© flickr / USAID Egypt

Nafham

Eine Online-Learning-Plattform in Ägypten, die den gesamten Lehrplan zur Verfügung stellt.

Nafham (arabisch für „Wir verstehen“)  ist eine ägyptische Online Learning Plattform, auf der Schüler das gesamte Spektrum des ägyptischen Lehrplans finden. Die staatliche Schulausbildung ist in weiten Teilen des Landes völlig unzureichend. Überfüllte Klassenzimmer (100 Schüler in einer Unterrichtsklasse sind keine Seltenheit) und schlechtbezahlte Lehrer, die sich durch Privatstunden das dringend benötigte Geld dazuverdienen, führen dazu, dass einige Kinder auch nach 10 Jahren Schule noch nicht mal ihren Namen schreiben können. Der Unterricht ist didaktisch unzureichend – Schüler lernen fast ausschließlich für die Prüfungen auswendig – selbstbestimmtes und interessegeleitetes Lernen findet nicht statt. Zudem kommt der Schulbau mit dem starken Bevölkerungswachstum nicht mit – auch bedingt durch die politischen Unruhen der letzten Jahre ergibt sich schon bald eine Lücke von über 500.000 Kindern, für die keine Schulplätze zur Verfügung stehen.

Vor diesem Hintergrund wurde Nafham 2012 u.a. von dem ägyptisch-amerikanischen Investor Ahmet Alfi und Muhammad Habib, einem Programmierer, gegründet. Die Grundidee war die Regierung bei ihren Bildungsvorhaben zu unterstützen, indem Nafham komplementär zum offiziellen Lehrplan die Lerninhalte online aufbereitet und für alle Schüler kostenlos zugänglich macht. Dadurch wollten sie auch die vielen Familien entlasten, die jährlich 2-3 Milliarden ägyptische Pfund für den Privatunterricht ihrer Kinder ausgeben.

Seit September 2014 ist der gesamte ägyptische Lehrplan auf Nafham online. Insgesamt 23.000 Videos zwischen 5-15 Minuten Länge finden sich auf der Plattform. Momentan (August 2015) kommen monatlich 500.000 unique Besucher. 100.000 Stunden Lernmaterial werden täglich von Schülern abgerufen (30% auf mobilen Endgeräten, 70% auf Computern). Insgesamt kommen die Videos auf 28 Millionen Views und erreichen 3% der Zielgruppe.

Die meisten der Videos wurden von Nafham selbst produziert. Sie übernehmen aber auch Lernvideos von Dritten, wie beispielsweise der Khan Academy, ihrem großen Vorbild. Und seit 2014 liegt der Fokus auf crowdgesourcten Videos - insbesondere da sich der ägyptische Lehrplan kontinuierlich verändert und die neuen Inhalte am besten von den Schülern und Lehrern selbst vermittelt werden können.

Zu diesem Zweck veranstaltet Nafham einen monatlichen Wettbewerb, bei dem Interessierte Lernvideos einreichen und Preise gewinnen können. Auf diese Weise generieren sie jeweils an die 500 neue Videos. Eine der ersten Gewinnerinnen war eine elfjährige Schülerin aus Alexandria, die eigentlich nur einer Freundin, die eine Klasse verpaßt hatte, den Unterrichtsstoff vermitteln wollte. Ein anderen Teenager ist inzwischen zu einem richtigen Profi aufgestiegen und hat sein Schlafzimmer in ein Aufnahmestudio verwandelt, in dem er die verschiedensten Lernvideos dreht.

Aber sind die Online-Tutorials auch effektiv? Nafham ist sich bewußt, dass sie an der Lernmethodik und Wirkungsmessung noch arbeiten müssen - während das Angebot ursprünglich nur aus Videos bestand, werden diese jetzt von einer Q&A Sektion ergänzt, in der Lernende das Material nochmals selbst anwenden müssen.

Eine weitere Herausforderung ist die nachhaltige Finanzierung. Bislang halten sie sich mit dem Startkapital, sowie den Preisgeldern von Innovationswettbewerben über Wasser. „Wir scherzen schon darüber, dass unser Geschäftsmodell darauf basiert, Preise zu gewinnen", sagt Habib. Mit ihren Versuchen, Werbung und Sponsorenlogos auf die Plattformen zu bekommen, waren sie bislang nur mäßig erfolgreich. Nafham arbeitet jetzt verstärkt an seiner Wirkungsmessung, um für internationale Stiftungen und soziale Investoren attraktiv zu sein. Dann könnten sie endlich die Datenanalyse vorantreiben und Schülern individuelle Lernangebote machen.

Auch wenn die Finanzen noch unsicher sind – Nafham will sich nicht auf ein Land beschränken. Da sich die Lehrpläne zum Teil gleichen ist die Organisation mittlerweile auch in Saudi Arabien, Kuwait, Syrien und Algerien präsent. Sie sind damit Teil eines Trends der in der arabischen Welt gerade startet: in Jordanien mit Edraak, in Saudi Arabien mit Rwaq.

Diesen Case haben wir auf unserer Forschungsreise Lab Around the World entdeckt.

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