Effektiver Altruismus

Gnadenlos Gutes tun: Philosophen und Ökonomen optimieren soziales Engagement.

Finde heraus wie du am meisten Gutes tun kannst und dann tue es – so bringt Philosophieprofessor William McAskill den Effektiven Altruismus auf den Punkt. Doch das ist leichter gesagt, als getan. Was bedeutet „am meisten“? Effektive Altruisten versuchen diese Frage mit Kosten-Nutzen-Rechnungen zu beantworten. Wer 10.000 Euro spenden will, sollte demnach das Geld jenen Projekten geben, die besonders wirksam sind. Effektiver Altruismus bedeutet auch, dem Blinden in Kanada keinen Blindenhund zu finanzieren, sondern woanders mit dem Geld viele Kinder vor dem Hungertod zu retten. Der kontrovers diskutierte Effektive Altruismus verbreitet sich zunehmend auch in Deutschland und setzt soziale Projekte unter Wirksamkeitsdruck.

Was bis vor wenigen Jahren noch theoretische Spielerei war, entwickelt sich jetzt zu einem globalen Trend. Weltweit haben sich tausende Menschen dem Effektiven Altruismus verschrieben, darunter der Elektroauto- und Raumfahrtpionier Elon Musk oder der Facebook-Mitgründer Dustin Moskovitz. Sie wollen die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einsetzen, um das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern. Effektive Altruisten unterstützen nur die effektivsten Ansätze und Hilfsprojekte und ziehen zu deren Beurteilung bzw. Wirkungsmessung empirische Beweise und rationale Argumente heran. Im Gegensatz zu klassischer Philanthropie bemüht sich der Effektive Altruismus, Entscheidungen evidenzbasiert zu treffen.      

Geben bis es wehtut?

Obwohl die moralphilosophische Strömung erstmals 2011 als „Effektiver Altruismus“ bezeichnet wurde, liegen ihre Ursprünge weiter zurück – streng genommen im Utilitarismus (18. Jh.), zumindest aber im Jahr 1972, als der Philosophieprofessor tätige Peter Singer seinen Aufsatz ‘Hunger, Wohlstand und Moral’  veröffentlichte, in dem er das Gebot, Gutes zu tun, konsequent zu Ende denkt. Singer schreibt von der moralischen Verpflichtung, ein ertrinkendes Kind aus einem Teich zu retten, selbst wenn man sich dabei die Kleidung ruiniert. Im Angesicht der zu damals grassierenden Hungersnot in Bangladesch fragt er weiter, warum man nicht ähnliche Unannehmlichkeiten auch zur Rettung von Kindern am anderen Ende der Welt auf sich nehmen sollte. Durch minimalen Verzicht könnte man hier die Lebensqualität oder sogar das Überleben von durch absolute Armut gezeichneten Menschen signifikant erhöhen bzw. überhaupt ermöglichen.


Doch wie viel Verzicht ist geboten? Laut Singer sollte man solange geben, bis man sich selber mehr zumuten würde als anderen zu helfen. Aus globaler Sicht würde das zu einem Leben deutlich unter der deutschen Armutsgrenze führen.

Singer spendet immerhin seit mehr als 40 Jahren mindestens 10 Prozent seines Einkommens, zuletzt sogar etwa ein Drittel. Auf der nach einem seiner Bücher benannten Homepage thelifeyoucansave.org ruft er andere auf, einen Teil ihres Einkommens zu spenden. Der empfohlene prozentuale Betrag orientiert sich am jeweiligen Einkommen und kann mithilfe eines Onlinerechners ermittelt werden.

Einen ähnlichen Weg geht auch das von dem Philosophen Toby Ord ins leben gerufene Portal givingwhatwecan.org, das dafür wirbt, mindestens 10 Prozent des eigenen Bruttolohns an möglichst effektive Hilfsorganisationen zu spenden. Bisher haben so bereits über 2.000 Menschen mehr als 16 Millionen US-Dollar gespendet. Sollten sie sich auch weiterhin an ihr Versprechen halten, rechnet Giving What We Can selbst ohne neue Mitglieder mit 800 weiteren Millionen US-Dollar für effektive Hilfsorganisationen über die geschätzte Lebensdauer der aktuellen Mitglieder.

50 arme Afrikaner gegen einen Obdachlosen in New York
Bis vor wenigen Jahren gab es weder im deutsch- noch im englischsprachigen Raum ernst zu nehmende Institutionen, die gemeinnützige Einrichtungen bezüglich ihrer Wirksamkeit evaluiert haben. Zwar vergibt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen seit 1991 das sogenannte Spendensiegel und das 2001 gegründete Portal Charity Navigator bewertet Non-Profit-Organisationen in den USA. Aber in beiden Fällen werden keine belastbaren Aussagen zur eigentlichen Wirkung der untersuchten Projekte gemacht.

Zu einem ähnlichen Schluss sind im Jahr 2006 die Hedgefond Manager Elie Hassenfeld und Holden Karnofsky gekommen, die einen Teil ihres Einkommens an möglichst effektive Hilfsorganisationen spenden wollten. Ihnen wurde bewusst, wie wenig relevante Informationen öffentlich zugänglich sind und, dass es im gemeinnützigen Bereich praktisch keine Evaluationen mit einer Tiefe gibt, wie sie die beiden von ihrer Arbeit bei der Investmentfirma Bridgewater Associates gewohnt waren.

Deshalb gründeten Hassenfeld und Karnofsky 2007 GiveWell und machten sich mit bis dahin nie da gewesenem Aufwand auf die Suche nach jenen Hilfsorganisationen, die am meisten Gutes für jeden eingesetzten Dollar bewirken. Die ersten Ergebnissen der Untersuchungen von Hassenfeld und Karnofsky zeigten, dass es im Durchschnitt zwischen 10.000 - 50.000 US-Dollar kostet, einem Menschen in New York City dabei zu helfen, seinen Lebensunterhalt wieder selber bestreiten zu können. Mit der gleiche Summe könne man jedoch bis zu 50 Menschenleben in Afrika retten, bloggt GiveWell. Obwohl GiveWell diese Zahlen nach weiteren Untersuchungen relativiert hat, bleibt unterm Strich die gleiche Botschaft: Hilf mit deinem Geld so vielen Menschen wie möglich. Voraussetzung ist die Grundannahmen des Effektiven Altruismus, dass jedes Menschenleben den gleichen Wert besitzt. Inzwischen konzentriert sich GiveWell fast ausschließlich auf Hilfsmaßnahmen in Entwicklungsländern, da dort mit den gleichen Mitteln deutlich mehr Gutes bewirkt werden kann.

Die Einheit QALY misst, was gut und was besser ist
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Director der Forschungsabteilung von Giving What We Can, Dr. Hauke Hillebrandt. Er vergleicht nicht Menschenleben miteinander, sondern sogenannte QALY, quality adjusted life years (qualitätskorrigierte Lebensjahre), die zu einer der meistgenutzten Kennzahlen gesundheitsökonomischer Evaluationen geworden sind. Mit dieser Quantifizierungsmethode wird versucht, verschiedene Nachteile, etwa einen krankheitsbedingten vorzeitigen Tod, krankheitsbedingte Einschränkungen oder Behinderungen miteinander zu vergleichen. Die Minderung menschlichen Leids ist eine extrem qualitative Angelegenheit, mit QALYs sollen diese Äpfel und Birnen miteinander vergleichbar gemacht werden. Es geht nicht um die Obstsorte, sonder nur um das Gewicht der einzelnen Früchte. So gibt es Studien, die Interventionen zur Bekämpfung von Malaria mit dem Einsatz von antiretroviralen Therapien zur Behandlung von HIV-Patienten vergleichen – und die zu dem Ergebnis kommen, dass man mit gleichem Mitteleinsatz bis zu 15 mal mehr QALY ermöglichen kann, wenn man in Moskitonetze und nicht in medikamentöse Aids-Bekämpfung investiert.

Das Konzept der QALYs ist umstritten, da die subjektive Selbsteinschätzung von Beeinträchtigungen durch verschiedene Leiden keine exakte Wissenschaft ist. Allerdings, so das Argument der Effektiven Altruisten, gebe es keine Alternativen, mit denen man besser messen bzw. entscheiden kann, welcher Hilfsorganisation man seine Ressourcen im Sinne der besten Kosten-Nutzen-Rechnung zur Verfügung stellen sollte. Gefühlsduselei helfe jedenfalls nicht weiter.

Doch sind es nicht die Gefühle, die uns dazu bewegen, unseren Mitmenschen zu helfen? Einer der häufigsten Kritikpunkte am Effektiven Altruismus: man ersetze Emotionen durch Rationalität und nehme dem Helfen so jeden Reiz. Wie kann es falsch sein, für die lokale Obdachlosenhilfe zu spenden? Um den Effektiven Altruismus besser zu verstehen, muss man den Spieß umdrehen und aus der Sicht des Empfängers der Hilfsleistung in einem Entwicklungsland argumentieren. Wie kann es wichtiger sein, einem Menschen ohne Wohnung in Deutschland eine Bleibe zu besorgen, wenn man mit den gleichen Mitteln ein Kind vom Tod durch Malaria hätte schützen könnte? Wieso ist es wichtiger, einem sehbehinderten Menschen in einem Industrieland einen Blindenhund zur Verfügung zu stellen, wenn man von dem für die Ausbildung des Tieres notwendigem Geld 1.000 oder mehr erblindeten Menschen in einem Entwicklungsland das Augenlicht durch einfache Operationen dauerhaft wiedergeben kann?
Sind Hedge-Fond-Manager die besseren Entwicklungshelfer?
Die Effektiven Altruisten verweisen auf das enorme Potential der effektivsten Hilfsorganisation. Laut Schätzungen der Weltbank leben heute ca. 700 Millionen Menschen von weniger, als man sich für 1,90 US-Dollar am Tag in den USA kaufen kann. Diese bitterste Form der Armut bringt häufig Mangelernährung und führt oft zum Tod durch eigentlich einfach zu heilende Krankheiten. Eine der von GiveWell als am effektivsten eingeschätzte Organisation mit dem Namen GiveDirectly setzt genau hier an und lässt absolut armen Haushalten in Entwicklungsländern auf möglichst effiziente Weise direkt Geld zukommen. Zahlreiche Studien haben die Wirksamkeit dieser Methode bestätigt und gezeigt, dass sich das Einkommen der Empfänger im Schnitt um mehr als die reine Transferzahlung erhöht. Die Zahlungen führen dazu, dass sich die Menschen aus der Armut heraus wirtschaften. Würden sich sämtliche Industriestaaten an ihr bereits 1970 gegebenes Versprechen halten mindestens 0,7% ihres Bruttonationaleinkommen für die Entwicklungszusammenarbeit aufzuwenden und sich dabei auf derartige Projekte konzentrieren, wäre das Ende der absoluten Armut zum Greifen nahe.

Der Effektive Altruismus beschäftigt sich auch mit der Frage, wie man seine Arbeitskraft und damit seine Zeit so einsetzen kann, dass man am meisten Gutes in der Welt bewirkt. Auf der Website der Organisation 80,000 Hours findet man dazu auch weniger intuitiv verständliche Thesen. So wird Menschen, die in der freien Wirtschaft als Softwarentwickler, Investment-Banker oder Entrepreneur viel Geld verdienen können, nahegelegt, über ‘earning to give’ nachzudenken. Dabei geht es um die Maximierung des eigenen Gehalts, um möglichst viel Geld spenden zu können.

Hinter diesem Ansatz steht auch die Überlegung, dass man ersetzbar ist. Wenn man in der Entwicklungszusammenarbeit arbeitet, tut man zwar wahrscheinlich direkt Gutes. Allerdings würde der Job auch von anderen gemacht werden. In viele Fällen würde der Nachrücker einen nur minimal schlechteren Job machen als man selbst, so dass man durch eine entsprechende Berufswahl die Welt nur marginal vorangebracht hätte. Wenn man stattdessen aber wie Sam Bankman-Fried für einen Hedgefund oder Jeff Kaufman für Google arbeitet und jährlich eine sechsstellige Summe spendet, so tut man etwas, das die jeweils nächstbesten Bewerber bei besagten Firmen wahrscheinlich nicht gemacht hätten.

Wie weit man hier gehen soll und inwiefern auch die potentiell negativen Konsequenzen einer derartigen Berufswahl berücksichtigt werden müssen, ist unter Effektiven Altruisten umstritten. So hat 80,000 Hours eine Liste mit zehn Jobs veröffentlicht, die man trotz hohen Einkommenspotentials meiden sollte (Tabak-Lobbyist, Waffenproduzent etc.). 
Wie viele Hühnerleben ist ein Menschenleben wert?
Während sich viele Effektiven Altruisten vor allem auf effektive Organisationen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit konzentrieren, gibt es besonders im deutschsprachigen Raum einen zunehmenden Fokus auf das Leid von Tieren. Die Leidensfähigkeit vieler höher entwickelter Tiere ist unbestritten, trotzdem werden jedes Jahr mehr als 60 Milliarden Landtiere, zwischen 38 und 128 Milliarden Zuchtfische und über 1 Billion Wildfische von Menschen getötet. Bei den Zuchttieren geht dem Tod dabei oft eine eher qualvolle Existenz voraus (Bsp. industrielle Massentierhaltung von Schweinen oder Hühnern).

Über 99% dieser Tiere werden zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion getötet. Diese Zahl steht im Kontrast zu den Spenden für Tierrechtsorganisationen, die sich zumindest in den USA zu zwei Drittel auf Tierheime konzentrieren. So wie beim Effektive Altruismus jedes Menschenleben gleich viel wert ist, orientiert er sich auch bei Tieren soweit möglich an dessen Leidensfähigkeit. Daher konzentrieren sich die Empfehlungen der  aus dem Center for Effective Altruism hervorgegangene Initiative Animal Charity Evaluators auf Organisationen, die das Leid von Nutztieren reduzieren. Es wird davon ausgegangen, dass die auch in Deutschland tätige Organisation Animal Equality für jeden gespendeten US-Dollar im Durchschnitt 13,4 Tieren ein Leben in industriellen Tierfabriken erspart.

Obwohl die Evaluationen des Animal Charity Evaluators nicht so aufwändig und präzise sind wie die von GiveWell, wird dennoch deutlich, dass es, effektiver sein kann, seine Ressourcen Organisationen zukommen zu lassen welche sich für nichtmenschliche Spezies einsetzen — wenn es einem einzig darum geht, das Leid von Lebewesen zu reduzieren. 
Wenn der Terminator die Menschheit vernichtet
Noch weiter gehen einige effektive Altruisten mit existentiellen Risiken, die zum Ende der Menschheit führen könnten. Als Beispiele werden Meteoriteneinschläge, mögliche Pandemien, globale Kriege mit Massvernichtungswaffen oder auch eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz genannt. Selbst wenn man die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Falles für extrem gering hält, so kann ein entsprechendes Engagement durchaus effektiv sein – wenn man sich auf das Argument einlässt, dass nicht nur bereits existierende Lebenwesen, sondern auch alle künftigen zu berücksichtigen sind.

So geht der Philosoph Nick Bostrom von ca. 10 hoch 54 menschlichen Lebensjahren aus, die künftig durch die oben genannten Risiken bedroht sind. Demnach würde man rein rechnerisch über 100 Millionen Menschenleben retten, wenn man die Eintrittswahrscheinlichkeit eines das Ende der Menschheit bedeutenden Ereignisses um nur 0,00000000000000000000000000000000000000000001% reduzieren könnte. Es würde also mehr Sinn machen, sich für die Besiedelung des Mars einzusetzen oder sich der Sicherheitsforschung im Bereich der künstlichen Intelligenz zu widmen, als sich für Malariabekämpfung oder eine vegane Lebensweise einzusetzen. Es ist allerdings auch möglich bzw. sogar extrem wahrscheinlich, dass Künstliche Intelligenz, Kometen oder Pandemien die Menschheit zukünftig nicht existentiell bedrohen – dann wäre das Engagement in diesem Bereich nicht besonders effektiv gewesen.  

Fazit

Die Ideen des Effektiven Altruismus verbreiten sich zunehmend auch in Deutschland und Europa. Auch institutionelle Geber haben diesen Trend für sich entdeckt. So vergibt die in Deutschland ansässige Benckiser Stiftung Zukunft inzwischen mehr als die Hälfte ihrer Mittel an Projekte, bei denen sie sich auf den Effektiven Altruismus bezieht. Trotzdem ist der Effektive Altruismus bisher nur ein Randthema in der internationalen Hilfsindustrie. Der Gedanke, dass es Unterschiede in der Effektivität einzelner Hilfsorganisationen gibt, ist vielen Spendern fremd und führt nicht selten zu Ablehnung. Folglich gibt es im deutschsprachigen Raum nach wie vor keine Institutionen, die gemeinnützige Initiativen wirkungsbezogen vergleichen. Die Frage, wie man mit den eigenen Ressourcen möglichst viel Leid vermeiden kann, bleibt hierzulande noch unbeantwortet. Zwar lässt sich darüber streiten, ob man nur noch für Meteoritenabwehrprogramme spenden sollte. Aber es käme der Wirksamkeit von sozialen Projekten zugute, wenn die moderaten Strömungen des Effektiven Altruismus mehr Gehör finden würden – ohne dabei durch zu abstrakte Modelle bisherige und künftige Anhänger emotional hinter sich zu lassen.