimensionen. Ich denke, wir werden noch erleben, dass alle unsere Sinne, einschließlich des Gleichgewichtsorgans, angesteuert werden können durch äußere Stimulation. Dann wären wir ganz drin in diesen Orten und hätten die Möglichkeiten zu interagieren. Während die virtuellen Welten immer realistischer werden, werden die realen Welten immer virtueller. Wenn wir uns in der Realität der Zukunft begegnen und die entsprechenden Brillen aufhaben, bekomme ich einen kleinen Datensatz eingeblendet, in dem steht, dass dies Herr Soundso ist, wo und wann wir uns zuletzt trafen. Virtuelle und Augmented Reality sind zwei aufeinander zugehende Tendenzen, beide Entwicklungen fließen ineinander. Das Problem ist nur, dass die Wirkungen dieser Trends gesellschaftlich vollkommen unzureichend reflektiert werden. Wir müssen also ein Bewusstsein für diese Trends entwickeln. Technik passiert nicht, sondern wir müssen sie gestalten.

Was ist ein verdeckter Trend?

Das ist der Trend, der vielleicht noch gar keine eigenen Begrifflichkeiten hat. Der in der einen oder anderen Spezialdiskussion irgendwo auf der Welt auftaucht, aber das breite gesellschaftliche Bewusstsein noch nicht erreicht hat. Mit der Suche nach verdeckten Trends wollen wir Wahrnehmungsfilter überwinden.

Fehlt noch der normative Trend…

Damit kommen wir zu den Leitbildern. Ein normativer Trend steht für eine gewünschte Position. Weil wir wissen müssen, wo wir hinwollen, ist es entscheidend, Szenarien zu entwerfen, die feststellen, wie eine bestimmte Haltung zu den technischen Entwicklungen, ein Umgang mit ihnen, aussehen soll. Bei normativen Trends geht es also darum, was wir uns wünschen. Jede Zukunftsbetrachtung lebt von einem solchen Spektrum zwischen Erwartetem und Gewünschtem, davon, dass wir technische Leitbildtrends gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüberstellen. Also fragen wir, wofür die Technologie genutzt werden könnte und sollte. Das sind oft praktische Momente in einer sonst politischen Diskussion: Wie viel Autonomie wollen wir den autonomen Fahrzeugen geben? Was ist legitim, was ist vertretbar? Wo gibt es technische Grenzen, wie gehen wir damit um? Innerhalb bestimmter technischer Grenzen können wir zum Beispiel autonome Fahrzeuge vielleicht auf der Autobahn mit einer bestimmten Geschwindigkeit in bestimmten Streckenabschnitten zulassen. Aber was sind unsere Werte, und wie können wir sicherstellen, dass sie berücksichtigt werden? Das sind Fragen und Diskussionen, die normative Trends ausmachen.

Sehen Sie in den offenen und verdeckten Trends stärker kommerzielle Interessen vertreten, während in den normativen Trends eher öffentliche Institutionen und Interessen eine Rolle spielen?

Die drei Kategorien sind ein Instrumentarium, mit dem wir uns Trends nähern. Sauber trennen lassen sie sich nicht. Sie können natürlich, wenn wir uns etwa die virtuelle Realität anschauen, sagen: Der Treiber ist die technische Entwicklung. Das stimmt aber nicht. Die Motivation des Menschen, spielerisch bestimmte Dinge zu handhaben, ist der eigentliche Treiber. Sich zu entspannen, zu lernen und Neugierde spielen eine Rolle, das Interesse, in Welten zu agieren, für die andere physikalische Gesetzmäßigkeiten gelten. Technische Entwicklungen sind auch hier nicht determiniert.


Wann ist ein Trend wirklich relevant?

Sie koordinierten das Foresight-Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Nach welchen Kriterien unterscheiden Sie dabei einen sozial relevanten Trend von einer Mode oder flüchtigen Erscheinung?

Ich habe schon über den Neuigkeitsgrad gesprochen. Das ist ebenso wichtig wie die Relevanz und der Zeithorizont eines Trends. Wir haben uns bei unserer Analyse stark auf die Themen Technik und Wissenschaft bezogen, weil wir davon ausgehen, dass es in modernen Gesellschaften keine rein sozialen und keine rein gesellschaftlichen Trends mehr gibt. Es gibt nur noch sozio-technische Trends. Und das ist entscheidend. Innovationsprozesse verlaufen dabei nicht linear, sondern iterativ im Austausch zwischen Nutzern – welche die sozial-kulturellen Komponenten in den Prozess bringen – und denen, die Technologieangebote machen. Wenn ein Mobiltelefon von heute vor zwanzig Jahren auf den Markt gekommen wäre, wären die Nutzer wohl nicht in der Lage gewesen, damit umzugehen. Die alte Erkenntnis: Innovationen müssen zum richtigen Zeitpunkt kommen, müssen aufeinander aufbauen. Schritt für Schritt können sie aber dennoch quasi-revolutionär wirken. Weitere Kriterien sind eine gewisse Solidität und Validität unserer Aussagen. Wir wollten nicht irgendwelche Trends beschreiben, die man auf der Straße beobachten kann. Moden sind etwas Kurzfristiges. Darum haben wir untersucht, inwiefern das, was wir beobachten, eine weitreichende Wirkung hat und länger anhaltend ist.

Und wie genau untersuchen Sie das? Welche Werkzeuge nutzen Sie?

Die Zukunftsforschung hat im wesentlichen drei Instrumentenkästen, mit denen sie ganz gut arbeiten kann: die Technikfolgeabschätzung zur Risiko- und Chancenanalyse, die Technologiefrüherkennung zur Ermittlung neuer Technologien sowie den Foresight, der die Verbindungen zwischen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen über längere Zeiträume betrachtet. Ziel der Zukunftsforschung ist, Informationen zusammenzutragen, die zukunftsrelevant sein können.

Klingt logisch…

Wenn wir uns mit Zukunft befassen, tun wir das zu einem bestimmten Zweck. Zum Beispiel für einen Firmenchef, der vor der Schwierigkeit steht, eine Entscheidung mit Zukunftsrelevanz unter Ungewissheit treffen zu müssen. Also guckt er sich zunächst den Stand der Dinge an, damit er eine erste Entscheidungsgrundlage hat. Aber Ungewissheiten auch bezüglich der Konsequenzen bleiben.Hier können wir Zukunftsforscher helfen, indem wir erst einmal Wissen zusammentragen, nach Gedanken suchen, die sich andere in Papieren und Analysen bereits zur Zukunft der betreffenden Sache gemacht haben. Damit setze ich auf den Stand der Dinge noch etwas drauf und bereite den Entscheider besser auf die Zukunft vor. Wir sind also keine Propheten, sondern wir zeigen nur auf, welche Entwicklungswege es gibt. Das führt dazu, dass das Maß der Ungewissheit für den Manager kleiner wird. Es heißt aber nicht, dass es dann keine Ungewissheit mehr gibt.


Zukunftsforschung als Wissenschaft

Dennoch wird der Zukunftsforschung und ihren Methoden mit einer gewissen Reserviertheit begegnet, nicht wahr?

Es ist klar, warum sich die Zukunftsforschung noch nicht zu einer etablierten Wissenschaft entwickelt hat. Ihr fehlt das Kriterium der Überprüfbarkeit der Thesen wie in der Naturwissenschaft. Das Ergebnis eines Experimentes aus einem Labor können Sie publizieren, andere Wissenschaftler können das Experiment nachmachen und Ihnen widersprechen, sie können Ihre Methoden kritisieren. Diese direkte Überprüfbarkeit der Ergebnisse haben wir in der Zukunftsforschung nicht. Wir entwerfen nur Bilder von möglichen Zukünften. Man kann zum Beispiel kritisieren, dass die Szenarien, die Dennis Meadows für den Club of Rome in den „Grenzen des Wachstums“ gezeigt hat, so nicht eingetreten sind. Aber zumindest entstand eine Diskussion über die Beschränktheit der globalen Ressourcen und erweiterte den Blick auf die klimatische Wirkung menschlichen Handelns bis zu einem möglichen globalen Kollaps. Die Studie hatte also Wirkung.

Sind es vor allem kommerzielle Treiber, die versuchen, Trends zu organisieren, zu beeinflussen, für sich zu okkupieren und die sich deshalb an die Zukunftsforschung wenden?

Das würde ich so nicht generalisieren. Es gibt viele Akteure in unserer Gesellschaft, die Interesse an solider Zukunftsforschung haben. Denken wir an NGOs. Die möchten wissen, ob ihre Thesen, mit denen sie ihre Tätigkeit rechtfertigen, in irgendeiner Weise stimmen. Die NGOs bilden ein großes Gegengewicht zu kommerziellen Interessen. Es gibt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das Interesse an den Trends der Zukunftsforschung hat, die OECD und auch sehr viele Thinktanks, die sich mit Zukunftsfragen befassen.


Technische Entwicklungen und soziale Utopie

Frank Schirrmacher hatte einmal in einem Essay behauptet, dass mit der ersten Mondlandung 1969 der Zenit erreicht war, bei dem technologische Entwicklung und soziale Utopie noch zusammenfielen. Dass seit der Rückkehr vom Mond die technischen Entwicklungen immer mehr um sich selbst kreisen und die sozialen Versprechungen der Innovation, die damit verknüpft waren, stagnierten. Wie sehen Sie das?

Ich sehe das anders. Dass die Mondlandung die sozialen Innovationen nicht groß beeinflusst hat, wundert mich nicht. Die Raumfahrt war damals ein Forschungsunternehmen und kein sozio-technischer Trend. Ich behaupte, dass diejenigen, die auf den Mond wollten, gar keine soziotechnischen Versprechungen gemacht haben. Die Mondlandung war das Ende eines politischen Rennens, in dem man zeigen konnte, was man technologisch konnte und wollte. Natürlich werden solche Ereignisse symbolisch aufgeladen. Aber um zum inkrementellen Fortschritt zurückzukommen: Jetzt kann Ihre Uhr ins Netz gehen, die nächste ruft automatisch den Notarzt, wenn Sie einen Unfall hatten und so weiter. Wir vollziehen einen gewaltigen Veränderungsprozess als Summe vieler kleiner Schritte, so verstehe ich sozio-technische Entwicklung.

Und wo bleibt der utopische gesellschaftliche Überwurf dieser Trends? Ist der ersetzt durch den iterativen Prozess, oder ist der in der Herstellung von Produkten verloren gegangen?

Nein, bezogen auf die gesellschaftliche Entwicklung war der Besuch auf dem Mond auch nur einer dieser inkrementellen Schritte. Durch seine symbolische Aufladung hat er Zeichen gesetzt. Dann folgt meist Ernüchterung, weil der kleine Fortschritt den großen symbolisch getragenen Versprechungen nicht standhält. Aber die kleinen Fortschritte summieren sich. Unsere Konsumgesellschaften zeichnen sich auch dadurch aus, dass technische Innovationen schnell allgemein verfügbar sind. Die ersten großen Flachbildschirme waren so teuer, dass Sie davor standen und sagten: Irgendwie ist es mit meinem Wohlstand gar nicht weitergegangen, ich kann mir das gar nicht leisten. Wenn Sie dann einige Jahre warten, bekommen Sie vielleicht schon ein etwas kleineres Gerät für ’nen Appel und ’n Ei. In zehn Jahren halten Sie dann die faltbare digitale Folie in der Hand. Wir müssen also unterscheiden, was wir gesamtgesellschaftlich vorantreiben und was einzelne symbolische Aktionen sind.

Wenn wir auf Innovationen schauen, haben wir den Eindruck, überrannt zu werden, ohne dabei viel Fortschritt zu machen. Täuscht das?

Nun, Ihr Eindruck entsteht aus einem Trend, den wir als „Erosion des Fortschrittsgefühls“ beschrieben haben. Früher dachte man, dass der Innovationsprozess linear sei. Jemand erfand etwas, brachte es auf den Markt, und dann lief das. Heute wissen wir, dass Innovationsprozesse viel komplexer sind und dass sie viele verschiedene Akteure beeinflussen. Die Art, in der Innovationsprozesse voranschreiten, hat sich gewandelt. Wir beobachten heute Zyklen mehrerer gleichzeitig laufender Entwicklungen, sei es im Bereich der Pharmazie, in der Medizin oder in der Elektronik. Sprunghafte Entwicklungen wie nach der Erfindung der Dampfmaschine sind ein Phänomen der Vergangenheit. Immer mehr Wissenschaftler machen in immer mehr Bereichen Entdeckungen und sorgen für Fortschritte. Das führt insgesamt zu extrem hohen Wandlungsprozessen. Aber wir bekommen diese wegen der kleinen Innovationsschritte meist nicht offensichtlich mit.


Die Steuerungsdebatte

Ist die technologische Entwicklung auf einem Niveau angelangt, auf dem die herkömmlichen Debatten von Steuerung an ihre Grenzen kommen?

Es gibt Fälle, in denen wir die Frage der Steuerung neu stellen müssen. Das konnten Sie besonders bei der Diskussion um genetisch modifizierte Organismen beobachten. In der Freigabe solcher Organismen stecken Potentiale einer gewissen Verselbstständigung, auf die wir dann eventuell keinen Einfluss mehr haben. Wir müssen diese Autonomie des technisch Geschaffenen aber ins Kalkül ziehen. Das Gleiche werden wir tun müssen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz. Wenn wir bestimmte Prozesse und Mechanismen Maschinen überlassen, müssen wir uns sehr intensiv darüber Gedanken machen, was dies bedeutet. Es könnten mit der Zeit Automatismen eintreten, die ein gewisses Maß an Verselbständigung mit sich bringen. Die unterlägen dann eventuell keiner demokratischen Kontrolle mehr. Mag sein, dass das ganz rational die vernünftigere Entscheidung ist, aber sie wäre dann vielleicht nicht mehr legitimiert. Das hieße auch, dass wir uns von der Selbstverständlichkeit der Nicht-Determiniertheit verabschieden müssten. Einer künstlichen Intelligenz Entscheidungen zu überlassen, also autonomen Systemen, einem Auto, das in einer Situation entscheiden soll, ob es diesen oder jenen umfahren soll – das sind enorme ethische Herausforderungen. Technisch wird man das so lösen, dass das System so vorsichtig und langsam ist, dass es möglichst nie in eine solche Situation kommt. Aber wenn wir Maschinen solche Entscheidungen überlassen, und das wird ja bald der Fall sein, müssen wir eine ganz intensive Auseinandersetzung führen. Weil wir dann vielleicht Dinge aus der Hand geben, die wir nicht mehr wieder in den Griff bekommen können. So, wie es im Fall der genetisch modifizierten Organismen auch sein könnte. Es geht nicht um pessimistische Szenarien, sondern darum, sich selbstbewusst mit der Sache auseinanderzusetzen und geeignete und allgemein tragbare Regeln zu finden.



Sehen Sie denn, dass in unserer Gesellschaft diese Steuerungsmechanismen genügend diskutiert werden?

Demokratie ist nie fertig, das wird hier sehr deutlich. Wir haben uns zu sehr an die Qualität unserer Demokratie gewöhnt, daran, dass wir entscheiden können. Das müssen wir permanent wieder erkämpfen. Demokratie bedeutet auch, gerade in der Auseinandersetzung mit den neuen technischen Trends, diese selbst neu zu erfinden und weiterzuentwickeln. Nicht nur mit Blick auf technologische Entwicklungen, sondern auch mit Blick auf die Finanzwirtschaft. Natürlich muss es immer Raum für kreative Methoden geben, aber wenn diese gesellschaftsgefährdend werden, muss Einfluss geltend gemacht werden können. Das bedeutet, auf der einen Seite Innovationspotentiale nicht zu behindern und auf der anderen Seite zu sagen: Hier geht es nicht weiter, weil wir die Konsequenzen nicht wollen, weil wir nicht die geeigneten Sicherheitsvorkehrungen und Rückfalloptionen haben. Eine andere Gefahr ist, dass man sich an eine freie Gesellschaft und demokratische Strukturen derart gewöhnt, dass dann ein Großteil der Bevölkerung irgendwann keine Lust mehr hat, zur Wahl zu gehen. Deshalb halte ich es gerade mit Blick auf die technologische Entwicklung für entscheidend, dass wir es schaffen, in jedem Einzelnen kulturell die Überzeugung aufzubauen, dass Demokratie ein permanenter revolutionärer Prozess ist, den wir vorantreiben müssen.  

Demokratie und Technologie

Wir befinden uns in einer seltsamen Situation: Studien zufolge bekennen sich jüngere Generationen in westlichen Gesellschaften immer weniger zu Demokratie und ihren Werten. Gleichzeitig nehmen diese Menschen über Technik immer stärker an Willensbildung teil. Wird im Moment über unsere Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen durch Technologien zu wenig nachgedacht?

Die Zurückhaltung der jüngeren Generation bezüglich demokratischer Teilhabe sehe ich auch. Das zeigt, dass wir es nicht geschafft haben, den permanenten Erneuerungsbedarf von Demokratie, der letztlich ja nur ein Anpassungs- und Erneuerungsprozess an sozio-technische Entwicklungen ist, voranzutreiben. Da müssen wir ran. Ich glaube nicht, dass es kein demokratisches Verständnis mehr gibt. Es macht sich aber mit einer gewissen Selbstverständlichkeit breit. Und es fällt dem Einzelnen häufig schwer, von seinem konkreten Handeln an Schule oder Universität Bezüge zu finden beispielsweise zur Bundespolitik oder zur Europapolitik. Selbst der Bezug zur Kommunalpolitik, deren Handeln einen viel spürbarer beeinflusst, fällt schwer. Das muss man den Leuten erst einmal vermitteln. Ich glaube, dass uns die neuen Medien und die Digitalisierung Instrumente an die Hand geben, mit denen wir uns autodidaktisch in diese Richtung entwickeln können. Aber wir müssen lernen, mit diesen Medien umzugehen, und es muss auch für alle Angebote geben, diese Kompetenz erwerben zu können. Wir wissen heute, dass Technik gerade aufgrund der Verwobenheit der Sektoren nicht determiniert ist und auch nicht gut oder böse ist. Deshalb brauchen wir Zukunftsforschung und Technikfolgenabschätzung, um die dicksten Patzer zu vermeiden. Wir müssen stärker als je zuvor grundsätzliche Entscheidungen treffen und auch Halt machen, wenn Konsequenzen nicht vertretbar sind. Das sind nur einige Bereiche, in denen man gewissermaßen um die Demokratie kämpfen muss.


Warum wird der Staat oft als Bremse wahrgenommen, wenn er Innovationen aus der Wirtschaft auf Chancen und Risiken beurteilt?

Es ist doch so: Zahlreiche Innovationen kommen nicht aus der Wirtschaft. In Europa wird ja im Sinne einer Bildungs- und Forschungspolitik gehandelt, die Akzente setzt. Wenn etwa in der Öffentlichkeit das Thema Umwelt eine besondere Rolle spielt, dann werden Innovationsprozesse angestoßen, die in diese Richtung gehen. Es lässt sich oft kaum mehr trennen, was von Unternehmen kam und was vom Staat.

Fazit

Die Weltgemeinschaft möchte bis 2030 die Sustainable Development Goals erfüllen. Hier wird eine breit angelegte globale Marschrichtung von öffentlichen Institutionen vorgegeben. Ist das ein normativer Trend? Wie bewerten Sie so etwas?

Die Sustainable Development Goals fördern in jedem Fall Innovationsmechanismen, die bewirken, dass wir aus der Vielfalt technischer wie sozialer Innovationen jene herausarbeiten, die für uns besonders wichtig sind. So verstehe ich die SDGs, als globale ethische Grundwerte, die es zu verwirklichen gilt. Die Ziele der SDGs rücken diese Werte in den Blick und stoßen entsprechende Entwicklungen bei Menschen, Unternehmen, Regierungen und NGOs an. Für unsere technologische Entwicklung und für unsere gesellschaftliche Diskussion ist eine solche Orientierung wichtig, gerade in einer globalisierten Welt.