Bitcoin und Blockchain

Fin-Tech erobert die Mobiltelefone, immer mehr Menschen in aller Welt nutzen Banking-Apps.

Fin-Tech erobert die Mobiltelefone, immer mehr Menschen in aller Welt nutzen Banking-Apps. Die digitalen Dienstleistungen sind dabei besonders für arme Menschen eine enorme Chance, zu mehr Wohlstand zu gelangen. Denn Fin-Tech ermöglicht den Unbanked, den Milliarden Menschen ohne Bankkonto, erstmals ein effizientes und verlässliches Finanzsystem zu nutzen, um wirtschaftlich mitmischen zu können. Doch wie bei jeder neuen Technologie kommt das Potential nicht ohne Gefahren. Was Fin-Tech ist, wie es sich entwickelt und wo man aufpassen muss.Stellen Sie sich vor, sie wollen am Monatsende mit Freunden Abendessen gehen, wissen aber nicht, ob Sie noch genug Geld haben. Also befragen Sie die Finanzapp auf ihrem Smartphone. Die App hat all ihre Kontoeingänge und -ausgänge gespeichert und liefert Ihnen die gewünschte Information unter Berücksichtigung ihres aktuellen Kontostands sowie der bis Monatsende noch anstehenden Kosten für Miete, Strom etc.. Ja, Sie können sich das Abendessen noch leisten, also bestellen und bezahlen sie mit einer weiteren App ein Taxi. Im Restaurant meldet Ihre Finanzapp, dass wegen der Taxikosten ein Abendessen nun doch nicht mehr drin ist und auch nicht mehr bargeldlos bezahlt werden kann. Ein Bekannter schickt Ihnen deshalb in Echtzeit 100 Euro. Das Abendessen kann kommen!


Dieses Szenario ist zum Teil zwar noch Fiktion, aber schon bald wird so unser ganz alltäglicher Umgang mit Geld aussehen. Schon heute kann jeder mit seinem Handy seine Finanzen checken und bargeldlos bezahlen. Morgen dann versenden wir Geld per Sprachanwendung, nehmen oder vergeben Kredite mit einem Klick und lassen unsere Finanzen von einer intelligenten Software verwalten. Financial Technlogogy, kurz Fintech, und Fintech-Unternehmen machen es möglich. Die neue Technologie wird uns den Alltag erleichtern – und bringt mit den neuen Möglichkeiten auch neue Herausforderungen mit sich.

Robo-Adviser verwalten Dein Portfolio automatisch

Doch was ist Fintech eigentlich? Mit Fintech bezeichnet man internetbasierte Finanzdienstleistungen und die entsprechenden digitalen Apps und Anwendungen. Fintech ermöglicht Crowdfunding, Crowdlending, automatisierte Portfolio-Verwaltung durch Robo-Advicers sowie Personal-Financial-Management-Dienstleistungen durch Financial-Assistant-Apps (FAA). FAAs führen Bank- und Kreditkartenkonten des Nutzers und die Verwaltung aller Zahlungsein- und ausgänge in einer App zusammen. Auch kann Fintech bereits sprachgesteuerte Befehle verarbeiten: “Sende Thomas mit der MyPayApp 100 Euro für das Essen gestern Abend.“

In Deutschland bietet beispielsweise das Fin-Tech-Unternehmen N26 eine App an, die per Sprachsteuerung ausgelöste Zahlungen an andere N26-Kunden ermöglicht, ohne dass eine zusätzliche Banking-App geöffnet werden muss. Das Unternehmen hat auch sprachgesteuerte Kredit- und Versicherungsdienstleistungen im Portfolio.

Bezahlen werden wir in Zukunft ohnehin immer digitaler. Laut Schätzungen der Beratungsfirma Nielsson werden bereits 2018 über 1,5 Milliarden Menschen weltweit digitale Bezahlmethoden nutzen.  Und davon profitieren besonders ärmere Menschen.

Das Internet ist näher als die nächste Bank

In Indien etwa fördert die Regierung mit dem People’s Wealth Program gezielt Fintech: Nicht der Ausbau stationärer Banken, sondern die digitale Finanzinfrastruktur hat hier Priorität. In Kenia ermöglicht das weltweit größte mobile Geldtransfersystem MPesa schon seit Jahren digitale Zahlungen für unzählige Dienstleistungen. Zur Nutzung der App muss man kein Bankkonto haben – Guthaben kann bei Kiosken und anderen Stellen mit Bargeld aufgefüllt werden. Bereits zwei Drittel der kenianischen Bevölkerung nutzen MPesa regelmäßig zur Abwicklung von Zahlungen, und ca. 30 Prozent des dortigen BIP werden darüber abgewickelt – Tendenz steigend. MPesa ähnliche Services gibt es bereits in rund 20 Entwicklungsländern. Folgt man dem „Economist“, dann ist es heute in Nairobi einfacher, ein Taxi per App zu bezahlen als in New York.

Schon 2014 waren in 85 Prozent der Länder der Sub-Sahara Region, in 75 Prozent der Länder Südostasiens sowie in ca. 65 Prozent der Länder Südamerikas und der Pazifikregion mobile Geldsysteme verfügbar.

Durch  mobile Geldtransfer- und Bezahldienste werden auch die bisher hohen Gebühren für internationale Geldtransfers erheblich reduziert. Denn viele Menschen beziehen ihr Haupteinkommen von im Ausland arbeitenden Familienmitgliedern. Durch die digitale Infrastruktur werden sie unabhängiger von monetären Zwischenhändlern und lokalen Banken, sofern es letztere überhaupt gibt. Beispiel Pakistan: Dort können Rücküberweisungen im ganzen Land mit der App Small World angenommen werden. Man braucht nur eine Internetverbindung, und die ist in vielen Regionen weit häufiger vorhanden als lokale Banken.

Investoren bekommen beim social lending keine Zinsgewinne

Eine Studie der Weltbank hat 2014 auch gezeigt, dass in der Sub-Sahara Region bereits 12 Prozent der Bevölkerung sogenannte mobile money accounts nutzen. Auch in Asien, vor allem in China, Indien und Myanmar, zeichnet sich eine rasante Entwicklung des bargeldlosen Bezahlens über Apps ab. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Indien im Jahr 2020 rund 500 Milliarden Dollar über digitale Bezahlmethoden umgesetzt und 15 Prozent des indischen BIP ausmachen werden. Bemerkenswerterweise wird die bargeldlose Gesellschaft gegenwärtig in Entwicklungs- und Schwellenländern schneller vorangetrieben als in den meisten OECD Staaten. Mit der App Chillr kann man beispielsweise Geld an Telefonbuchkontakte des Smartphones mit einem Click versenden – in Indien, einem Schwellenland, nicht in den vermeintlichen Fintech-Hochburgen USA oder Großbritannien.

App-basierte Dienste ermöglichen zunehmend auch die private Kreditvermittlung und -aufnahme. In Delhi, Mumbai und anderen großen Städten Indiens können Kleinkredite mit den Apps moneytapp oder IndiaLends auch ohne Sicherheiten in Anspruch genommen werden. Die App Zidisha ist ein weiteres Beispiel, bei dem ein Gang zur Bank nicht mehr nötig ist: Alle wichtigen Dokumente werden online per App ins System geladen. So können die Menschen innerhalb von Minuten Kredite aufnehmen. Die Kreditnehmer zahlen eine moderate Zinsrate von ca. 1,5 Prozent.


Bei Zidisha geht es um social lendings. Die App bringt Kleinproduzierende aus Entwicklungsländern direkt mit privaten Geldgebern zusammen. Die Kleinproduzierenden veröffentlichen ihre Kreditgesuche für Produktionsmittel wie eine Nähmaschine oder einen Computer auf der Plattform, und die Investoren bekommen bei diesem micro lending keine Zinsgewinne.

Die Finanzielle Inklusion kommt angehüpft wie ein Frosch

Die App Mfarm bietet in Kenia einen virtuellen Marktplatz für Agrarprodukte, Informationen über lokale Preise sowie die Möglichkeit, kleine Angebote mit anderen Produzierenden so zu poolen, dass sie den Erwartungen der Abnehmer entsprechen. Mit der App spart man nicht nur die Zwischenhändler, sondern kann dank der Verknüpfung mit MPESA Zahlungen direkt abwickeln. So werden Kleinproduzierende finanziell unabhängiger und können ihre Produkte direkt selbst vermarkten. Ersten Studien zeigen, dass Produktivität und Einkommen der Kleinproduzierenden dadurch steigen. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene hat Fintech insgesamt das Potential, produktive Investments anzuregen, Korruption zu bekämpfen sowie eine effektive Steuerverwaltung voranzutreiben.


Durch den Ausbau der digitalen Finanzinfrastruktur in Ländern wie Indien, China oder Kenia wird es also möglich, die „Unbanked“, die Menschen ohne Bankkonto, ins Finanzsystem zu integrieren. Diese finanzielle Inklusion setzt nicht nur ökonomisches Potential für Unternehmen frei (so viele neue potentielle Kunden!), sondern ist auch eine enorme Chance für viele Menschen, ihren Wohlstand zu steigern. Wie schon der 3D-Druck kommt auch die finanzielle Inklusion wie ein Frosch mit einem großen Satz angehüpft: Da es in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern kein flächendeckendes Bankennetz gibt, kommt es zu einem Entwicklungssprung. Bei diesem sogenannten „leapfrog-Effekt“ überspringt die digtale Technologie den Aufbau eines stationären Bankensystems, um Menschen den Zugang zum Finanzsystem zu ermöglichen.

Dank besserer KI werden Apps Antworten auf immer mehr Finanzfragen bieten

Und dieses Finanzsystem wird dank Künstlicher Intelligenz immer schlauer, seine Apps werden zu Beratern in der Hosentasche. Apps wie Cleo oder Olivia können Nutzern im Chat bereits heute Fragen zur Finanzverwaltung beantworten, etwa, wie viel Geld man monatlich sparen muss, wenn man in drei Monaten einen Urlaub finanzieren möchte. Sie beraten den Nutzer nicht nur zu seinen Sparzielen, sondern erinnern ihn auch daran, wenn er Geld ausgibt.

Commitment- oder Goal Orientated Savings-Apps senden den Nutzern Erinnerungsmails zu ihren Sparzielen und beraten sie dabei, Geld zu sparen. Der Yale-Ökonom Karlan und KollegInnen konnten in einem Experiment in Peru, Bolivien und den Philippinen zeigen, dass solche App-basierten Hinweise das Verhalten von Menschen beeinflussen können. Die regelmäßige Kommunikation zwischen Nutzern und Anwendungen führte dazu, dass Sparziele besser erreicht wurden als mit negativen Anreizen wie dem drohenden Verlust von Zinserträgen bei verpasstem Sparziel.


Basierend auf Erkenntnissen aus der Verhaltensforschung entwickelt die HSBC-Bank gegenwärtig eine App, die das Ausgabeverhalten von Konsumenten beeinflussen soll. Durch Informationen wie „Sie haben diese Woche mehr ausgegeben als letzte Woche“ sollen rationalere Entscheidungen bei gleichzeitiger Wahlfreiheit ermöglicht werden. Dank besser werdender KI werden Apps Antworten auf immer mehr Finanzfragen haben und die Finanzen ihrer Nutzer zunehmend autonom verwalten.

Durch Fintech entstehen neue Abhängigkeiten

Doch weil das Lebenselexier jeder KI Daten sind, liegt auch bei Fintech eine der größten Herausforderung im Bereich des Datenschutzes. Regulatorisch wird von zentraler Bedeutung sein, wie Fintech-Unternehmen Nutzerdaten verarbeiten dürfen. Informationen zum Zahlungsverhalten ihrer Nutzer oder Bonitätsprüfungen für Versicherungen, Kreditinstitute oder Telekomfirmen ließen sich als Nebenprodukte verkaufen.

Finanzapps fordern wie jede Technologie auch wieder neue Kompetenzen von ihren Nutzern. Nicht nur ein gewisses Maß Finanzexpertise, sondern auch digitale Bildung im allgemeinen sind nötig, um die Potentiale neuer Fintech-Anwendungen mündig, eigenverantwortlich und sicher ausschöpfen zu können.


Das gilt besonders für aufstrebende Gesellschaften. So sind über Dreiviertel der Menschen in Indien nur wenig ökonomisch gebildet und verstehen die Konsequenzen, die digitale Finanzprodukten für ihr Leben haben können, kaum. Schließlich entstehen durch Fintech und FAAs auch neue Abhängigkeiten – denn ohne technische Infrastruktur, ohne permanente Stromversorgung und ohne Zugang zum Handynetz sind all die genannten Fintech-Anwendungen unbrauchbar. Bargeld und stationäre Banken sollten also vor allem mit Blick auf Krisenzeiten nicht außer acht gelassen werden.

Fazit

Ganz grundsätzlich müssen wir uns unbequemen Fragen zur Entscheidungsautonomie des Nutzers sowie der Beeinflussung seines Verhaltens stellen. So folgert z.B. Mathew Tiessen, Kultur- und Kommunikationsforscher aus Toronto, in einer Studie: „By providing customers with the appearance of access and interactivity, app-based banking allows the financial system to extend its ability to track, surveil, judge, influence and control credit-seeking populations in ever more precise and predatory ways.“


Die neuen Abhängigkeiten und Chancen von Fintech in einer aufkommenden cashless society werden die Diskussionen der Zukunft bestimmen. Was darf künstliche Intelligenz entscheiden? Wie sollen intelligente FAAs reguliert werden? Was ist dann eigentlich noch Geld? Die Entwicklung von Fintech geht weiter. Der Finanzalltag der Menschen wird 2030 viel digitaler und automatisierter sein als heute. Doch trotz aller Verlockungen und Aussichten auf ein einfacheres Leben müssen wir auch diese Technologie zähmen – im Alltag, in der Politik und der Gesellschaft.