mAgri: Bauern empowern!

Wer Handys sät, erntet SMS: Kleinbauern in armen Ländern verschaffen sich per Handy Zugang zu wichtigen Infos.

Ob Wetterbericht auf dem Handy, Online- Märkte oder Apps, um Kühe zu managen: Heute ernten Kleinbauern in ärmeren Ländern immer mehr Früchte der digitalen Innovationen und emanzipieren sich so von Mittelsmännern und großen Unternehmen. Ein Handy mit Empfang bedeutet auch für Kleinbauern, Wissensmonopole aufbrechen zu können. Dieses Wissen ist wichtig, damit die Ernten der Kleinen größer ausfallen. Und das trägt zum Empowerment der Produzenten am Fuße der Wohlstandspyramide bei.

In Ländern Subsahara-Afrikas wird das Bruttoinlandsprodukt durchschnittlich zu einem Drittel von der Landwirtschaft getragen. Und ein Viertel aller Beschäftigten arbeitet in der Landwirtschaft. Doch landwirtschaftliche Regionen sind meist durch extreme Armut geprägt. Und um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, muss die Lebensmittelproduktion bis zum Jahr 2050 um 70 Prozent steigen. Dabei spielen nicht nur multinationale Großkonzerne eine Rolle. Viel wichtiger ist, dass die vielen Subsistenz- und Kleinbauern weltweit produktiver werden und nicht noch weiter hinter die technische Entwicklung der Großen zurückfallen. Sie müssen konkurrenzfähig werden. Digitale Werkzeuge können dabei helfen.

Wissen ist der beste Dünger

Um Kleinbauern das landwirtschaftliche Leben leichter zu machen, ist es wichtig, dass sie die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt bekommen. Das Medium erster Wahl ist hier das Handy. Das klassische Beispiel sind Informationen über aktuelle Marktpreise. Normalerweise verkauft ein ländlicher Bauer seine Erzeugnisse an einen lokalen Händler, der diese dann in eine Stadt bringt, um sie dort weiterzuverkaufen.

Das Problem ist allerdings, dass der Bauer nicht weiß, ob der Preis des Zwischenhändlers fair ist, da er ja keinen Überblick über die Preise auf dem Markt hat. Services wie Esoko, 2005 in Ghana gegründet, oder Reuters Market Light, 2007 in Indien gegründet, schließen diese Wissenslücke. 150.000 Bauern in zehn Ländern informieren sich mit Esoko über Marktpreise, 1,2 Millionen mit Reuters Market Light. Diese mittlerweile großen internationalen Firmen bekommen nun auch Konkurrenz durch kleinere und lokale Start-ups wie Habari Mazao. „Es hilft einem Kleinbauern aber nicht, die Preise seiner Erzeugnisse in der Stadt zu kennen, wenn er nicht dorthin fahren kann, um sie zu verkaufen“, meint Edison Gbenga Ade, Gründer von AgriPro Hub. Das Start-up hofft, internationaler Online-Marktführer für Produzenten und Großhändler zu werden. Der bereits etablierte Big Player Farmforce macht etwas Ähnliches, indem er Landwirte dabei unterstützt, ihre Erzeugnisse zu bündeln und Gewinne zu teilen, sobald ein Käufer gefunden wurde.

iCow: Kuh-Management mit dem Handy

Praktische Informationen spielen auch eine wichtige Rolle, wenn Kleinbauern produktiver werden wollen. Tipps und Tricks zum Anbau der verschiedenen Nutzpflanzen sind zwar etwas schwieriger zu vermitteln – besonders wenn nur SMS als Kanal vorhanden ist. Doch das ghanaische Start-up FarmerLine hat eine Lösung gefunden: Sprachnachrichten in den lokalen Sprachen statt SMS – so wird auch die Hürde des Analphabetismus umgangen. Digital Green hingegen verbreitet landwirtschaftliches Wissen in Indien durch Videos, die dank kleiner tragbarer Projektoren noch das kleinste Dorf erreichen.

In den letzten Jahren ist der Gebrauch von Handys in ländlichen Gebieten stetig gewachsen: Zwar ist es schwer, verlässliche Zahlen zu finden, aber man weiß, dass 90 Prozent der Weltbevölkerung mit Mobilfunk versorgt sind. In Entwicklungsländern haben zwei von drei Menschen einen Mobilfunkvertrag. Handys haben viele neue Möglichkeiten mit sich gebracht, von denen in der letzten Zeit die Menschen vor Ort zahlreiche Innovationen zur Marktreife gebracht haben, um ihr Leben zu erleichtern. Der Markt der digitalen Innovationen für die Landwirtschaft ist bereits gut ausgereift. Zu den etwas älteren Unternehmen gesellen sich nun auch mehr und mehr junge Start-ups, wodurch der Wettbewerb zunimmt.

In Kenia können Viehzüchter mit dem Service iCow Informationen zu ihrer Herde eingeben und sie bekommen personalisierte Updates und Reminder, etwa zum Melken und Impfen. Und in Tansania benutzen Kaffee-Genossenschaften die digitale Buchführungs-Hilfe Coffee Transparency: Die alte Zettelwirtschaft war kaum mobil, aber nun schicken sich die Bauern ihre Verkaufsdaten und Betriebskosten per Handy. Das macht nicht nur die Produktion effizienter, sondern ist auch ein praktisches Format, um bei Banken nach Krediten zu fragen.

Farmable ist ein weiteres Beispiel und nennt sich eine „Crowdfarming Revolution“. Crowd-Investing trifft es besser: Leute können kleine Summen in eine Kuh investieren. Nachdem die Kuh ausgewachsen war, geschlachtet und ihr Fleisch verkauft wurde, bekommen die Mikroinvestoren ihre Dividende. Farmable arbeitet auch mit RFID-Chips, dank derer die Bauern ihre Herde online verfolgen können (u.a. Diebstahlschutz).

Handy als Fernbedienung für Wasserpumpen

Ebenfalls von zentraler Bedeutung für den Ertrag: das Wetter und seine Vorhersage. Besonders jetzt, da der Klimawandel für Unregelmäßigkeiten sorgt, müssen Bauern auf Dürre, Regengüsse oder Stürme vorbereitet sein.

Ein Beispiel der vielen SMS-Wetterdienste ist WeatherSafe. Das Start-up aus dem Gründerzentrum der European Space Agency (ESA) analysiert Daten von Wettersatelliten und sendet lokale Vorhersagen per SMS an Kaffeebauern. Kilimo Salama hat es sogar geschafft, unbemannte, vernetzte Wetterbeobachtungsstellen mit mobilen Zahlungsmöglichkeiten zu kombinieren, um Kleinbauern Mikroversicherungen gegen schlechtes Wetter anzubieten. Mit dem in Indien mittlerweile recht weit verbreiteten Nano Ganesh können Landwirte ihre Bewässerungsanlagen über ihr Handy steuern. Das bedeutet, dass sie weniger Zeit und Geld für Mobilität aufbringen müssen und gleichzeitig besser mit mangelhafter Stromversorgung umgehen können.

Bauernverbände: Mehr Wumms durch Multiplikatoren

Ein klarer Trend, der sich bei den Informationsdiensten für Kleinbauern abzeichnet, ist die Alles-in-einem-Lösung: Marktpreise werden zusammen mit Wettervorhersagen und Ratschlägen zum Anbau etc. in einem Paket verschickt. Doch nur wenige Anbieter sind in direktem Kontakt mit den Bauern. Die meisten Online-Anbieter gehen über landwirtschaftliche Verbände. Die Verbände wirken oft als wichtige Multiplikatoren: So wurde Esoko nicht für die Bauern, sondern für die Verbände entwickelt, die den Service dann streuen. Dank Esoko können die Verbände auch zentral gesteuert Botschaften auf die Handys ihrer Mitglieder schicken. In Guinea Bissau half das vor Kurzem, um koordiniert auf eine Pest reagieren zu können.

Außerdem lassen sich über die Verbände kostengünstig viele Bauern erreichen. Da die Produkte für die Kleinbauern bezahlbar sein müssen und deshalb entsprechend günstig sind, wäre ein Vertrieb per Einzelansprache nicht rentabel. Schaffen es die Anbieter aber, eine gewisse kritische Masse für ihren Service zu gewinnen, arbeiten sie sogar profitabel und erzielen gleichzeitig indirekt eine soziale Wirkung, da sich die Lebensumstände vieler Menschen verbessern.

Fazit

Das Internet ist in ländlichen Gebieten zwar immer noch nicht weit verbreitet, Handys aber benutzen die Menschen in fast jedem Winkel der Welt. Deshalb basieren die meisten Angebote für Kleinbauern auf SMS oder Sprachnachrichten. Inhaltlich geht es darum, die Produktivität zu steigern, Management und Logistik zu verbessern oder die Marktpreise transparent zu machen.

Immer mehr große Stiftungen und auch die staatliche Entwicklungszusammenarbeit erkennen, dass digitale Werkzeuge großes Potenzial haben, wenn es darum geht, Bauern zu empowern. Die erste Welle der Feature-Phone-Anwendungen (internetunabhängig) schwappt gerade über die Äcker der Kleinbauern in ärmeren Ländern. Die zweite Welle der internetbasierten Anwendungen für Smartphone und Co. wird weit ausdifferenziertere Apps mit sich bringen. Doch dazu muss das Internet noch weiter in die ländlichen Gebiete vordringen.