Cultural Commons

Durch die Digitalisierung können wir das Wissen der Menschen bald universell verfügbar machen.

GLAM-Institutionen – Galerien, Bibliotheken (Libraries), Archive und Museen – sind unser kulturelles Gedächtnis. Sie stiften Identität und sind Quelle der Inspiration und Innovation. Werden nun ihre Bestände – Bücher und Dokumente, Bilder und Filme, Töne und Alltagsobjekte – digitalisiert, stehen sie potentiell Milliarden von Menschen zur Verfügung. Also allen, die Zugang zum Internet haben. Also bald allen.

Eine digitale Ausstellung oder Aufführung kann jeder besuchen, der ein entsprechendes Gerät besitzt. Physische Anwesenheit ist nicht mehr nötig, was vor allem Alte, Kranke und Behinderte freuen wird. Oder den Geschichts-Studenten in Sao Paulo, der für die Exponate des Ägyptischen Museums nicht extra nach Kairo fliegen kann.

Dieser Zugang zum gemeinsamen Kulturerbe stimuliert die Innovationsfähigkeit, denn Neues entsteht oft aus der Adaption und dem Remix von Bestehendem. Und durch religiösen Fundamentalismus (IS) oder Krieg gefährdete Kulturgüter und solche, die aus konservatorischen Gründen nicht ausgestellt werden oder in Archiven lagern, können zugänglich gemacht werden. Mittels Suchfunktionen können Dinge gefunden werden und weit Verstreutes kann an einem Ort zusammen kommen. Wenn die Menschheit sich dann ihres gemeinsamen Kulturerbes bewusst wird, ist das ein erster Schritt zu einem globozentrischen Bewusstsein, das lokale Partikularismen und Interessen überschreitet.

Museen und Bibliotheken stellen komplette Sammlungen online

Ein erstes Projekt dieses Trends, das weltweite Aufmerksamkeit erfuhr, war 2004 Google Books mit dem Ziel, alle Einzelbuchtitel einzuscannen und durchsuchbar zu machen. 30 Millionen von geschätzten 130 Millionen Büchern hat Google bereits digitalisiert, aber zahlreiche Rechtsstreitigkeiten zum Urheberrecht bremsen es aus. In der Zwischenzeit sind neue Initiativen entstanden, die sich der Digitalisierung von Bibliotheken widmen. Die wichtigste ist wohl die Digital Public Library of America. Andere Staaten ziehen nach: Holland mit seiner National Library of the Netherlands, Deutschland mit der Deutschen Digitalen Bibliothek, Norwegen mit der National Library of Norway oder Australien mit der National Library of Australia.

Auch einige Museen arbeiten seit der Jahrtausendwende an digitalen Strategien. Als eine der ersten stellte das Powderhouse Museum in Sydney Teile seiner Sammlung online. Im Rahmen seines Open Content Programms zeigt das Getty Museum (USA) bislang knapp 100.000 Exponate online, und die israelische Holocaust Gedenkstelle Yad Yashem hat nicht nur viele seiner Materialien in 18 Sprachen digitalisiert, sondern bietet auch  Online-Kurse an. Erste Museen stellen sogar ihre gesamte Sammlung im Internet aus, etwa das Freer und Sackler Galleries (USA).

Auch die EU investiert mit dem Projekt Europeana in die Digitalisierung ihres Kulturerbes: Millionen Texte, Bilder, Videos, Töne und 3D-Objekte von Denkmälern und Architektur aus europäischen Kulturinstitutionen sollen online zugänglich gemacht werden. Und immer mehr Theater und Konzerthäuser führen online auf: Die Berliner Philharmoniker sind mit ihrer Digital Concert Hall ein bei Klassik-Fans gefragter Vorreiter.

Das Internet selbst wird auch digitalisiert

Und wer bewahrt den Bewahrer, das Internet? Das Internet Archive, eine amerikanische Non-Profit Organisation, hat über 400 Millionen Websites, Millionen Bücher, Videos, Filme, Tonaufnahmen, Audiobooks und historische Software gespeichert.

Begleitet wird der Trend von entsprechenden Konferenzen wie der Museums and the Web, die International Conference in Theory and Practice of Digital Libraries und Zugang Gestalten. Dort trifft man auch erste Absolventen der Studiengänge Virtual Heritage oder Digital Museums Studies.

Dank neuer Verfahren ist die digitale Erfassung immer schneller und kostengünstiger. So gelingt es mit Rapid Capture Verfahren, 3.500 Seiten pro Tag für weniger als einen US-Dollar pro Seite zu scannen. Auch digitale 3-D Bilderfassung ist mittlerweile erschwinglich.

Besonders GLAM-Institutionen, die von konservativen, oft elitären und selbstreferentiellen Akteuren dominiert werden, begegnen der Digitalisierung entsprechend zögerlich. Doch wer relevant bleiben will, muss ein neues Selbstverständnis schaffen, muss eine „digitale Denke“ entwickeln, die unseren veränderten Verhaltensgewohnheiten gerecht wird. So heißt es in einem Report von 22 Kulturorganisationen:

“The challenge is not about technology, which we are often guilty of fetishising as a solution to problems. It is about audience and the ways in which digital technologies are changing their behaviours: at work, at home, on the move, learning, playing, questioning, socialising, sharing, communicating. Forever.”

Doch wie sieht das Kulturerbe der Zukunft aus?

Es entstehen Netzwerke, die ihre Bestände teilen und sich auf einheitliche Standards einigen. So ist die Europeana eine Bibliothek, die nur die Metadaten Tausender miteinander verbundenen Bibliotheken verwaltet – die Bücher selbst bleiben bei den einzelnen Bibliotheken.

Auch das Wikimedia GLAM-Projekt basiert auf dem Netzwerkgedanken. Ehrenamtlich Engagierte machen das Wissen der Kulturinstitutionen für jeden mit Zugang zum Internet kostenlos verfügbar – Hunderte Millionen Seitenbesucher pro Monat verdeutlichen die Nachfrage. OpenGLAM, eine Initiative der Open Knowledge Foundation, ist ebenfalls ein offenes und globales Netzwerk. Es initiiert Workshops und hilft Kulturinstitutionen, ihre Bestände mit der Öffentlichkeit zu teilen, um zu einer Kulturallmende beizutragen.

Offene Lizenzen für unser digitales Kulturerbe

Digitalisierte Kulturgüter können im Internet nicht nur einfach und weit verbreitet werden. Es entsteht auch eine neue Haltung, dass Werke geteilt, umgestaltet und neu gemixt werden können. Eine Pionierin dieser Haltung ist Merete Sanderhoff von der Dänischen Nationalgalerie. Sie empfiehlt im Buch Sharing is Caring, offene Lizenzen nach dem Creative Commons Prinzip für digitalisierte Sammlungen zu nutzen. So verkündeten die Kulturinstitutionen der US-amerikanischen Yale University 2011 eine Open Access Policy und erklärten alle nicht urheberrechtsgeschützten Arbeiten zu öffentlichem Eigentum. Dem neuen Standard folgen auch die National Gallery of Art in den USA oder die englische Tate Gallery, die ihre Sammlungsdatenbank auf Github veröffentlichte, damit andere damit arbeiten können. Auf Github finden sich auch die Metadaten des Cooper-Hewitt Museums (USA). Wird aus Github, dem Depot für Software-Code, auch ein Depot der digitalisierten Kulturgüter?

Ebenfalls offen für Remixe ist das Rijksmuseum in Amsterdam: Die  über 200.000 Exponate auf der Webseite sind frei verwendbar, es gibt sogar eine Schnittstelle für Entwickler. Hunderttausende Besucher haben die Bilder und Daten für über 170.000 persönliche virtuelle Ausstellungen zusammengestellt. Taco Dibbits, Leiter der Sammlungen, hat keine Angst, dass die Kunstwerke öffentlich verschandelt werden. Im Gegenteil: “The action of actually working with an image, clipping it out and paying attention to the very small details makes you remember it.” Wenn jemand einen Vermeer auf sein Klopapier drucken wolle, sei ihm eine qualitativ hochwertige Reproduktion lieber als eine schlechte.

Gemeinsam am kulturellen Erbe bauen und neue Formate entwickeln

Dank der Digitalisierung können sehr viele Menschen unsere Kulturgüter weiterentwickeln. Museen wie das Walters Art Museum (USA) oder die Organisatoren von Coding da Vinci in Deutschland veranstalten Hackathons, bei denen Kreative und Programmierer zusammen kommen, um neue Spiele, Apps, E-Books etc. zu entwickeln.

Das Webportal Europeana forderte die Menschen dazu auf, eigene Zeitzeugnisse aus dem Ersten Weltkrieg für virtuelle Ausstellungen beizusteuern. 90.000 persönliche Dokumente aus Privatbesitz wurden eingescannt und online gestellt. Und die Kuratoren der Tyrell Sammlung (Australien) profitierten davon, dass Interessierte die Fotos auf flickr taggen. Die Tags wurden in die Museumsdatenbank integriert, wodurch sie besser durchsuchbar wurde.

Innovative Kulturinstitutionen experimentieren auch mit neuen Formaten. Im Cooper Hewitt Design Museum (USA) können Besucher mit einem Smart Pen ihre eigenen Sammlungen zusammenstellen und online präsentieren. Im British Museum in London wiederum kann man Modelle von Skulpturen und Artefakten herunterladen und sich mit 3D-Druckern Pharaos ausdrucken. Und über Videokanäle erreichen Museen wie das Louisiana bei Kopenhagen oder Yad Vashem (Israel) Millionen neue Besucher.

Digitale Freiheit scheitert oft am Urheberrecht

Die meisten Kulturinstitutionen agieren zögerlich. Während viele Showcases aus den angelsächsischen und skandinavischen Ländern stammen, sind bislang von den ca. 30.000 deutschen Kulturinstitutionen nur gut 2.000 in der Deutschen Digitalen Bibliothek vertreten. Problem ist oft das Urheberrecht. So wollte das Dänische Nationalmuseum im Zuge des Projekts „Art Stories“ die Verbindungen zwischen den eigenen Werken und denen in anderen Museen aufzeigen, scheiterte jedoch immer wieder an rechtlichen Grenzen. Denn bislang sind in den Museen die meisten Werke noch nicht „gemeinfrei“, also frei von Urheberrecht.

Viele Kulturinstitutionen wollen auch mit den Bildrechten Geld verdienen. Merete Sanderhoff zitiert die Referentin eines Volkshochschulkurses, die eine Illustration für ihren Unterricht verwenden will: Sie muss entweder bei dem jeweiligen Museum eine Gebühr entrichten, oder begnügt sich mit schlechten, aber kostenlosen Kopien, die schon online sind. Sanderhoff zufolge sind die Abteilungen, die Bildrechte verwalten, unprofitabel. Dagegen sind jene Museen, die ihre Werke für die Allgemeinheit kostenlos, aber für kommerzielle Nutzer – Werbefirmen, Verlage etc. – kostenpflichtig online zur Verfügung stellen, wesentlich profitabler.

Urheberrecht betrifft auch Musik- und Theateraufführungen. Neue Anbieter versuchen, diese Einschränkungen zu umgehen. MusOpen ist eine gemeinnützige Organisation, die rechtefreie Noten und Aufnahmen sammelt, bzw. trickreich von Rechten freistellt und sie dann kostenlos der Allgemeinheit zur Verfügung stellt.

Problem bei der Finanzierung und Technologie

Eine weitere Hürde bei der Digitalisierung des Kulturerbes sind finanzielle Ressourcen. Obwohl die Technologien besser und kostengünstiger werden, sind sie doch mit Kosten für Mitarbeiter und Technik verbunden. Kulturinstitutionen müssen neue Geschäftsmodelle entwickeln, zumal in vielen Staaten die öffentlichen Mittel für Gemeinwohlprojekte schrumpfen.

Während die Deutsche Digitale Bibliothek mit 24 Millionen Euro von Bund und Ländern finanziert wird, werden die Kosten der Digital Public Library of America hauptsächlich von amerikanischen Stiftungen wie der Knight und der Bill and Melinda Gates Foundation getragen. Für Entwicklungsländer sind die Kosten eine noch größere Herausforderung. Hier fehlt es oft an Technologie. Die ugandische Makerere Universität kann nur schleppend die musikalische Tradition des Landes digitalisieren, da es an Video- und Tonaufnahmegeräten mangelt.

Der Geldknappheit kann man mit Private-Public Partnerships begegnen. Unternehmen wie Google oder Microsoft bieten GLAMs ihre Dienste an. Google hat zum Beispiel das Google Cultural Institute gegründet und das Google Art Project gestartet.

Doch eignen sich Unternehmen mit kommerziellen Interessen als Hüter des Kulturerbes? Google bestand beispielsweise in Verhandlungen mit dem dänischen Nationalmuseum darauf, die Bildrechte zu erhalten, damit man sich die Ausstellung nur auf dem Google Art Project ansehen kann. Die Europeana hingegen erklärte 2012 alle gesammelten Dokumente zu öffentlichem Eigentum, damit sie frei weitergenutzt werden können.

Fazit