© flickr / tianyake

Jalin Merapi

Wie sich Dörfer in Indonesien um ihren eigenen Katastrophenschutz kümmern.

Wenn der Merapi ausbricht, hängt alles von den richtigen Informationen ab. Sie müssen die Menschen schnell erreichen, um Leben zu retten. Und sie müssen eindeutig Aufschluss geben über die wichtigsten Fragen: Wo sind die nächsten Evakuierungsrouten? Wie gelangt man zu sicheren Unterkünften? Wo gibt es Trinkwasser? Solange das nicht klar ist, bleiben alle Rettungsversuche im panischen Umherlaufen von flüchtenden Menschen stecken – und die Wahrscheinlichkeit, dass viele sterben, steigt.

Der Merapi ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Als er im Jahr 2006 ausbrach, zeigten sich die Behörden dem Notstand nicht gewachsen. „Es wurden Dörfer evakuiert, die gar nicht gefährdet waren“, beschwert sich Sukiman Mochtar Pratomo. „Und dann mussten wir drei Monate lang in Auffanglagern unter schlechten Bedingungen ausharren.“ Damit das nicht wieder passiert, schlossen sich mehrere Dörfer in der Nähe des Merapi nach dem Ausbruch zusammen. Sie vereinbarten, sich künftig im Katastrophenfall gegenseitig zu warnen, und gründeten das Netzwerk Jalin Merapi. Seither hat Pratomo mit anderen eine Radiostation aufgebaut, das Lintas Merapi Community Radio im Dorf Sidorejo, das Teil des Warnsystems ist.

„Als der Merapi im Jahr 2010 wieder ausbrach”, erzählt Pratomo, „haben wir unser Dorf selbst evakuiert.” Zwar starben durch den Ausbruch rund 300 Menschen. Aber ohne das Netzwerk wären es möglicherweise mehr gewesen. Das flexible Netzwerk reagierte diesmal schnell – im Gegensatz zu den Behörden, die sich mit Genehmigungen, Budgets und der Koordination zwischen lokalen, regionalen und nationalen Entscheidungsgewalten herumschlagen mussten. Nur einen Tag vor dem Ausbruch, am 26. Oktober 2010, registrierten die Freiwilligen von Jalin Merapi auf Twitter den Account @jalinmerapi.

Innerhalb weniger Tage folgten ihm 35.000 Menschen. Daneben versorgten die Gemeinderadios der umliegenden Dörfer die Einwohner mit zentralen Infos, und CB-Funk und SMS halfen bei der Verbreitung von Warnmeldungen. Twitter war dazu die perfekte Ergänzung – ideal, um Hilfe zu organisieren. Zum Beispiel reichte ein einziger Tweet, um nach dem Ausbruch von 2010 innerhalb einer halben Stunde Mahlzeiten für 6.000 Flüchtlinge zu beschaffen.

Heute, im Frühjahr 2014, ist es ruhig in Sidorejo, dem Dorf von Lintas Merapi. Nur ein wenig Rauch steigt gemächlich aus dem Vulkan. In solchen Zeiten senden die Radiomacher Tipps und Tricks für die Bauern, sie berichten über die Wettervorhersagen, oder sie informieren generell darüber, was im Fall eines Vulkanausbruchs zu tun wäre. Ergänzt wird das Programm durch regelmäßige Meldungen zur Lage am Vulkan. Die erhält das Radio von Außenposten. Freiwillige aus den umliegenden Dörfern halten ständig Wache an den Flanken des Vulkans. Zusammen mit den Überwachungskameras, Sensoren und Messgeräten, die etwa die Ausdehnung des Kraterrandes messen, sind sie die eigentliche Quelle der Informationen. Die Freiwilligen lassen den Krater nicht aus den Augen, und sie sind über CB-Funk ständig mit den Gemeinderadios in Kontakt – und mit dem Vulkanologischen Institut in der nahen, aber vom Vulkan nicht gefährdeten Dreimillionenstadt Yogyakarta.

Das Prinzip des sich selbst organisierenden Katastropheninformations-netzwerkes macht Schule. Auch der Rat für Soziale und Wirtschaftliche Fragen der Vereinten Nationen zeigte sich davon beeindruckt, als Sukiman Pramoto ihm 2013 von Jalin Merapi berichtete. Mittlerweile sind aber auch die Behörden kooperationsfreudiger. Beim Ausbruch 2010 hat sie das zivil-gesellschaftlich organisierte Katastrophenmanagement beeindruckt – und sein Umgang mit Informationen.

twitter.com/jalinmerapi

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