Hackathons

Produktive Programmier-Parties: Hackathons schaffen Raum für die Entwicklung neuer Ideen.

Mittlerweile vergeht auch in Deutschland kaum ein Wochenende, an dem nicht gehackt wird. Konzepter und Ideenentwickler treffen sich mit Programmierern, trinken tagelang Energy-Drinks und machen aus einer Idee einen "greifbaren" Software-Prototypen. So können auch Ideen getestet werden, die in Alltagsroutinen kaum eine Chance auf Anerkennung haben. Und für Organisationen der Zivilgesellschaft sind Hackathons eine gute Gelegenheit, sonst so knappe Entwickler-Ressourcen zu nutzen. Die produktiven Programmier-Parties vereinen Spaß an der Freud mit dem Drang, etwas Sinnvolles zu schaffen.

Ab Mitte der 2000er wurden Hackathons, auch Hackfest oder Hackdays genannt, sehr populär, und Agenturen, Softwarehersteller und große Firmen nutzen das Format seitdem, um in kurzer Zeit Ideen in Code zu verewigen. „Hack“ steht dabei für die schnelle und spielerische Art, kleine Programme zu schreiben. „Marathon“ spielt auf das Durchhaltevermögen an, das bei Hackathons nötig ist – sie gehen meist ohne Unterbrechung bzw. Schlafpausen über 36, 48 oder mehr Stunden.

Oft sind auch Grafiker, Interface-Designer, Konzepter, Geschäftsleute, Datenspezialisten, Künstler oder Aktivisten anwesend und helfen während des Workshops eine funktionsfähige digitale Innovation zu entwickeln – der Prototyp einer Website, eine App oder andere Software.

Hackathons eignen sich gut, Ideen innerhalb kurzer Zeit in konkrete Produkte zu überführen. Das Format hat bereits viele Innovationen hervorgebracht und ist deshalb besonders für Investoren interessant. Sie bekommen eine Fülle neuer Ideen präsentiert und können am Prototyp erste Indizien erkennen, ob die Idee bzw. das Produkt funktioniert. Auch sehen sie, wie Programmierer, Ideengeber und Teams arbeiten und können Talente identifizieren.

Forschung und Ideenentwicklung zum Schnäppchenpreis

Für Unternehmen sind Hackathons ein kostengünstiges Innovationsformat. Google oder Facebook veranstalten beispielsweise regelmäßig interne Hackdays, um neue Produkte zu entwickeln und bestehende zu optimieren. Sowohl der Like-Button als auch die Timeline auf facebook sind bei Hackathons entstanden. Immer mehr Unternehmen sponsern auch externe, offene Hackathons – nicht nur wegen der Ideen und Talente, sondern auch um ihr Image des attraktiven Arbeitgebers zu pflegen.

Hackathons variieren in Format und inhaltlicher Ausrichtung: Manche haben thematische Schwerpunkte oder konzentrieren sich auf eine Programmiersprache wie Drupal, Java Script oder Ruby on Rails. Einige haben nur ein Dutzend Teilnehmer, andere sind große Veranstaltungen mit über 500 Menschen. Es gibt auch dezentrale, über mehrere Städte verteilte Hackathons (etwa den Global Foursquare Hackathon).

Und seit August 2012, als die australische Regierung Vorratsdatenspeicherung beschlossen hat, feiern immer mehr Menschen Cryptoparties, um sich sich Verschlüsselungstechniken beizubringen.

Ablauf

Hackathons zeichnen sich durch ihren kollaborativen Charakter aus; meist arbeiten interdisziplinäre Teams gemeinsam an einem Thema. Die Veranstaltungskultur ist informell und ergebnisorientiert. Viele Teilnehmer arbeiten die Nacht durch oder schlafen nur kurz vor Ort auf oder unter den Schreibtischen.

Der Ablauf folgt einem relativ standardisierten Schema:

Zu Beginn führen die Organisatoren in das Thema und die speziellen Herausforderungen ein.

Dann schlagen die Teilnehmer Ideen und Lösungsansätze vor, an denen sie arbeiten wollen.

Nach der Pitch-Phase formieren sich Teams, bei denen man auf eine gute Mischung aus Ideengebern, Konzeptern, Programmierern und eventuell anderen Experten achtet.

Nun startet die eigentliche Arbeit: Die Ursprungsidee wird verfeinert, ein Konzept erstellt, eine User-Journey (wie verhält sich ein potentieller Nutzer) und eventuell ein clickbarer Prototyp gebaut. Dieser kann mit anderen Teilnehmern oder auf der Straße mit fremden Leuten getestet werden. Zugleich können Grafiker visuelle Elemente wie Logos und Moods entwerfen und Entwickler anfangen, zu programmieren. Für diese Schritte stehen viele Kreativtechniken zur Verfügung (Design Thinking, Service Design etc.)

Am letzten Tag des Hackathons werden die fertigen Tools und Prototypen präsentiert, zum Beispiel informell vor den anderen Teilnehmern oder vor einer Experten-Jury. Viele Hackathons vergeben Gewinne und Preisgelder für die besten Ergebnisse.

Hack for good

Seit Ende der 2000er gibt es Hackathons auch im sozialen Sektor. Aktivisten, Vertreter von NGOs oder öffentliche Einrichtungen fungieren dabei als Ideengeber. Sie präsentieren Herausforderungen ihrer Arbeit und konzipieren gemeinsam mit Programmierern und anderen Experten technologische Lösungen. Die Themenvielfalt reicht von Katastrophenhilfe (z.B. CrisisCommons) über Wasserverschmutzung und Kinderhandel bis zu transparenter Regierungsführung. Es werden aber auch Spenden-Apps und Tools für das Management von ehrenamtlichen Mitarbeitern gebaut (die Spenden-App von betterplace ist auch bei einem Hackathon entstanden). Manche Hackathons sprechen eine spezifische demographische Zielgruppe wie Jugendliche, oder Frauen (siehe Geekettes Berlin).

Motivation der Teilnehmer und Finanzierung

Hackathons sind für Teilnehmer entweder kostenfrei oder erheben nur eine geringe Pauschale, welche die Kosten für die Verpflegung etc. abdeckt. Hackathons sind Teil der informellen und kollaborativen Open Source Kultur der Programmierer und ziehen eine bunte Mischung von Teilnehmern an. Diese wollen Netzwerken, Gleichgesinnte kennenlernen und ihre technischen oder kreativen Fähigkeiten austesten und verbessern. Manche wollen einfach ihre Wochenenden auf produktive Weise verbringen, andere aber sehr konkret technologische Lösungen für die Probleme ihrer Organisation konzipieren und bauen.

Da die wichtigste Ressource von Hackathons die Eigenmotivation der Teilnehmer ist, können sie potentiell sehr kostengünstig durchgeführt werden. Jeder, der einen passenden Raum, einen stabilen Internetzugang und etwas Essen und Trinken bereitstellen kann, kann einen Hackathon ins Leben rufen. Über Veranstaltungsplattformen wie MeetUp oder Eventbrite können Teilnehmer online rekrutiert und koordiniert werden.

Viele Hackathons werden von Unternehmen wie Intel, Microsoft oder Edelman gesponsert. Die Kosten für Hackathons variieren dabei (ohne Preisgelder) zwischen 5.000 - 30.000 €. Unternehmen nutzen Hackathons auch, um in den Pausen eigene Produkte vorzustellen, die Entwickler im Idealfall in ihr Hacking mit einbeziehen. Damit kann die ursprünglich meist kommerzielle Produktpalette um eine soziale Dimension erweitert werden. Firmen können mit Hackathons auch Mitarbeitern ein attraktives Format für die Entwicklung ihrer Ideen anbieten. Auch bei firmengesponserten Hackathons verbleiben die Rechte grundsätzlich bei den einzelnen Teams und gehen nur in wenigen Ausnahmefällen an die Unternehmen über.

Apps für Bürgerjournalisten, NGOs und den Staat

Nach einer ersten Phase informeller Hackathons sind sowohl in der For-Profit-Welt (zum Beispiel Angelhack) als auch im Non-Profit-Bereich Organisationen entstanden, die Hackathons professionell ausrichten. Social Coding for Good ist ein Zusammenschluss einiger Tech-NGOs und Medienprojekte, zu denen auch Ushahidi, die Wikimedia Stiftung und das Guardian Project gehört. Letzteres hat bei Hackathons Apps wie Orbot oder Obscuracam entwickelt. Orbot weitet die Anonymisierungsfunktionen von Tor auf Mobiltelefone aus, während Obsuracam Bürgerjournalisten in repressiven Staaten ermöglicht, ihre Handyaufnahmen mit zusätzlichen Informationen zu versehen oder die Gesichter von gefährdeten Informanten zu verpixeln. SecondMuse ist mit Random Hacks of Kindness und den National Days of Civic Hacking ein anderer erfahrener Anbieter von Hackathons weltweit.

Auch die amerikanische NGO Datakind veranstaltet Hackathons mit philanthropischen Partnern. Bei einer Veranstaltung gemeinsam mit der Organisation DC Action for Kids, die sich um das Wohl von Kindern in Washington D.C. kümmert, trafen Mitarbeiter der NGO auf Entwickler, Datenexperten und Grafiker aufeinander. Gemeinsam entwickelten sie Tools, mit denen sie verschiedene, bislang in PDFs verschlossene Daten analysieren und visualisieren können, um ein besseres Verständnis für die Hebel ihrer Arbeit zu entwickeln. Das Hackathon-Wochenende bildete allerdings nur den Startschuss für eine weiterreichende Zusammenarbeit zwischen Datakind und DC Action, in deren Verlauf interaktive Karten der Stadt entstanden, mit deren Hilfe Aktivisten neue Zusammenhänge herstellen konnten.

Seit 2009 bringt Code for America die Entwickler-Community mit staatlichen Institutionen in den USA zusammen – in Form von Stipendien für Programmierer, die für die öffentliche Verwaltung arbeiten können, oder auf Veranstaltungen wie Hack for Change. Programmierer konzipieren dann gemeinsam mit Vertretern von Kommunen und Stadtverwaltungen technologische Anwendungen, mit denen politische Prozesse und öffentliche Dienstleistungen transparenter, partizipativer und effizienter werden. So ermöglicht Open 331 die nationale Koordination von Bürgeranliegen, während Wo ist mein Schulbus? es Kindern und Eltern in Boston ermöglicht, zu überprüfen, ob die Schulbusse pünktlich fahren.

Eine Fülle politischer Transparenz-Apps wird von der Sunlight Foundation im Zuge von Hackathons entwickelt. Die Entwicklung, Open Government-Werkzeuge zu bauen, ist jedoch nicht auf die USA beschränkt. So veranstaltete die EU 2013 ihren ersten Hackathon in Brüssel, gesponsert von Google und Skype, auf dem 54 Programmierer aus 19 Ländern Transparenztools bauten. Soziale Hackathons boomen überall dort, wo eine starke IT-Community auf sozial engagierte Organisationen trifft, von Indien über Kenia bis Südamerika.

Fazit

Wer mit Ideen für digitale Produkte Spaß haben möchte, dem sei ein Hackathon empfohlen. Schon in kleinem Rahmen und mit wenig Geld lässt sich so ein Wochenende organisieren. Da Menschen aus verschiedenen Disziplinen gemeinsam an Lösungen arbeiten, ist zumindest Inspiration garantiert. Manchmal kommt auch tatsächlich ein Produkt dabei heraus, dass es zur Marktreife schafft. Aber viel wichtiger ist, dass Hackathons Ideen aus den Köpfen der Menschen befreien und diese Ideen greifbar machen. Während des Herumwerkelns können die Hacker viel praktischer entscheiden, was funktioniert und was wie verbessert werden muss. So sind Hackathons eine Spielwiese, auf der mitunter die erstaunlichsten Gewächse sprießen.