Digitale Nothilfe

Wie digitale Technologie in Not- und Katastrophensituationen helfen kann.

Drohnen liefern bei Überschwemmungen überlebenswichtige Daten, Krisenkarten unterstützen die Kommunikation von Hilfsmannschaften und Apps geben Schutzanweisungen, wenn der Hurrikan wütet. In der letzten Dekade hat sich die Nothilfe digitalisiert. Doch das ist erst der Anfang: Algorithmen und Software spielen eine immer wichtigere Rolle beim Erkennen von Krisen und deren Bewältigung. 

2007 wurden zum ersten Mal digitale Daten systematisch genutzt, um eine Krise zu dokumentieren. Nach den Wahlen in Kenia waren dort bürgerkriegsähnliche Unruhen ausgebrochen. Um einen Überblick über die Lage zu bekommen, entwickelte die kenianische NGO Ushahidi (unser Insight dazu) einen SMS-basierten Krisenservice. Alle Kenianer wurden aufgefordert, Gewaltausbrüche per SMS an eine zentrale Nummer zu melden. Diese Nachrichten erschienen dann auf einer digitalen Karte, die das Ausmaß der Gewalt verdeutlichte. Die Software wurde seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und als Open-Source-Software zur Verfügung gestellt. Mittlerweile ist sie auch in anderen Krisen- und Katastrophenfällen verwendet worden.

Zum Beispiel spielte Ushahidi 2010 beim Erdbeben in Haiti eine große Rolle, um die Lage vor Ort in Echtzeit analysieren zu können. Einer Gruppe weltweit verstreuter Engagierter gelang es, SMS von Betroffenen mit Social Media Meldungen zu kombinieren und so eine Detailübersicht der Lage zu erstellen. So wussten Helfer vor Ort, wo Menschen in Ruinen verschüttet waren, Hilfsgüter verteilt wurden und welche Straßen passierbar waren.

Big Crisis Data: Bessere Übersicht und Analyse der Krisensituation

Die digitale Nothilfe entwickelt sich weiter: Als 2012 Hurrikan Sandy große Teile der USA verwüstete, konnten Helfer auf Apps und Krisenkarten zurückgreifen. Und immer mehr Apps ermöglichen es, direkt Hilferufe auszusenden. So entwickelte die Agentur Iyiyun aus China anlässlich des Erdbebens in Lushan 2013 nicht nur interaktive, nutzergenerierte Karten, auf denen Kriseninformationen in Echtzeit hochgeladen werden konnten, sondern auch die „Signalbombe“. Wenn Nutzer diese App in Notfällen aktivieren, werden in Hilferufe sofort über verschiedene soziale Netzwerke geschickt. Und 2013 – nachdem Taifun Haiyan auf den Philippinen wütete – kamen zum ersten Mal Drohnen in einem Katastrophengebiet zum Einsatz.

Während einer Katastrophe kommen unglaublich viele Daten zusammen – diese zu sinnvollen Informationen zu aggregieren, ist eine zentrale Herausforderung der digitalen Nothilfe. Patrick Meier von den Crisis Mappern sagt: „Haiti was our first battle with big data – what I call big crisis data. We had hundreds of volunteers monitoring social media and news online and we were just completely overwhelmed.“

Ein Beispiel aus einer Studie des Pew Instituts zeigt, dass die Qualitätskontrolle bei großen, invalidierten Datenmengen wichtig ist: Während des Hurikans Sandy wurden eine halbe Millionen Fotos auf Instagram veröffentlicht und über 20 Millionen Tweets versandt. Aber nur 34 Prozent davon enthielten nützliche Informationen.

Wandel in NGOs: Vom digitalen Misstrauen zu regem Interesse

Da Software Fotos noch nicht automatisch lesen kann, müssen Menschen händisch beschreiben, was auf ihnen zu sehen ist. Einfach zu bedienende Tools wie ImageClicker helfen dabei. Dort geben die Freiwilligen auf einer Skala an, wie groß die Zerstörung ist – das hilft dabei, die Wiederaufbauarbeiten besser zu koordinieren. Um die Verwüstung durch Wirbelsturm Sandy besser einzuschätzen, durchforsteten Freiwillige der Organisationen Palantir und Team Rubicon Satellitenaufnahmen der betroffenen Gebiete und taggten sie je nach Zerstörungsgrad. 

Viele der digitalen Krisenhelfer-Organisationen koordinieren sich im Dachverband Digital Humanitarian Network. Das DHN dient auch als Anlaufstelle für etablierte humanitäre Organisationen – von UN-OCHA bis zum Amerikanischen Roten Kreuz – die digitale Helfer für ihre Einsätze brauchen. Denn nach einer ersten Phase des Misstrauens haben UN-Organisationen und große NGOs gute Erfahrungen mit technologie-getriebenen Gruppen gemacht und arbeiten immer öfter mit ihnen zusammen. So hat das Amerikanische Rote Kreuz gemeinsam mit Dell ein Digital Operations Center eröffnet, um die Kommunikation über soziale Netzwerke im Katastrophenfall besser steuern zu können.

Wenn’s die Regierung nicht hinbekommt, machen wir’s halt selbst

Von den digitalen Medien profitieren nicht nur Nothilfeprofis. Auch Bürger können sich effektiver organisieren. Die Betroffenen sind ohnehin die Helfer der ersten Stunde und für etwa 90 Prozent der Hilfeleistungen verantwortlich. So haben sich zum Beispiel 2013, als weite Teile Deutschlands überflutet waren, Tausende von Laienhelfern über Facebook und google Maps koordiniert. In öffentlichen Gruppen wie „Fluthilfe Dresden“ oder „Deggendorf räumt auf“ verabredeten sie sich zum Schleppen von Sandsäcken oder sorgten für Notunterkünfte.

Aber nicht nur in Deutschland gibt es einen guten Grad an Selbstorganisation: Auf Java organisiert sich die Crowd bei einem Ausbruch des hochaktiven Vulkans Merapi unter anderem über twitter (unser ausführlicher Blogpost dazu), und zwar effektiver, als es ihre Regierung je vermochte. Mit dem hashtag #jalinmerapi informiert das selbst organisierte Katastropheninformationsnetzwerk über die nächsten Evakuierungsrouten, sichere Unterkünfte, Trinkwasservorkommen und Mahlzeiten.

Dadurch verschiebt sich auch Macht, was nicht alle Hilfsorganisationen befürworten: Denn je öfter Bevölkerungen sich selbst Informationen, Gelder, Kleidung, Baumaterialien oder Essen besorgen, desto häufiger konkurrieren sie mit den Leistungen etablierter Hilfsorganisationen und machen diese teilweise überflüssig.

Wer Twitter und Facebook beobachtet, ist schneller vor Ort

Behörden und Hilfsorganisationen nutzen auch immer öfter soziale Medien, um direkter mit Betroffenen zu kommunizieren. So verfolgte die philippinische Regierung 2012 eine Social Media Strategie im Vorfeld von Taifun Pablo: Sturmwarnungen wurden über Radio, TV und das offizielle Twitterkonto der Regierung (@govPH) verbreitet. Mit dem offiziellen Twitter-Hashtag #PabloPH versehene Mitteilungen wurden auf einer Karte angezeigt und dienten UN-OCHA zur frühzeitigen Schadenserkennung. Diese Kommunikationsstrategie erwies sich als sehr erfolgreich, da sie Medien verwendete, die bei der Bevölkerung sehr populär sind.

Auch die US-Katastrophenbehörde FEMA nutzt soziale Netzwerke, um zeitnah über Notfälle informiert zu sein, aber auch um schneller Informationen an betroffene Bevölkerungen zu verschicken. Während der Wirbelsturmsaison sind FEMA-Rettungsteams dank des Social Media Monitorings durchschnittlich 12 bis 24 Stunden schneller als zu Offline-Zeiten in den betroffenen Regionen. Und die UN braucht für einen ersten Lagebericht heute nur noch zwei statt fünf bis sieben Tage.

Das Orakel-Potential von Big Data zur Krisenvorhersage nutzen

Twitter selbst hat das Nothilfe-Potential seines Netzwerks erkannt und startete 2013 die twitter alerts. Darüber können Menschen den Nachrichten auf verifizierten Konten folgen und laufen nicht Gefahr, Fehlmeldungen und Gerüchten zu erliegen.

Doch schon bevor es zu Katastrophen kommt, können digitale Medien wirksam werden. Denn Big Data kann als Seismograph für anbahnende Krisen wie Naturkatastrophen oder Krankheitsepidemien fungieren. Die UN-Organisation Global Pulse sammelt zum Beispiel Daten aus sozialen Netzwerken und von Mobilfunkanbietern. Und die World Meteorological Organization nutzt ein weltweites Geflecht aus Satelliten, Wetterstationen und Kommunikationszentren, um hydrologische und seismographische Risiken zu berechnen und die bedrohte Bevölkerung frühzeitig warnen zu können.

Daten werden massenhaft automatisch erzeugt – sie zu überprüfen ist viel Handarbeit.

Die neue Generation von Katastrophen-Tools basiert daher auf der Annahme, dass wir schnelle, automatisierte Systeme brauchen, um diese Datenmassen nützlich zu machen. Digitale Tools wie AIDR (Artificial Intelligence for Disaster Response) oder Twitris können Nachrichten aus dem Internet anhand von Schlagwörtern und Algorithmen bestimmten Kategorien zuordnen. Aus den Ergebnissen werden in Echtzeit Krisenkarten (mehr zu Karten in unserem Trend Kartismus) erstellt, auf denen das Ausmaß der Zerstörung kartiert wird und akute lokale Bedarfe aufgezeigt werden.

Allerdings müssen die Ergebnisse immer noch durch Menschen überprüft werden: Tausende freiwillige digitale Katastrophenhelfer sichten, verifizieren, geo-referenzieren, übersetzen und analysieren die Krisen-Daten. In der Standby Task Force engagieren sich beispielsweise Menschen aus 95 Ländern, die 85 verschiedene Sprachen sprechen.

 

Fazit

Im Vergleich zu anderen Bereichen des sozialen Engagements hat sich die Nothilfe sehr schnell digitalisiert. Das liegt einerseits an der Dringlichkeit von Katastrophen, andererseits sind große Hilfsorganisationen und Regierungsbehörden mit relativ großen Budgets ausgestattet. Nachdem kleine Initiativen wie Ushahidi Innovationen hervorgebracht und getestet haben, haben die Großen ihre Skepsis gegenüber digitalen Anwendungen abgelegt. Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft arbeiten in diesem Bereich erstaunlich gut zusammen. Auch die Bevölkerung greift im Katastrophenfall immer öfter auf Online-Plattformen und soziale Medien zurück und emanzipiert sich dadurch von Regierungsbehörden und NGOs. Diese flexiblen Netzwerke reagieren erstaunlich gut auf Katastrophen und erhöhen die Resilienz der in der Umgebung lebenden Gesellschaft. 

Eine tolle Quelle zum Thema ist der World Desasters Report (PDF).

Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat eine Broschüre zum Thema digitale Nothilfe veröffentlicht (PDF).