Digitale Flüchtlingshilfe

Wie Technologien Flüchtlingen das Leben und Helfern die Arbeit erleichtert.

Im September 2015 kamen allein in Deutschland jeden Tag etwa 10.000 geflüchtete Menschen an. Weil an Nützlichkeit kaum zu überbieten, hat fast jeder sein Handy oder Smartphone dabei. Die Flüchtlinge können damit nicht nur Kontakt zu ihren Freunden und Verwandten halten, sondern ihre Flucht insgesamt organisieren. Auf der anderen Seite wäre die Arbeit der Helfer ohne digitale Medien kaum mehr denkbar. Webseiten und Apps zur Wohnungs- und Jobvermittlung sind ideale Kanäle, um die Flüchtlinge mit wichtigen Informationen zu versorgen, um ihnen bei der Integration zu helfen. So wird die Flüchtlingshilfe immer digitaler.


„Unsere Handys und Akkus sind das Wichtigste auf unserer Reise. Sie sind noch wichtiger als Essen“, sagte der 32-jährige Syrer Wael vor Kurzem dem Online-Magazin qz.com. Im September 2015 ist er auf der Insel Kos angekommen. Sein Handy hat die Reise überstanden, eingewickelt in eine wasserdichte Tüte. Während seiner Flucht hat er immer wieder per GPS seinen Standort gecheckt und Fotos an seine Angehörigen geschickt. Und bei seiner Ankunft in Griechenland machte er ein Selfie.

Das Handy als Lebensretter
Über Apps wie WhatsApp, Facebook Messenger, Google Maps und Viber können sich Menschen auf der Flucht mit Schleppern und anderen Flüchtlingen koordinieren, sich geografisch verorten und Angehörige auf dem Laufenden halten. Auf der Flucht selbst kann eine funktionierende Handyverbindung Leben retten. So können in Seenot geratene Bootspassagiere über das Alarmphone der NGO Borderline-Europe Hilfe holen. Katharina Kessler, ehrenamtliche Aktivistin von Alarmphone sagte im Interview mit Reset.org: „Bei kürzeren Überfahrten, wie zum Beispiel zwischen der Türkei und Griechenland, gibt es Mobilfunkempfang, so dass wir aus diesen Regionen auch von Handys angerufen werden. Die Menschen in Seenot rufen die zentrale Nummer des Alarmphones an. Die Anrufe werden dann an die zuständigen Personen weitergeleitet.“ Es kann aber auch schon die GPS Ortung des Smartphones hilfreich sein. Hilfsorganisationen berichten auch von WhatsApp Nachrichten mit GPS Daten, die ihnen helfen, in Not geratene Flüchtlinge zu retten.
Free Wifi, no YouTube please

Humanitäre Organisationen haben die Bedeutung von Handys und Internet für Flüchtlinge also erkannt. Das Internationale Rote Kreuz hat beispielsweise in Libanon, Irak und Syrien tausende solarbetriebene Handy-Auflagestationen verteilt. Die Flüchtlingsorganisation der UN hat 33.000 SIM-Karten an Flüchtlinge in Jordanien ausgegeben. Für die digitale Infrastruktur sorgt zum Beispiel in Ungarn das Projekt "Otvorena mreza" (Deutsch: Offenes Netzwerk), deren Helfer mit W-LAN Sendern im Rucksack zu Sammelpunkten von Flüchtlingen gehen (Bahnhöfe etc.) und dort das Netzwerk „Free WiFi, no YouTube please“ anbieten. Kate Foyer, Leiterin des Projektes, sagte newscientist.com: „Kommunikation ist ein Grundbedürfnis und Internet sollte daher jederzeit verfügbar sein“. In Deutschland versorgt Freifunk Flüchtlinge mit Internet. Denn wer Internet hat, kann planen und sich informieren. So posten Flüchtlinge in Facebook-Gruppen zum Beispiel, welche Grenzübergänge noch frei sind, oder wo gerade viele Menschen feststecken.

Smartphones sind die besseren Flugblätter, und so nutzt auch die Stadt Witten an der Ruhr eine App, um Flüchtlingen mit wichtigen Informationen zu versorgen. Die App Witten 2 beantwortet auf Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch Fragen wie: Wo werden Sprachkurse angeboten? Wo gibt es etwas zu essen? Wo günstige Kleidung und Möbel? Weil es in Witten fast überall kostenloses W-LAN gibt, kann die App von vielen genutzt werden. Schon am ersten Tag haben mehr als 100 Menschen auf die App zugegriffen. Der Erfolg spricht sich rum, in Dresden wird nun an einer vergleichbaren App gearbeitet.

Digitale Helfer für Wohnungen und Jobs
Viele digitale Ideen werden von Studenten und Einzelpersonen umgesetzt. Auf der Online-Plattform „Flüchtlinge Willkommen“ können sich Flüchtlinge und Menschen, die ein Zimmer frei haben registrieren – ganz legal, oft sogar mit Finanzierung der Kommunen. Bereits 140 Menschen haben deutschlandweit dank dieser Initiative von Berliner Studenten eine neue Bleibe gefunden. Mit Workeer gibt es auch eine erste digitale Arbeitsvermittlung für Flüchtlinge. Auch diese Online-Plattform wurde von Studenten ins Leben gerufen. Sogar eine Universität speziell für Füchtlinge wird gerade ins Leben gerufen: An der Kiron University sollen Flüchtlinge auch ohne Abschluss und Papiere kostenlos und online bis zum Bachelor studieren können. Die Crowdfunding-Kampagne dazu läuft hervorragend.
Auch Helfer erhalten Hilfe

Gleichzeitig ist die digitale Vernetzung auch eine Hilfe für die Helfer. In den sozialen Netzwerken koordinieren sich viele Gruppen, die Flüchtlinge am Ort ihrer Ankunft unterstützen. Die „Flüchtlingshilfe Bremen“ veröffentlicht auf Facebook zum Beispiel Bedarfslisten einzelner Flüchtlingsunterkünfte, um Sachspenden sinnvoll verteilen zu können. „Wir haben uns gesagt, wir machen das jetzt einfach mal“, sagte Christian, einer der Gründer der Facebook-Seite, im Interview mit n-TV. „Daraus ist ein Tsunami entstanden. Das hätten wir uns niemals träumen lassen. Die Leute fuhren tatsächlich zu den Unterkünften und lieferten ab, was gebraucht wurde. Die Verteilung funktionierte viel besser“. Mittlerweile hat die Seite mehr als 19.000 Fans und erreicht über 100.000 Menschen. Ohne Facebook geht’s aber auch. Das Projekt wohindamit.org nutzt eine Online-Datenbank und Google Maps, um den richtigen Ort für Sachspenden zu finden.

Bei all diesen Initiativen und Ideen fällt auf, dass die traditionellen Wohlfahrtsorganisationen (Caritas, Diakonie etc.) sich weniger der sozialen Netzwerke bedienen, sondern eigene Lösungen, etwa ihre Homepage als Informationskanal, bevorzugen. Das führt auch zu Spannungen zwischen den Alteingesessenen Helfern und spontan Ehrenamtlichen: Es ist nicht leicht, sich abzusprechen, wenn es keinen gemeinsamen Kommunikationskanal gibt. Das ist um so wichtiger, da spontane Helfer es zwar gut meinen, meist aber keine Erfahrung im Umgang mit Krisensituationen haben bzw. nicht entsprechend ausgebildet sind.

Fazit

Mit Hilfe des Internets können Flüchtlinge und Helfer besser zueinander finden und langsame Behörden oder behäbige Wohlfahrtsorganisationen umgehen. Das Smartphone kann zu einem wichtigen Türöffner für Integration werden, wenn es schnellen und direkten Zugang zu Unterkunft, Arbeit und Bildung ermöglicht. Darüber hinaus zeigt sich, dass universell verfügbare digitalen Werkzeuge wie Facebook, zivilgesellschaftliches Engagement effizienter machen und Hilfe in die richtigen Bahnen lenken können. Hier wäre mehr Offenheit von den Wohlfahrtsorganisationen wünschenswert – ihnen entgehen sonst sowohl junge, engagierte Helfer, als auch eine effizientere Arbeitsorganisation.