Open Innovation

Ideen können sich schneller verbreiten und verbessern, wenn sie auf einer offenen Plattform für alle zugänglich sind.

Je mehr Menschen zur Lösung eines Problems beitragen, desto besser. Doch wie Sun Microsystems Gründer Bill Joy schon feststellte: „Die meisten cleveren Menschen arbeiten nicht für Dich“. Und so stellt sich die Frage, wie man das Potential all der cleveren Menschen da draußen dennoch für die eigene Sache anzapfen kann. Zum Beispiel, indem man Innovationsprozesse für Außenstehende öffnet.

Weil sich über Internetplattformen Menschen ortsunabhängig einfach koordinieren lassen, laden immer mehr Unternehmen und Organisationen Interessierte dazu ein, an der Lösung von Problemen mitzuwirken. Der Grundmechanismus ist einfach und uralt: Man benennt das Problem, lädt eine große Menge von Menschen dazu ein, es zu lösen und bietet als Anreiz meist einen Preis für den Gewinner. So wird nicht nur die Intelligenz der „üblich Verdächtigen“ in der eigenen Organisation und von Experten genutzt, sondern auch an den „Rändern“, dem Long Tail. Beispielsweise hatte 1714 das englische Parlament 20.000 Pfund Preisgeld ausgelobt, um eine Methode zu finden, mit der die Längengrade bestimmt werden und so Schiffe besser navigieren können. Experten hatten jahrzehntelang keine Lösungen gefunden, doch der Wettbewerb erreichte auch den Uhrmacher und Dorfschreiner John Harrison, dessen neue schiffstaugliche Uhr den Längengrad sehr genau ermitteln konnte.

Damals hat die Kommunikation des Wettbewerbs noch so manches Pferd und manchen Boten zum Schwitzen gebracht. Heute läuft Crowdsourcing online ab (siehe auch unseren Trend Webbewerbe) und bringt Menschen dazu, ihr Wissen zum Beispiel für solch hilfreiche Plattformen wie Wikipedia oder Ushahidi zu teilen. Und in der Wirtschaft haben in den letzten Jahren besonders Unternehmen begonnen, offene Innovationsprozesse für die Produktneuentwicklung systematisch einzusetzen. Firmen wie Lego , Unilever, General Electric, IBM und Nokia rufen Mitarbeiter, Zulieferer und Kunden auf, ihre Ideen für neue Produkte über Online-Plattformen einzureichen. Sie vergeben oft hohe Preisgelder an die Gewinner und entwickeln die besten Ideen im eigenen Unternehmen mit Investitionen in Millionenhöhe weiter.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Online-Plattformen, auf denen Internetnutzer aus der ganzen Welt an bestimmten Aufgaben arbeiten.

- für wirtschaftliche und wissenschaftliche Herausforderungen (Innocentive oder Hypios)

- für Webdesign und Logos (Crowdspring oder Choosa)

- und für Kreativprojekte (Berliner Startup Jovoto)

Preise als Anreize, um Innovationen zu generieren, greifen besonders da, wo Marktmechanismen noch nicht funktionieren. Der spektakulärste Preis für Innovation ist wahrscheinlich der X-Prize: Der Unternehmer Peter Diamandis lobte 10 Millionen US-Dollar für jenes Projekt aus, das es schaffen würde, drei Menschen in den Weltraum zu transportieren. Er legte damit den Grundstein für die private Raumfahrt. Seitdem hat die X-Prize Stiftung über 100 Millionen US-Dollar für Innovationen verteilt, darunter auch einige zu zivilgesellschaftlichen Themen wie Gesundheit.

Ideenwettbewerbe zu sozialen, gesundheitlichen und umweltpolitischen Herausforderungen erfreuen sich in jüngster Zeit auch jenseits der 10-Millionen-Dollar-Marke großer Beliebtheit. Auftraggeber offener Innovationen im sozialen Sektor können staatliche oder internationale Organisationen ebenso wie sozial engagierte Unternehmen, Universitäten und Stiftungen sein.

Obama spornte Kommunen an, Ideenwettbewerbe zu starten.

Die Vereinten Nationen starteten die Initiative Crowd out AIDS, um mehr junge Menschen für den Kampf gegen AIDS zu mobilisieren. Über 5.000 Teilnehmer aus 79 Ländern stellten ihre Empfehlungen und Kommentare für eine effektive Bekämpfung der Krankheit auf der Plattform ein. Daraus resultierten sechs Schlüsselempfehlungen, die UNAIDS in sein aktuelles Strategiepapier aufnahm.

In den USA spornte Obamas Open Government Initiative Regierungsbehörden und Kommunen an, öffentliche Ideenwettbewerbe auszurufen, um Innovationen im trägen öffentlichen Sektor zu fördern. Auf der Plattform Challenge.gov laufen mittlerweile hunderte von aktiven Ideenwettbewerben. Sie fragen, wie Veteranen besser psychologisch betreut werden können oder wie die Polizei Fluchtautos möglichst gefahrlos stoppen kann. Der Lösungsvorschlag für letzteres Problem zeigt, dass Innovationen oft aus unerwarteten Ecken kommen: Ein peruanischer Ingenieur entwickelte ein ferngesteuertes Fahrzeug, das Luft unter das Fluchtauto pumpt, es so vom Boden abhebt und dann lenken kann.

Innovationswettbewerbe können wesentlich günstiger und schneller sein als herkömmliche Vergabeprozesse für Problemlösungen. So kostete der erste Apps for Democracy Wettbewerb die Stadt Washington DC 50.000 US-Dollar. Die innerhalb eines Monats entstandenen 47 Web-, iOS- und Facebook-Anwendungen, die das Leben in der Stadt verbessern, hätten die Stadt ansonsten geschätzte 2 Millionen US-Dollar gekostet. Auch Unilever erlebte, wie kostengünstig und effektiv Recherchen über Innovationsplattformen erfolgen können. Ein Manager von Unilever, die eine Challenge im Sanitärbereich förderten, beschrieb, dass sein dreiköpfiges Team neun Monate Best Practice Beispiele recherchiert hatten. Auf der Plattform wurde das gleiche Wissen innerhalb von zwei Wochen von Hunderten von Menschen zusammengetragen.

Über 10.000 Ideen wurden auf der großen Plattform IDEO bereits eingereicht.

In Deutschland führt Hyve Kreativ- und Ideenwettbewerbe für Kommunen und soziale Organisationen durch und hat eine eigene Innovation Community. iStart betreut vor allem Herausforderungen, die von amerikanischen Universitäten ausgerufen werden, während bei der MIT IDEAS Global Challenge Studenten, Professoren und Alumni des Massachusetts Institute of Technology mit Kommunen zusammenkommen, um Projekte zu entwickeln, die die Lebensqualität benachteiligter Bevölkerungsgruppen verbessert. Während die meisten offenen Ideenplattformen im Netz geboren wurden, gibt es auch einige wenige die ihre Ursprünge in der Offline-Welt hatten und erst später eine virtuelle Präsenz bekommen haben. The Social Lab in Dänemark beispielsweise entstand als vier Tage langer Event auf dem jährlichen Roskilde Musikfestival und versuchte dort vor Ort junge Menschen an soziale Themen heranzuführen. Vor kurzem hat das durchführende Team jedoch eine Plattform gebaut, auf der die Innovationsprozesse virtuell über die wenigen Festivaltage hinaus fortgeführt werden können.

Die größten Plattformen für offene soziale Innovationen sind OpenIDEO und Changemakers. Über Changemakers, eine mit dem Sozialunternehmernetzwerk Ashoka verbundene Organisation, wurden seit der Gründung vor 15 Jahren 10 700 Ideen in über 50 Wettbewerben eingereicht. Gemeinnützige Organisationen erhielten so bislang über 600 Millionen US-Dollar (Stand Feb. 2013) an Preisgeldern für ihre innovative Projektarbeit. Sponsoren sind zivilgesellschaftliche Organisationen (NGOs, Stiftungen) und Firmen wie Böhringer Ingelheim oder Intel. Die Plattformmacher stellen ihre Technologie auch anderen Organisationen zur Verfügung, die dann eigene Ideenwettbewerbe ausrufen. So veranstaltet die Minnesota Community Foundation auf der Plattform Minnesota Idea Open Wettbewerbe zu lokalen Themen wie Fettleibigkeit oder interkulturelle Verständigung.

Auf OpenIDEO, der gemeinnützigen Tochtergesellschaft der Designfirma IDEO, kamen innerhalb der ersten zweieinhalb Jahre mehr als 45 000 Mitglieder aus mehr als 170 Ländern zusammen, um über 3000 Konzepte für soziale Probleme zu entwickeln. Das Themenspektrum reicht dabei von der Frage wie Elektromüll umweltverträglich vermieden und entsorgt werden kann bis hin zu Jamie Olivers Herausforderung, wie wir Kindern gesundes Essen schmackhaft machen können.

"Es geht darum, Teil eines größeren Ganzen zu sein, bei dem viele kleine Handlungen zu großen Ergebnissen führen können.“

OpenIDEO ist auch die Plattform mit dem wahrscheinlich besten Prozess. Nachdem der Auftraggeber die Herausforderung formuliert hat, startet die Inspirationsphase, zu der eine möglichst große Gruppe von potentiellen Mitmachern aus unterschiedlichen Disziplinen und Sektoren eingeladen werden. Jeder kann mitmachen. Die Inspirationsphase dient dazu, den Kreativitätsprozess sehr offen zu beginnen und die Fragestellung aus verschiedenen Perspektiven zu verstehen. 100 bis 700 Beiträge kommen pro Challenge in dieser Phase zusammen. Diese verdichten sich in der darauf folgenden Konzeptphase, in der konkrete Ideen für die Lösung des Problems eingereicht werden. Dann können die Konzepte von der Gemeinschaft kommentiert und bewertet werden, bevor OpenIDEO zusammen mit den Auftraggebern eine Shortlist von ca. 20 Ideen erstellt. (Das Feedback der Gemeinschaft wird dabei berücksichtigt.)

Die ausgewählten Projekte können ihre Ideen dann verfeinern, bis schließlich die Challenge-Ausrichter die Gewinner küren. Der gesamte Prozess dauert 3 bis 4 Monate (ein Zeitraum der sich auch für andere Ideenwettbewerbe bewährt hat). Im Anschluss daran folgt eine Implementierungsphase, die oft in dem Bau eines Prototypen besteht, der mit Endnutzern getestet wird. Während in traditionellen Innovationsprozessen um die 5% der Ergebnisse umgesetzt werden, sind es bei OpenIDEOs Challenges 30%.

OpenIDEO zeichnet sich durch große Transparenz und viele Hilfestellungen entlang des Ideenfindungsprozesses aus. Alle Konzepte werden unter Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Im Gegensatz zu Changemaker-Challenges, bei denen die Teilnehmer auf Preisgelder zwischen 10 und 100 000 US-Dollar sowie Seedfunding für besonders überzeugende Konzepte spekulieren können, baut OpenIDEO auf die intrinsische Motivation der Teilnehmer. Wie ein Teilnehmer sagte: „Ich glaube nicht, dass ich alleine die Welt verändern kann, aber eine Gemeinschaft wie OpenIDEO gibt mir die Möglichkeit meinen Teil auf eine sehr befriedigende Weise beizutragen. Es geht mir nicht ums Gewinnen. Es geht darum, Teil eines größeren Ganzen zu sein, bei dem viele kleine Handlungen zu großen Ergebnissen führen können.“ (Zitat aus Masterarbeit von Anne Kjaer Richert). Auch von anderen offenen Innovationsprozessen wissen wir, dass Teilnehmer mitmachen, weil sie ihre eigenen Fähigkeiten demonstrieren und weiterentwickeln wollen. Für viele Teilnehmer bieten Ideenwettbewerbe auch die Chance, Gleichgesinnte zu treffen und von ihnen zu lernen.

Eine der großen Hürden für Ideenwettbewerbe ist die sogenannte Einprozentregel, die besagt, dass von 100 Menschen, die online mit einem Inhalt in Kontakt kommen, nur einer eigene Inhalte erstellt. Um das für einen guten kreativen Prozess notwendige Momentum zu generieren, sprechen viele Veranstalter daher gezielt jene Gruppen an, die in passenden Themengebieten arbeiten, um Partizipation zu fördern. Changemakers spricht von kollaborativen Wettbewerben: Teilnehmer, die auf den Ideen von anderen aufbauen und diese konstruktiv weiterentwickeln, werden von der Jury belohnt.

OpenIDEO hat den „Design Quotient“ entwickelt, nach dem jedes Mitglied der OpenIDEO Community für verschiedene Beiträge Punkte und Auszeichnungen bekommt. Besonders aktive Mitglieder werden darüber hinaus namentlich erwähnt und im Plattformblog portraitiert. So entsteht mit der Zeit ein Netzwerk sozialer Innovatoren, die an ähnlichen Themen arbeiten und bestenfalls sogar Partnerschaften eingehen. Erfolg bemisst sich in diesem Falle dadurch, dass möglichst viele Teilnehmer gemeinsam Innovationen schaffen.

Fazit

Innovationen lassen sich schwer planen; sie entstehen meist dann, wenn viele Ideen aus unterschiedlichen Perspektiven generiert und vermischt werden. Online-Ideenplattformen zeichnen sich dadurch aus, dass Wissen zu einem Thema von diversen Akteuren aus verschiedenen Orten an einer Stelle zusammengetragen wird. Das gibt Menschen und Organisationen die Möglichkeit, sich kennenzulernen, Best-Practice-Beispiele untereinander auszutauschen und eigene Innovationen zu skalieren. Dabei ist unerheblich, ob die Teilnehmer ausgewiesene Experten in ihren Themenfeldern sind oder als Außenseiter kreative Ideen einbringen.

Die erfolgreichen offenen Innovationsplattformen zeichnen sich durch transparente Prozesse und klare Regeln aus. Sie nehmen die Teilnehmer an die Hand und haben Engagementleiter, d. h. die Teilnehmer wissen in jeder Phase was von ihnen verlangt wird. Alle Ideen können transparent diskutiert werden und die beste Idee gewinnt.