Drohnen fürs Gute

Drohnen sind nicht mehr ausschließlich im militärischen Einsatz, sondern fliegen nun auch in sozialer Mission.

Drohnen unterscheiden sich von Bodenfahrzeugen in einem Punkt, der trivial erscheint, aber die wesentliche Ursache der Euphorie ist: Sie fliegen ferngesteuert durch die Luft, können potentiell jeden Punkt der Erde erreichen und sind nur schwer aufzuhalten. Hobbyfliegern bereiten Drohnen viel Spaß, Militärs töten damit mehr oder weniger zielgenau Menschen und NGOs nutzen sie, um Leben zu retten. Auch im sozialen Bereich geht der Trend zur Drohne, sei es, um Hilfseinsätze zu koordinieren oder Menschen in Krisengebieten zu versorgen.

Ihr schlechtes Image haben die Drohnen den Militärs zu verdanken. Schlagzeilen
wie „Tote im Jemen: US-Drohne tötet aus Versehen 15 Hochzeitsgäste“ sind keine Seltenheit und beherrschen den Diskurs
in Medien und Öffentlichkeit – obwohl weltweit nur ein Prozent aller Drohnen im militärischen Bereich eingesetzt werden. Um so mehr gilt, was der Robotik-Experte Raffaele D’Andrea in einem TED-Talk sagte: „Wie wir Drohnen nutzen, ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Frage“.

So gibt es inzwischen viele engagierte Menschen, die Drohnen für die gute Sache einsetzen. Dazu gehört zum Beispiel Adam Klaptocz, der Gründer von Drone Adventures. Die 2013 in der Schweiz gegründete Organisation hat ihre Drohnen schon für viele verschiedene humanitäre Projekte zur Verfügung gestellt: zum Kartographieren von Landminen-Gebieten
in Bosnien-Herzegowina, zur Einschätzung der Radioaktivität in Fukushima, für Luftaufnahmen der namibischen Wüste, um geschützte Tierarten zu zählen oder, um die Schäden nach Taifun Haimann
auf den Philippinen 2013 zu messen, zu dokumentieren und Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. Und um das positive Potential von Drohnen zu unterstreichen und neue Projekte anzustoßen, wird seit letztem Jahr der UAE Drones for Good Award verliehen. Prämiert werden die besten Ideen für den Einsatz von Drohnen, die das Leben von Menschen verbessern.

Doch was sind Drohnen eigentlich genau? Klar, eine Drohne ist ein unbemanntes Flugobjekt. Im Vergleich zu ferngesteuerten Hobby-Flugzeugen oder Helikoptern ist sie in der Lage, autonom zu fliegen und intelligent zu agieren, kann also Hindernissen automatisch ausweichen. Das Ausmaß ihrer Eigenständigkeit hängt allerdings von den einprogrammierten Algorithmen ab. Prinzipiell gilt: je autonomer die Drohne, desto komplizierter ihr Algorithmus und desto teurer ihre Anschaffung. 

110 Prozent Wachstumsrate

Man kann zwei Arten von Drohnen unterscheiden: sogenannte Fixed-Wing-Drohnen (Starrflügger) und Rotary-Wing-Drohnen (Drehflügler). Fixed-Wing-Drohnen sehen aus wie kleine Flugzeuge und werden oft zum Kartographieren von Landschaften und zur Erstellung von 3D-Modellen eingesetzt. Ihr Vorteil: Sie sind schnell und können lange Distanzen fliegen.

Rotary-Wing-Drohnen ähneln kleinen Helikoptern. Ihr Name hängt von der Anzahl ihrer Rotorenblätter ab. So hat der Quadrocopter vier Rotorenblätter. Rotary-Wing-Drohnen können vertikal starten und landen. Das spart nicht nur Start- und Landeplatz. Zudem können sie fixiert schweben und Bilder einer bestimmten Stelle machen oder Gebäude intensiv untersuchen (Fixed-Wing-Drohnen müssten dafür umdrehen und zurückfliegen).

Einer aktuellen Marktforschungsstudie zufolge wird der Markt für die zivile Nutzung von Drohnen 2020 mehr als eine Milliarde US-Dollar ausmachen (zum Vergleich 2014: 15 Millionen US-Dollar). Das entspricht einer Wachstumsrate von knapp 110 Prozent innerhalb von sechs Jahren. Woher kommt dieser plötzliche Anstieg? Es sind vor allem die Herstellungskosten, die in den letzten Jahren rasant gesunken sind. Zudem können Drohnen Aufgaben übernehmen, die lange Zeit sehr teuer und aufwendig waren, wie etwa Luftaufnahmen. Langfristig werden sie die vergleichsweise teuren Satellitenbilder ablösen.

Die Vorteile von Drohnen gegenüber Satelliten liegen auf der Hand: Sie fliegen tiefer als Satelliten und können auch Bilder unterhalb der Wolkendecke schießen – in zehnfach höherer Auflösung. Das ist vor allem hilfreich für Aufnahmen nach Naturkatastrophen wie Hurrikans, da sich hier die Wolken oft auch Tage nach dem Ereignis noch nicht verziehen.

Satellitenbilder sind zudem viel teurer und nur schwer zu erhalten, vor allem für kleine NGOs, die die Aufnahmen von Katastrophenregionen für ihre Arbeit nutzen wollen.

Oft ist die Frage nach den Rechten am Bildmaterial unklar, bzw. wofür die Bilder verwendet werden dürfen. Die Bilder einer Drohne hingegen gehören dem Drohnenbesitzer. Drohnen können außerdem innerhalb weniger Minuten nach einer Katastrophe eingesetzt werden und Bilder liefern. Satelliten brauchen dafür meist 48 bis 72 Stunden – viel zu lange für erste Rettungsaktionen. Drohnen können mehrere Bilder machen. Ein Satellit braucht hingegen ein bis fünf Tage, um ein Bild einer Gegend zweimal zu machen. Drohnenaufnahmen können somit Veränderungen innerhalb kürzester Zeit darstellen. 

Satelliten kann sich keiner leisten, Drohnen schon

Satelliten kosten in der Herstellung ca. 300 Millionen US-Dollar und jährlich zwei Millionen in der Unterhaltung. Keine humanitäre Organisation weltweit kann sich das leisten.

Heute liegt der Preis einer Drohne, die zwischen zwei und drei Kilometer weit fliegen kann, bei ca. 500 US-Dollar. Professionelle Drohnen, die entsprechende Software mitliefern, um hochqualitative Karten und 3D-Modelle erstellen zu können, kosten 20.000 US-Dollar, sind damit immer noch deutlich billiger als ein Satellit.

Drohnen füllen die Lücke zwischen Satelliten und Technologie am Boden. Sie beobachten, transportieren oder dienen als Werkzeuge.

Beobachtung

Drohnen können nicht nur hochauflösende Bilder von Landschaften und Katastrophengebieten machen, sondern auch 3D-Aufnahmen generieren. Viele Hilfsorganisationen nutzen diese Bilder, um Schäden zu analysieren und Hilfsaktionen zu priorisieren. So setzt die UN Drohnen zur Überwachung von Krisengebieten in der Demokratischen Republik Kongo ein, um aktuelle Standorte von Rebellengruppen zu erfassen, Bodenkämpfe zu dokumentieren oder Flüchtlingsströme nachzuzeichnen. In Krisenregionen und politisch umkämpften Gebieten sind Drohnen gut geeignet, da sie leise sind und oft unbemerkt bleiben (geringere Abschusswahrscheinlichkeit als bei einem Helikopter).

Journalisten setzen Drohnen dort ein,
wo ihnen die Berichterstattung untersagt ist: Zum Beispiel hat im Zuge der Occupy-Proteste auf der Wallstreet 2011 ein New Yorker eine Drohne über polizeilich abgesperrtes Gebiet fliegen lassen und so das Ausmaß der Proteste dokumentiert. Die Bilder, die der „Occucopter“ aufgenommen hat, gingen um die Welt.

 
Transport

Drohnen können innerhalb kurzer Zeit in schwer zugängliche Gebiete vordringen und wichtige Güter wie Nahrung oder Medikamente liefern. Das Team vom Syria Airlift Project versorgt so syrische Flüchtlinge in der türkisch-syrischen Grenzregion, die sie aufgrund der ange- spannten militärischen Lage nicht betreten können. Das Startup Matteren entwickelt kleine Kurier-Drohnen, um Medikamente in infrastrukturell kaum erschlossene Regionen zu liefern. Matteren hat ein Netzwerk aus trichterförmigen Ladestationen für die Drohnen entwickelt, um deren Reichweite zu erhöhen. Nur 25 Cent soll ein Transport von zwei Kilogramm Nutzlast pro zehn Kilometer kosten. Das ist viel kostengünstiger, als herkömmliche Infrastruktur zu bauen. 

Drohnen als Werkzeuge

Inzwischen arbeiten viele Entwickler an Ideen, Drohnen als vielfältiges Werkzeug zu nutzen. So sollen sie zukünftig vermisste Personen nach Katastrophen per Wärmesensor aufspüren. Auch im Naturschutz können Drohnen helfen: Das Unternehmen Bio- Carbon Engineering arbeitet an Drohnen, die kahle Stellen in Wäldern identifizieren und dort Samen abwerfen sollen. Weiterhin sollen sie die Keimlinge überwachen und wenn notwendig auch mit zusätzlichen Nährstoffen versorgen. Und die Drohne von Facebook-Gründer Marc Zuckerberg, Aquila, soll demnächst dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen auf der Welt Zugang zum Internet erhalten. Sie soll in entlegenen Regionen WIFI-Hotspots liefern. Google tüftelt an einem ähnlichen Programm, ergänzt durch riesige Ballons mit Antennen. Trotz der Euphorie um Drohnen gibt es hier noch ungeklärte Fragen, die sich vor allem um Sicherheit und Datenschutz drehen.

Sinken die Herstellungskosten von Drohnen weiter und nutzen immer mehr Privatpersonen und Hilfsorganisationen Drohnen, wird es ziemlich eng im Luftraum. Vor allem nach Katastrophen ist das ein Problem: Private Drohnen, die in den USA spektakuläre Bilder von Bränden machen sollten, behinderten die Löscharbeiten. Die Feuerwehr musste ihre Flugzeuge landen, um Kollisionen zu vermeiden.

Daraufhin entwickelte die kalifornische Behörde die Kampagne „Know before you fly“, um die Öffentlichkeit über Konsequenzen und Regeln unbemannter Fluggeräte aufzuklären. Denn die Normen sind bisher nicht stringent. Auch in Deutschland gibt es keine harmonisierten Vorschriften – auch hier kreuzen immer mal wieder Hobbyflieger den Weg von Passagierflugzeugen im Landeanflug auf Flughäfen.

Auch nach dem Taifun Haimann auf den Philippinen war der Einsatz der vielen kleinen Flughelfer nicht koordiniert. Oft stehen humanitäre Organisationen und Drohnenflieger nicht in Kontakt – die einen wissen nicht, wie die Technologie funktioniert,
die anderen wissen nicht, was sie mit dem aufgenommenen Bildmaterial eigentlich anstellen sollen. Als Antwort wurde das Humanitarian UAV Network „UAViators“ gegründet, dessen Ziel es ist, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, politische Entscheidungsträger und Drohnen-Experten zusammenzubringen, damit Drohnen sicher und verantwortungsbewusst bei Katastrophen eingesetzt werden. Im Zuge dessen wurde auch ein Verhaltenskodex entwickelt, dem jeder zustimmen muss, bevor er oder sie die Plattform nutzen kann.

Wie so oft hinken auch bei den Drohnen die rechtlichen Rahmenbedingungen dem technologischen Fortschritt hinterher. Es geht vor allem um Datenschutz und Datenspeicherung: Wofür genau darf das gesammelte Bildmaterial genutzt werden? Wem gehören die Daten und was darf derjenige damit machen und was nicht? Was passiert, wenn Menschen auf den Bildern erkennbar sind – was ist mit dem Recht am eigenen Bild? Diese Frage drängt sich insbesondere beim Einsatz von Drohnen in urbanen Kontexten auf. Die EU ist momentan dabei, entsprechende Richtlinien zu entwickeln. Für den Einsatz von Drohnen hat die UN bereits ein Regelwerk aufgestellt. Sie fordert von den entsprechenden Akteuren, dass die Einsatzzwecke ethischer und legitimer Natur sind und weder die öffentliche Sicherheit noch Privatsphäre Einzelner gefährden.

Fazit

Vor allem im humanitären und Umwelt-Bereich entwickeln sich neue Ideen für den Einsatz von Drohnen rasend schnell. Dieser Trend ist positiv, muss jedoch von entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen begleitet werden. Die Frage, was mit dem gesammelten Datenmaterial passiert und wofür es verwendet werden darf, bleibt zu klären. Das betrifft insbesondere die Aufnahmen durch Privatpersonen. Hier werden vielversprechende Ideen entwickelt, den Open Source Zugang zu Bildmaterial fordern, das im Kontext von Katastrophen aufgenommen wurde. Augenmerk sollte zudem auch auf die Nachhaltigkeit der Projekte gelegt werden – so funktionieren viele Drohnen noch mit Batterien – Solarzellen sind umweltfreundlicher.