Silbersurfer

Als Silbersurfer sind ältere Menschen längst schon online. Wie Apps und so weiter das Altern erleichtern.

Sie skypen mit den Enkeln, organisieren ihr Ehrenamt mit Hilfe von Online-Plattformen, schreiben als Zeitzeugen für digitale Archive und drehen auch mal ein YouTube Tutorial übers Strudelrollen. Die Silver Surfer, Menschen über 50, sind längst im Internet unterwegs. Und sie werden immer mehr: Waren Anfang des Jahrtausends nur vier Prozent der über 60jährigen in Deutschland online, sind es 2013 bereits 43 Prozent. Bei den 50-59jährigen liegt der online Anteil schon bei 83 Prozent. Auf vielfältige Weise wird das Internet zukünftig die Lebensqualität der Älteren verbessern.

Mit der Digitalisierung der Silberhaarigen ist ein großes soziales Potential für die gesamte Gesellschaft verbunden. Dies nicht zuletzt, da der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung immer größer wird – in Deutschland sind derzeit rund 33 Millionen Menschen, also mehr als 40 Prozent der Bevölkerung, älter als 50 Jahre. Sie gehören nicht mehr zum “alten Eisen”, sondern zu den “Best Agern”: Ältere strotzen vor Lebenslust, sind zufrieden, engagiert und fühlen sich im Durchschnitt zehn Jahre jünger als sie sind (so charakterisiert die aktuelle Altersstudie der Generali die Mehrheit der 65-85jährigen). Dieses Potenzial soll mit Hilfe des Internets gehoben werden.

Die Best Ager fördern und fordern sich online

Viele Unternehmen haben längst erkannt, dass altersgemischte Teams leistungsfähiger sind, da sich junge und ältere Mitarbeiter oft sehr gut ergänzen und suchen gezielt nach älteren Mitarbeitern. Und wer sagt, dass mit der Pensionierung die Karriere vorbei sein muss? Eine zweite Karriere im sozialen Sektor vermittelt das „Encore Fellowship Network“  für pensionierte Führungspersönlichkeiten großer Unternehmen. Für sechs bis zwölf Monate arbeiten sie in einer NGO und können so ihr wertvolles Wissen weitergeben. Wer sich als Rentner im Ausland engagieren möchte kann sich über einen Freiwilligendienst wie „Volunteer 50plus“ für ein Jahr in einem Hilfsprojekt irgendwo auf der Welt einbringen.

Auch für Bildung ist nach dem Beruf wieder mehr Zeit. Die „jungen Alten“ gehen immer öfter gern wieder zur Uni zum Beispiel zur „Online Universität U3A“.  Auf diesem Weg können sie neues Wissen erwerben und bekommen Zugang zu sozialen Kontakten, die sie über das Universitätsnetzwerk knüpfen. Aber noch mehr: sie qualifizieren sich eventuell auch für neue Beschäftigungs- und Einsatzmöglichkeiten und bleiben damit länger aktiver Teilnehmer der Gesellschaft.

Erinnerungen digital archivieren und spielerisch aktivieren
Das Wissen der Älteren hat aber auch noch einen anderen Wert als den ökonomischen: Historische Forschungs- und Storytelling-Projekte entdecken die Wissensschätze der Älteren und laden sie dazu ein, zu virtuellen Archiven beizutragen. Auf dem Onlineportal „Gedächtnis der Nation“ erzählen über 1.000 Zeitzeugen ihre Berührungspunkte mit der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts und machen diese für die nachfolgenden Generationen zugänglich. So umfassend und kostengünstig war Zeitzeugenforschung bisher noch nicht möglich.
Familie digital „erleben“

Ein Drittel der Silver Surfer telefoniert über das Internet, z.B. mit Skype – vor allem um mit der Familie Kontakt zu halten. Auch spezielle Tools für Omas und Opas gibt es schon: Das für Senioren entwickelte Modul „Speak Set“ hilft ungeübten Onlinern dabei, Videogespräche ganz einfach über den Fernseher zu führen. Mit der App „A Story before Bed“ können Großeltern ihren Enkeln sogar auf Distanz vorlesen – mit Video. Und mit „Mindings“ können alle Familienmitglieder Fotos, SMS-Nachrichten, Kalendererinnerungen bequem vom Handy aus an die Oma zu Hause schicken werden. Diese Tools tragen dazu bei, ältere, möglicherweise alleinstehende Familienangehörige regelmäßig in das aktuelle Familiengeschehen einzubeziehen.

Digitales Monitoring schafft Freiräume – zunächst

Verschiedene digitale Tools für Pfleger oder Familienangehörige helfen auch bei der Betreuung von hilfebedürftigen Angehörigen: Die „Tweri Alzheimer Caregiver App“ verwendet eine geografische Tracking Software für das Smartphone des Betroffenen. Wenn er sich verirrt und aus einem bestimmten Radius entfernt, werden Angehörige automatisch über den letzten Standpunkt des Patienten informiert. Das System „Care@Home“ (noch in der Pilotphase), besteht aus einem Mix verschiedener technischer Module z.B. einer App, einer Bedienerkonsole und Sensoren. Familienangehörige werden auf dem Handy benachrichtigt, sollte etwas anders sein als sonst. Über die Konsole kann man auch miteinander sprechen. Dass diese technischen Hilfsmittel keine sachkundige Betreuung ersetzen, ist klar. Sie können aber die Familiensorgen in den milderen Anfangsstadien von Altersverwirrung zunächst ein wenig auffangen. Und für die alten Menschen gilt: Vor allem in den ersten Stadien der Krankheit räumt die App ihnen noch eine gewisse Autonomie ein.

Apps helfen, Handicaps zu überwinden

Gerade wenn die körperlichen Fähigkeiten im Alter nachlassen, können Apps und Online-Anwendungen hilfreich sein. Mit „VizWiz“ können sehbehinderte Menschen Antworten zu Gegenständen oder Räumen erhalten, die sie nicht mehr erkennen – Beispielsweise im Supermarkt. Die App versendet automatisch ein Bild an Helfer im Web und gibt so eine schnelle Rückmeldung zur jeweiligen Frage. Die App „VoiceReading“ verwandelt gedruckte Texte in Tondateien. Wer sich mit dem Gehen schwertut kann zumindest in den Städten auf Lebensmittel-Lieferdienste zurückgreifen und online das bestellen, was er gerade braucht.

Auch bei der individuellen Erinnerungspflege können digitale Tools helfen: Das digitale Kartenspiel „Memory Match“ macht aus eigenen alten Fotos ein Memory-Spiel für das Tablet. Auf diese Weise können Ältere die Erinnerung an wichtige Momente des eigenen Lebens trainieren. Das hat möglicherweise auch einen gesundheitlichen Wert: Gezieltes Gedächtnistraining kann dazu beitragen, den Krankheitsverlauf bei Demenz zu verlangsamen. So ist beispielsweise Dr. Kawashimas Gehirnjogging unter Senioren sagenhaft beliebt – verspricht es doch eine dauerhaft bessere Gedächtnisleistung.

Unabhängig und vernetzt bleiben durch das Internet

Die meisten Silver Surfer nutzen das Internet aber vor allem, um soziale Kontakte zu pflegen: 94 Prozent der europäischen Onliner über 55 Jahre schreiben regelmäßig E-Mails, 60 Prozent sind in einem Sozialen Netzwerk aktiv: Allein 1,98 Millionen Menschen über 55 sind bei Facebook in Deutschland registriert. Und Netzwerke wie „Seniorbook“ wollen eine Kommunikationsplattform auch für diejenigen sein, die sich auf den überladenen Facebook-Profilen mit dem vielen Denglisch nicht so gut zurecht finden.

Nachbarschaftsnetzwerke wie „The Circle“ oder „Contact the Elderly“ aus England ergänzen das Online-Angebot geschickt um Offline-Aktivitäten. Bei The Circle finden ältere Menschen Hilfe, wenn sie z.B. jemanden suchen, der bei Gartenarbeit oder Einkäufen helfen kann. Und Contact the Elderly organisiert „Tea Times“ bei wechselnden Gastgebern – inklusive Fahrdienst.

Medizinische Betreuung beobachten

Und auch das gehört zum Älterwerden: Viele Medikamente, regelmäßige Besuche beim Arzt, Schmerzen. Apps wie „Arzneiwecker“ oder „Easy Pill“ erinnern an die Einnahme von Medikamenten und verwalten den Medikamentenvorrat. Auch Schmerztagebücher gibt es mittlerweile als App (z.B. „MyPainDiary“ ). Bei „uMotif“ steht das Selbstmanagement des Patienten im Vordergrund. Er, bzw. sein Pfleger, sammelt aktiv alle Daten rund um seinen Gesundheitszustand und sendet diese an seinen behandelnden Arzt. Dieser kann zeitnah und fundiert darauf mit Diagnosen und Empfehlungen reagieren. Derzeit wird diese Anwendung in britischen Krankenhäusern getestet, vor allem mit Parkinsonpatienten.

Fazit

Sie organisieren online ihren Alltag, überwachen ihre medizinische Behandlung und pflegen soziale Kontakte – zu Freunden, Enkeln und Kindern. Digitale Technologien helfen Slibersurfern dabei, im Alter aktiv, unabhängig und integriert zu bleiben. Das Internet ist aber nicht nur hilfreich für die Silbersurfer selbst, sondern auch für deren Familien. Bei Krankheit und den ersten Sorgen um die Sicherheit von alten Menschen können Apps diese zunächst ein wenig auffangen. Das funktioniert aber nur, wenn ältere Menschen im Umgang mit Tablet, Smartphone und PC immer sicherer werden.