Mitmachen

Mitmachen ist Teil der digitalen Lebensart. Nie war es so leicht, sich einzumischen, zu helfen oder einfach mitzumachen.

Partizipation ist ein Megatrend. Immer mehr Menschen machen mit. Sie bringen sich im Internet zunehmend mit Wissen, Engagement, Bewertungen und eigenen Inhalten ein – sei es in Diskussionen, per Blog oder um freiwillig zusammenarbeiten. Auch im sozialen Sektor werden sich die Menschen in Zukunft stärker über das Internet engagieren. Organisationen werden sich öffnen und vom Potential des Partizipationstrends profitieren.

Das Internet ist sozial und partizipativ. Das Web 2.0 ist zum medialen Massenphänomen geworden und Social Media in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht nur Petitionen werden heute kaum noch auf Papier unterzeichnet. Auch wenn Menschen Blogs schreiben, kommentieren, Wikis mit Wissen füllen und Videos ins Netz laden, machen sie mit – und wenn sie Kritik an sozialen Projekten öffentlich machen (s. Glasklar) oder sich online engagieren. Die Menge an Inhalten, die Internetnutzer generiert haben, steigt weiter.

Denn Menschen haben grundsätzlich ein Mitteilungs-, Anerkennungs-, und Sozialisierungsbedürfnis. Über das Internet können sie diese Bedürfnisse ohne viel Aufwand ausleben. Das Internet macht es auch möglich, dass Menschen, denen freiwilliges Engagement bislang zu aufwändig war, nun online schnell und zwischendurch mitmachen (s. Karma statt Kohle). Außerdem finden im Internet Menschen mit speziellen Interessen sehr leicht zusammen ("Long Tail").

Mit der weltweiten Verbreitung des Internets, besonders des nutzergenerierten Web 2.0, sind partizipative Prozesse allgegenwärtig und zu wichtigen Veränderungsmotoren geworden. Über digitale Medien lassen sich Informationen – in Wort, Bild und Ton – bequem, schnell und extrem kostengünstig suchen und verbreiten. Das Besondere ist, dass der größte Teil dieser Informationen von den Internetnutzern selbst zur Verfügung gestellt wird: Jede Minute werden auf YouTube durchschnittlich 48 Stunden Film hochgeladen. 35 Millionen flickr-Nutzer haben 3 Milliarden Fotos auf der Plattform angehäuft (die jeden Monat von 73 Millionen Besucher angeschaut werden). Und auf Wikipedia sind mittlerweile insgesamt fast 20 Millionen Artikel zu finden, die von 1,4 Millionen Wikipedianern erstellt wurden. Nach 3,7 Millionen englischen Beiträgen stehen an zweiter Stelle 1,3 Millionen Beiträge auf deutsch, verfasst von über 113.000 deutschen Freiwilligen (Stand Okt. 2011). Während auf YouTube relativ zusammenhangslose Inhalte von den Nutzern generiert werden, kommt bei Wikipedia eine Schwarmintelligenz zum Zuge, die durch eine Regelarchitektur (Administratoren, Diskussionen) zu qualitativ hochwertigen Inhalten führt. Und in der Welt des Konsum sind es auch die Nutzer, die sich ihre bevorzugten Inhalte selbst bereitstellen: 25 Prozent der Suchergebnisse für die weltweit Top-20-Konsumgütermarken verlinken auf nutzergenerierte Seiten.

US-Amerikaner gucken 200 Milliarden Stunden TV pro Jahr – 0,05 % dieser Zeit hat es bislang gekostet, Wikipedia mit Wissen zu füllen.

Clay Shirky beschreibt in seinem Buch Cognitive Surplus (Kognitiver Überschuss) wie Menschen, die vormals ihre freie Zeit hauptsächlich passiv vor dem Fernseher verbrachten, sich dank des Web 2.0 plötzlich kreativ betätigen und ihr Schaffen öffentlich machen können. Sie befriedigen dabei intrinsische Bedürfnisse nach Autonomie („Das habe ich gemacht“), Kompetenz („Daraus habe ich etwas gelernt“), zeigen ihre soziale Verbundenheit („Das haben wir gemeinsam geschaffen“) und Großzügigkeit („Ich teile gerne mit Dir, da es mir in Zeiten kostenloser Vervielfältigung nicht wehtut, wenn Du Dir eine Kopie von meinem Film, meiner Musik oder meinem Text machst.“). Das Potential der Passiven ist groß: Amerikaner verbringen jährlich 200 Milliarden Stunden vor dem Fernseher – es hat aber nur 100 Millionen Stunden Arbeit gekostet (0,05 Prozent) um Wikipedia auf den heutigen Wissensstand zu bringen.

Da die Kosten für die Nutzung des Internets mittlerweile in vielen Teilen der Welt gering sind (und sich weiter verringern), finden allein durch seine schiere Verbreitung auch im sozialen Sektor neue Stimmen Gehör. Waren es bis vor kurzem eine Handvoll großer Stiftungen, NGOs und staatliche Institutionen, die im philanthropischen Sektor die Themen setzten, so sind wir heute mit einer dichten und ausdifferenzierten Meinungslandschaft konfrontiert, zu der insbesondere Tausende Blogger beitragen. Ihre Beiträge werden von den Printmedien wie der New York Times und Stiftungen wie Hewlett und Rockefeller verfolgt: Durch die neue kollaborative Meinungslandschaft und die partizipativen Möglichkeiten des Internets kann jeder Themen setzen und zum Meinungsmacher werden. So war es der Blogger David Roodman vom Center for Global Development, der im Winter 2009 in seinem Blog über Mikrokredite darauf aufmerksam machte, dass die Plattform Kiva.org gar nicht die realen Kreditnehmer auf ihrer Website abbildet. Die Geschichte wurde 10.000 Mal geklickt und schnell über andere Blogs und twitter verbreitet. Dort wurde eine Reporterin der New York Times darauf aufmerksam und nach ihrem Artikel zirkulierte das Thema in vielen etablierten Printmedien.

Andere Blogger tragen zur Professionalisierung des Sektors bei, indem sie Organisationen Werkzeuge und Tipps, etwa zur besseren Nutzung von sozialen Medien bereitstellen – kostenlos. Nutzen Organisationen diese Ressourcen, beteiligen sie vormals ausgeschlossene Gruppen – sie lassen sie partizipieren. Und da im Internet Zensur erschwert ist, nehmen Blogger und andere Engagierte Einfluss – ihre Partizipation kann kaum verhindert werden. Ein gutes Beispiel ist etwa die Kit-Kat-Kampagne von Greenpeace.

 

Es kann gar nicht genug Köche geben: Je mehr Menschen einen Wikipedia-Artikel überarbeiten, desto akkurater wird er.

Partizipation ist auch Kollaboration. Das Internet ermöglicht diese Kollaboration auf zwei Arten: Einerseits kann man heute sehr kostengünstig kommunizieren und zwar ohne Verzögerung und unabhängig von der geographischen Distanz zum Gesprächspartner. Andererseits ist es sehr einfach, sich als Gruppe zu finden, auszutauschen und zu koordinieren. Wer ein spezielles Interesse hat, wird über das Internet Gleichgesinnte finden (s. Der lange Schwanz). So finden sich so genannte „communities of practice“ zu unterschiedlichen philanthropischen Themen zusammen. Es gibt fast 18.000 Yahoo-Gruppen zum Thema AIDS und rund 350.000 zum Thema Ausbildung. Die (weitgehend) kostenlose Plattform Ning ermöglicht es mittlerweile über 300.000 aktiven Gruppen ein eigenes soziales Netzwerk von Gleichgesinnten aufzubauen, in denen Millionen von Menschen zu Themen wie „Wasserpolitik im Nahen Osten “ oder „Rechtspluralismus in Ghana “ zusammenkommen. Innerhalb solcher Gruppen werden Inhalte oft kollaborativ erstellt. Die produktivsten Beispiele für Kollaboration sind open source Software wie Linux und Apache sowie das Online-Lexikon Wikipedia.

In diesen Interessensgemeinschaften tummeln sich Laien und Experten. Da sich im Internet jeder zu Wort melden kann, geht es aber nicht darum, wer etwas sagt, sondern ob die Gemeinschaft seine Argumentation nachvollziehen kann und wie sie das Gesagte bewertet. Es kommt zur Diskussion, die etwa bei Wikipedia zu einem sehr hohen Qualitätsniveau der Beiträge führt. Bei der Online-Enzyklopädie zeigt sich: Je höher der Grad der Partizipation, also je mehr und je öfter Menschen einen Artikel überarbeiten, desto akkurater wird er. Wer sich wirklich mit etwas auskennt, möchte sein Wissen teilen. Im Gesundheitsbereich sind es manchmal aber auch gerade die Laien, deren Wissen wertvoll ist. Kranke werden zu Experten ihrer eigenen Gesundheit, wenn sie in Foren über ihre Symptome und Erfahrungen schreiben. Das hilft anderen oft mehr als kryptische Diagnosen von Medizinern. Und alte Menschen kennen sich mit den Bedürfnissen von Alten am besten aus. Auch binden immer mehr Firmen ihre Kunden in die Entwicklungsprozesse neuer Produkte mit ein – sie lassen sie mitmachen.

So werden aus ehemaligen Konsumenten oder Empfängern von Dienstleistungen Mitgestalter. Bezüglich des Medienkonsums spricht der amerikanische Journalismusprofessor Jay Rosen von „the people formally known as the audience“. Standen in der alten Welt der Printmedien, des Radios und Fernsehens einige wenige Produzenten einer großen Masse von Konsumenten – Lesern, Zuhörern und Zuschauern – gegenüber, so bröckeln diese Fronten. Eine weitgehend passive Rezipientenmasse wird zunehmend aktiv gestaltet ihre eigenen Inhalte (s. YouTube). Nachrichten, Wissen und Unterhaltung werden immer häufiger kollaborativ im Dialog zwischen den ehemaligen Produzenten und Konsumenten geschaffen (s. facebook).

Einfache Mitmach-Rechnung: Geringe Kosten, hoher Nutzen.

Auch im sozialen Sektor sind die Hürden für den interessierten Spender oder einfach Internetnutzer, sich einzubringen, auf ein Minimum geschrumpft. Wer sich mit Brunnenbau, TBC-Behandlungen oder Mikrokrediten auskennt, muss nur online gehen, um sein Wissen und seine Meinung zu mitzuteilen. Nicht nur in speziellen Foren, sondern auch direkt über entsprechende Organisationen, die auf dem jeweiligen Gebiet arbeiten. Wenn diese Organisationen offen für Partizipation von außen sind, können sie das Wissen auch nutzen. So werden aus vielen Spendern Dialogpartner und Mitgestalter, besonders im Bereich der Großspender. Soziale Organisationen werden immer mehr in den Dialog treten und kollaborative Strategien entwickeln müssen. Wer sich der Dialogbereitschaft seitens der Unterstützer und Spender verweigert, wird eben diese verlieren. Verglichen mit dem Nutzen, den Organisationen durch Partizipation und Öffnung nach außen erfahren, sind die Kosten relativ gering.

Zur Menge der Partizipationsfreudigen: Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2010 bestätigt zwar, dass Social Media in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und sich die Kommunikation im Netz weiter in Social Networks verlagert. Aber „nach einer euphorischen Einführungsphase ist das Mitmachnetz in eine Phase der Konsolidierung eingetreten.“ Anders ausgedrückt: Web 2.0-Anwendungen werden intensiv genutzt. Die Inhalte werden aber nur von einem kleinen Teil der Nutzer bereitgestellt – jene, die sich ohnehin und auch offline stark engagieren.

Die Marktforscher von Forrester unterscheiden deshalb zwischen Creators, Critics, Joiners, Spectators und Inactives. Im Jahr 2010 nahmen sie noch eine neue Gruppe auf: Conversationalists, Nutzer, die auf twitter oder facebook regelmäßig Unterhaltungen pflegen. Diese Plauderer sind aufgenommen worden, weil Kommunikation der zentrale Nutzungsaspekt im Internet ist. Die Creators, also Gestalter, sind quantitativ die kleinste Gruppe, aber auch Meinungsmacher und Multiplikatoren für die nachfolgenden Gruppen der Kritiker, Zaungäste und Passiven. Da die ohnehin Engagierten sich auch im Netz zunehmend engagieren, sollten Organisationen diesen Menschen den Zugang nicht verwehren. Denn sie ziehen weitere Interessierte mit sich.

Beth Kanter stellte die Regel auf, dass ein nutzergenerierte Inhalt durchschnittlich von 10 Menschen weiterverbreitet wird und 100 ihn sehen. Crowd-Beteiligungen sind auch zu 90 Prozent "nutzlos" (die meisten YouTube-Clips), aber die restlichen zehn Prozent sind um so wertvoller (s. Wikipedia). Dabei beschränkt sich das Online-Engagement nicht nur auf den euroamerikanischen Raum. Vier von fünf Internetnutzern in China (88%) und mehr als die Hälfte in Brasilien (51%) haben einen eigenen Blog- oder Forumseintrag geschrieben – in den USA sind es nur 32%.

Partizipation = Revolution?

Die Partizipationsmöglichkeiten des Internets stellen eine große Herausforderung für eine Reihe der etablierten Akteure dar, für Non-Governmental-Organisationen (NGOs) und Institutionen der staatlichen Entwicklungshilfe, aber auch für Ärzte und Pharmaunternehmen. Die Rollen dieser Institutionen und Autoritäten verändern sich in dem Maße, in dem sich die Grenze zwischen Experten und anderen sozial engagierten Akteuren verschiebt. Das Monopol der Experten wackelt: Organisationen, die schlechte Projekte machen, müssen damit rechnen, dass jemand, der mit einem enttäuschten Projektbeteiligten spricht, einen Bericht im Internet veröffentlicht.

Das Monopol von Hilfsorganisationen basiert darauf, dass sie privilegierten Zugang zu Ressourcen (Zugriff auf Geldgeber), Informationen (entwicklungspolitisches Expertenwissen), zu Orten (event. in weit entfernten Ländern) und Arbeitskräften haben. Eine weitere wesentliche Daseinsberechtigung ist, dass NGOs großflächige und komplexe Aufgaben managen können, die einen großen Koordinations- und Verwaltungsaufwand bedeuten. Doch im digitalen Zeitalter sind einige dieser Qualifikationen keine Alleinstellungsmerkmale mehr.

Noch nie war es so einfach partizipationswillige Menschen und Aufgaben kostengünstig online zu koordinieren (s. Netzwerkorgas) Lokale Initiativen können über Online Spendenplattformen direkt Gelder für ihre Arbeit einsammeln, über Wissenplattformen Knowhow erwerben und Arbeitskräfte vor Ort engagieren. In dem Maße, in dem die Mittler- und Koordinationsfunktionen von NGOs und andere Institutionen an Bedeutung verlieren, steht uns eine Umstrukturierung des philanthropischen Systems bevor, in Folge dessen die Macht von Einzelpersonen und von Gruppen außerhalb der etablierten Institutionen an Bedeutung zunimmt. Denn die Organisation von Partizipation ist im Internet sehr einfach. (s. auch dieses sehr gute Interview mit Soziologieprofessor Gerhard Schulze über das Wiedererstarken des öffentlichen Diskurses durch das Internet.)

Partizipative Systeme (hier ein guter Artikel aus Harvard International Review) sind anders organisiert als hierarchische Strukturen. Initiativen wie Ushahidi oder nonprofitmapping.org (s. Kartismus), die auf digitalen Medien und freier Software basieren, haben keine Zentrale, sondern agieren als Netzwerk, dessen ehrenamtlich arbeitende Mitglieder über die ganze Welt zerstreut sind und virtuell zusammenkommen, um Probleme zu lösen. Diese neuen Organisationen kommen weitgehend ohne Institutionalisierung aus, ohne Missionstatements, Aufsichtsgremien und Vorstände. Viele operieren außerhalb der herrschenden Gemeinnützigkeitsregeln (und haben deshalb z.T. auch keinen Zugriff auf die Förderungen von klassischen Stiftungen).

Fazit

Sowohl Geldgeber wie auch soziale Organisationen sollten das Potential des Mitmachens nutzen. Dazu müssen sie Partizipation in die Mentalität ihrer Institutionen einführen. Angst vor der Öffnung, die mit partizipativen Strukturen einhergeht, bringt keinen Fortschritt. Impulse von Tausenden von Internetnutzern dagegen schon. Diese fragen sich aber: "Was habe ich davon?", weshalb Anreizstrukturen nicht fehlen dürfen.