Open Health – Gesundheit selbstgemacht

Was haben das Foto einer Dengue-Mücke, ein 3D-gedrucktes Mikroskop und ein hölzernes Fetoskop gemeinsam?

Was haben das Foto einer Dengue-Mücke, ein 3D-gedrucktes Mikroskop und ein hölzernes Fetoskop gemeinsam? Alle sind Teil von „Open Health“ Projekten, kein Witz. Maker, Gesundheitsexperten und Patienten vereinen in Open Health Initiativen ihr Wissen, um innovative, individuelle und offene Lösungen für Gesundheitsprobleme zu entwickeln. Hier wird der Menschen nicht einfach nur als Patient, sondern als integrativer Teil des Gesundheitssystems betrachtet. Wurde aber auch Zeit. Dem Gesundheitssystem geht es nicht gut: Es wird zunehmend von Kommerzialisierung und geschlossenen, proprietären Geschäftsmodellen dominiert. Gesundheitslösungen werden meist industriell gefertigt, massenproduziert und patentiert. Unterfinanzierung, Sozialstaatsabbau und alternde Gesellschaften lasten in westlichen Gesellschaften außerdem auf den Gesundheitssystemen. Deshalb wächst die Schere zwischen den Menschen, die sich hochwertige, oft private Dienste leisten können und denen, deren Bedürfnisse nicht einmal von den standardisierten Lösungen gedeckt werden.


In Entwicklungsländern haben laut einem WHO-Bericht weltweit mehr als 400 Millionen Menschen keinen Zugang zu lebenswichtigen Gesundheitsleistungen wie Geburtshilfe oder sauberem Trinkwasser. In der schwächsten Position sind hier Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten, eine Gesundheitsversorgung ist oft schlecht zugänglich, finanziell unerreichbar, oder sie entspricht nicht ihren Bedürfnissen.

Gegen solche Zustände soll das Recht auf Gesundheit unter anderem mittels der Sustainable Development Goals (SDGs) angehen. Demnach soll jeder Mensch bis 2030 Zugang zu Gesundheitssystemen, zu sauberem Wasser, Luft und Sanitäreinrichtungen bekommen. Die Frage, wie dieses Ziel ohne bindende politische und wirtschaftliche Verbindlichkeiten umgesetzt werden soll, ist noch unbeantwortet.

Ein Teil der Lösung kann in der Öffnung von Gesundheitssystem für Bottom-up-Prinzipien und offene Innovationsprozesse liegen. Und tatsächlich: Langsam findet das Konzept offener Innovation, das Henry Chesbrough am Anfang des 21. Jahrhunderts entwickelte, auch im Gesundheitswesen anklang. Die Idee: Innovationen sollen nicht mehr unter Ausschluss der Patienten oder anderer Zielgruppen hinter verschlossenen Türen in Laboren und Unternehmen erarbeitet werden. Patienten können einbezogen werden, damit durch Partizipation und Iteration schneller bessere Ergebnisse erzielt werden können.

So empfahl beispielsweise die European Alliance for Personalised Medicine (EAPM) bereits 2012 die Entwicklung eines an bestimmten Stellen für Beteiligung offenen Open Innovation-Rahmens, damit Gesundheitsanbieter den unterschiedlichen Bedürfnissen von Patenten gerecht werden können. Und längst gibt es eine Reihe von Open Health Projekten, die Patienten eine neue, aktive Rolle einräumen, statt sie als passive Empfänger von Hilfeleistungen zu behandeln.

Denn Wissenschaftler haben die Nachkriegs-Definition von Gesundheit weiterentwickelt. Seit 2011 bedeutet Gesundheit heute auch „the ability to adapt and self manage in the face of social, physical, and emotional challenges”. Das macht den Menschen zum aktiv befähigten Prosumenten und bricht mit der Vorstellung vom passiven Empfänger von Gesundheitsleistungen. Gesundheit ist also ein subjektives Empfinden und benötigt statt industrieller Standards individuelle Lösungen.

Um Patienten und innovative Akteure einzubeziehen, helfen auch die neuen Technologien. Mit der Weiterentwicklung von digitalen Technologien können Patienten, Initiativen und kleine, innovative Unternehmern mehr und mehr Einfluss nehmen.
Experten wie Joyce Lee, die als Ärztin Design-Thinking-Modelle aus der Perspektive der Patienten durchdenkt, fordern: “Healthcare stakeholders, it is time to embrace not only mobile technology and social media but a new participatory culture, which welcomes patients as partners for achieving innovation and transformation inside the healthcare ecosystem.”

Das Maker Net

Neben offener Software und offenen Daten, werden auch Open Health Projekte im Bereich selbstgemachter medizinischer Geräte und Produkte immer relevanter. Die Maker-Bewegung arbeitet im Sinne dieses Do it yourself-Gedankens. Und immer mehr Maker konzentrieren sich auf soziale, ökologische und eben auch Probleme aus dem Gesundheitsbereich. Prothesen für Menschen in Entwicklungsländern können mit 3D-Druckern hergestellt werden, NGOs wie Field Ready (siehe Interview mit Gründer Andrew Lamb S. XY) leistet seit Jahren mit 3D-Druckern Nothilfe in Katastrophengebieten.


2016 gründeten Field Ready, die Wirtschaftsentwicklungsfirmen Civic, CoStruct, die Makerspaces Gearbox und Kumasi Hive die Initiative MakerNet. Das MakerNet will lokale Produktion fördern sowie Liefer- und Wertschöpfungsketten optimieren. Dafür verbinden sie einzelne Personen oder Organisationen, die Lösungen brauchen mit Makern und lokalen Herstellern. Das Pilotprojekt von MakerNet ist in Kenia angelaufen und arbeitet mit dem jungen Kenianer Michael Gathogo zusammen. Gathongo ist ein typischer Maker: Er hat sich viele Fertigungstechniken selbst beigebracht, ist aber weder Arzt noch Ingenieur. Bereits vor seiner Zeit bei MakerNet hat sich Gathongo um lokale Probleme mit selbstgemachten Lösungen gekümmert – unter anderem hat er smarte Westen für die Fahrgäste Motorradtaxis entwickelt: Auf der Rückseite der Westen leuchtet ein Bremslicht, auch wenn die eigentlichen Bremslichter des Motorrads kaputt sind – wie es in Kenia oft der Fall ist.


Für die Pilotphase von MakerNet hat Gathongo lokale Krankenhäuser und Gesundheitsexperten mit Makern zusammengebracht, um Lösungen für Hardware-Bedürfnisse im lokalen Gesundheitssystem zu entwickeln. Zu den erfolgreichen Ergebnissen des Projekts gehört die Reparatur eines kaputten Sauerstoffmessgeräts im St. Patricks Hospital in Kenia. Ein neues Gerät hätte ca. 550 Dollar gekostet. Allerdings war nur eine Verbindungsschraube kaputt. Design, 3D Druck und Reparatur kosteten rund 40 Dollar. Sie druckten auch neue Verbindungsschläuche für kaputte Sauganlagen der Maria Maternity Clinic and Nursing Home in Kayole aus Harz. Statt 350 Dollar für Ersatzteile auszugeben, kostete die Reparatur etwa 50 Dollar.


Die Nutzung lokaler Produktionsmittel und Arbeitsressourcen gehört zum Konzept von MakerNet: Nachdem sie einen Plastik-Prototypen eines Fetoskops 3D gedruckt und in lokalen Kliniken getestet hatten, stellten sie die Röhren, mit denen man den Herzschlag von Ungeborenen durch die Bauchwand der Mutter abhört, über einen lokalen Schreiner aus Holz her. Die Kliniken gaben positives Feedback: Die Holzfetoskope funktionierten besser als der Prototyp aus Plastik. Durch den Prozess, den MakerNet entwickelte, entstand ein günstiges Produkt unter Nutzung lokaler Ressourcen und mit einer kurzen Wertschöpfungskette.


MakerNet kooperiert mit AB3D aus Kenia: Dieses Maker-Unternehmen stellt bereits seit etlichen Jahren 3D Drucker aus eWaste her. Die Drucker produzieren Medizingüter, wie Spritzenaufsätze. Ihr neues Projekt ist ein gedrucktes Mikroskop. Veterinäre Einrichtungen und Krankenhäusern in Kenia nutzen es bereits und erzielen damit bessere Ergebnisse als mit verfügbaren, importierten und von Ersatzteilen abhängigen Modellen.


Solche Open Health Projekte, die sich mit der Maker-Szene verbinden, wollen Kosten und Engpässe für medizinische Geräte senken. Für Tarek Loubahni zählten darüber hinaus Unabhängigkeit und Selbstversorgung. Seine Projekt Glia produziert medizinische Geräte in Gaza. Gemeinsam mit dem Shifa Krankenhaus entwickelte er ein Stethoskop, das in der Herstellung nur  30 US Cent kostet und komplett Open Source zur Verfügung stehen soll. Als in Gaza die militärischen Konflikte 2012 wieder aufgeflammt waren, fehlten Stetoskope. Also machte sich Loubahni daran, die einfachen, aber überlebensnotwendige Geräte mit dem 3D-Drucker herzustellen.


In Ramallah arbeitete währenddessen Samer Shawar, Betreiber des Hackerspace Vecbox, an einer 3D gedruckten Prothese, die mit integrierter Maschinenlerntechnologie arbeitet und Muskelbewegungen erkennen kann. So sollen alle Bewegungen individuell an die Motorik und Nervenstrukturen des Patienten angepasst werden können.

Gesundheitsversorgung 2030 – die Frage nach dem Verhältnis von Privat zu Staat

Innerhalb der SDGs hat Gesundheit Priorität. Doch ohne kreative, innovative Ansätze werden die Entwicklungsziele unerreicht bleiben. Nur wenn Regierungen und Verwaltungen Abhängigkeiten von Geräteherstellern und Pharma-Unternehmen überwinden, wird die Hilfe von Bürgern und Patienten relevanter. Das betrifft sowohl unterentwickelte als auch Industrie-Länder.

Beim Blick auf das Jahr 2030 drängt sich die Frage auf: Werden staatliche und private Akteuren im Gesundheitswesen stärker kooperieren oder wird Gesundheitsversorgung weiter an private Akteure delegiert?

Die komplexe Gemengelage zeigt sich zum Beispiel am Start up flare. In der Presse als eines von Kenias erfolgreichsten und innovativsten Unternehmen gefeiert, ist es nicht mehr als eine Art Uber für Krankenwagen. Da es in Kenia keine zentrale Notrufnummer gibt, gründeten zwei US-Amerikanerinnen flare, um die Versorgungslücke durch ein privates Unternehmen zu füllen. Das Geschäftsmodell – wie das vieler anderer Start-ups und innovativer Projekte – reagiert also auf mangelhafte oder fehlende staatlicher Serviceleistungen.

Wohin geht die Fahrt mit so einem Krankenwagen? Indem flare dem Staat demonstriert, dass eine Krankenwagenversorgung möglich ist, könnte das Privatunternehmen vom Staat aufgekauft werden. Doch wahrscheinlicher ist eine umgekehrte Dynamik: dass die eigentlich staatliche Aufgabe des Krankentransports privatisiert wird. Dass Regierungen ihrer Verantwortung gar nicht erst nachkommen werden.

Fazit

Wie also können Open Health Projekte staatliche Versorgung verbessern, statt sie zu ersetzen? Vorteilhaft wäre, wenn es in Zukunft in allen Krankenhäusern Maker-Einrichtungen gäbe, um schnell und kostengünstig Maschinen reparieren oder individuelle Lösungen entwickeln zu können. Es bräuchte den politischen Willen, Open Innovation Richtlinien umzusetzen, um Innovatoren und Patienten in Forschungsprozesse einzubeziehen – und zwar nicht erst zum Testen von Lösungen, sondern bereits in der Entwicklung.
Natürlich kommen auch kritische Fragen auf, zum Beispiel im Bezug auf Qualitätskontrolle, Haftung und Garantie. Was passiert, wenn die 3D gedruckte Nabelschnurrklammer nicht funktioniert? Hiermit verbunden sind diverse ethische und rechtliche Fragen, die bislang ungeklärt sind.


Verständlich, denn wir stehen erst am Anfang der Entwicklung hin zu mehr Open Health. Die ersten Beispiele stimmen zwar optimistisch, geben uns aber gleichzeitig ein nicht zu unterschätzendes Arbeitspaket mit auf den Weg: Wie können DIY-Health Ansätze in bestehende Gesundheitssysteme integriert werden? Wie können Lösungen skaliert werden? Und wo komplimentieren sich top-down und bottom-up Ansätze im Gesundheitswesen? Diese Fragen gilt es zu adressieren, wenn wir mit innovativen Lösungen und modernen Technologien Menschen Möglichkeiten schaffen möchten, sich selbst zu helfen.