Bildung für alle

Online-Lernangebote mischen den Bildungssektor auf – und bringen enormes soziales Potential mit sich.

Was hinter Quantenmechanik oder dem kleinen Einmaleins steckt, lernt man im digitalen Zeitalter nicht mehr nur in der Schule. Mehr und mehr Plattformen bieten im Internet meist kostenlose Kurse, Tutorials und Übungen an. Und die UN fordert in ihren Millenniumszielen: Grundbildung für alle! Befinden wir uns also inmitten einer Bildungsrevolution? Ist das Internet der Schlüssel zu einer gerechteren Welt, die Bildung für alle bietet und so für globale soziale Gerechtigkeit sorgt.

Online-Bildungsangebote überwinden entlang der Internetleitungen jede Distanz und erreichen auch arme Menschen in entlegenen Gebieten. So bieten kostenlose Bildungsportale und Online-Kurse die Chance, Bildung als Allgemeingut der ganzen Weltbevölkerung zur Verfügung zu stellen. Projekte wie „One Laptop per Child“ investieren bereits seit 2005 in die Verbreitung von Laptops und Lernsoftware – überwiegend in Entwicklungs- und Schwellenländern. Auf diese Weise soll zukünftig allen Kindern der Welt mit spezieller Hard- und Software eine Grundschulausbildung gewährleistet werden. Gleichzeitig lernen die Schüler den Umgang mit Technologien. Das ruft auch Microsoft auf den Plan. Im Dezember 2012 hat der Konzern angekündigt, 75 Millionen US-Dollar zu investieren, um Menschen in Afrika einen digitalen Zugang zu Bildungsmaterialien zu ermöglichen. Zum Beispiel gelangen via „Skype in the classroom“ Gastsprecher oder Lehrer aus der ganzen Welt ins Klassenzimmer.

Mit MOOCs, MOODLEs und OERs in Harvard lernen

Statt Vorlesungen vor einer exklusiven Hörerschaft von Studenten zu halten, erreichen Professoren mit Massive Open Online Courses (MOOCs) – organisierte, offene Kurse im Internet – viel mehr Zuhörer. Als Auslöser der MOOCs-Welle wird oft der ehemalige Finanzanalyst Salman Khan genannt. Was 2006 als eher private Nachhilfestunde begann, hat sich zu einer der größten Lernplattformen entwickelt: Die Khan Academy umfasst mittlerweile rund 4.000 Videos und sechs Millionen Nutzer.

Während MOOCs zeitlich unbefristet sind, stellen Moodles (Modular Object-Oriented Dynamic Learning Environment) die Vorlesungsvideos und Dokumente nur für begrenzte Zeit zur Verfügung. Bei beiden E-Learning-Programmen lernen die Teilnehmer anhand von Videos und Tests und helfen sich gegenseitig in Foren und Blogs.

Ein weiteres Element der offenen Online-Bildung sind Open Education Ressources (OER) – lizenzfreie Lehr- und Lernunterlagen. Denn diese können vor allem in den USA oft noch mehr kosten, als die Studiengebühren selbst. Eine Vielzahl von Stiftungen, Initiativen und die Regierung treiben die OER-Bewegung in den USA voran. Die Hewlett Foundation finanziert seit 2001 das Open Courseware Programm des MIT mit seinen über 2.000 Kursen unter freien Creative-Commons-Lizenzen. Auch die Gates Foundation investiert in den digitalen Bildungssektor.

Abschluss oder Abbruch

Parallel zu den Unikursen können die Online-Lerner die Vorlesungen und Seminare in Echtzeit über das Internet verfolgen und zur selben Zeit wie die Studentinnen ihre Prüfung absolvieren. Das Angebot, ein kostenloses Zertifikat von einer der besten Unis mit renommierten Profs zu bekommen, lockt viele an ihre Rechner. Die Abbruchraten sind aber ernüchternd: nur vier Prozent der Online-Studenten schließen den Kurs mit Zertifikat ab.

Demokratisierung der Bildung

Eines der ersten erfolgreichen MOOCs ist das zu künstlicher Intelligenz von Sebastian Thrun, Professor der Stanford-Universität. Im Auditorium erreichte er mit der Vorlesung rund 200 Studenten – übers Internet hörten 160.000 Menschen aus 200 Ländern zu! In diesem Kurs haben immerhin 14 Prozent der Teilnehmer den Kurs auch beendet. Bemerkenswert dabei ist, dass unter den Top 400 Absolventen des Thrun-Kurses kein einziger Stanford Studenten war, sondern eine breite Mischung aus sehr begabten Studenten weltweit. Intelligenz ist eben weltweit verstreut und nur wenige Menschen können sich die 250.000 US-Dollar für ein Studium in Stanford leisten. Bestärkt durch diesen Erfolg gründete Thrun die Plattform Udacity.

Auch auf der Bildungsplattform Coursera ist nur ein Drittel der Teilnehmer aus den USA, obwohl dort die US-amerikanischen Partnerunis in großer Mehrheit vertreten sind. Über die Teilnehmer aus aller Welt und die geringen Kosten tragen MOOCs auch zur Demokratisierung der Bildung bei.

Damit nicht nur englischsprachige Teilnehmer in den Genuss der Online-Bildung kommen, werden mehr und mehr Plattformen dank freiwilliger Helfer in verschiedene Sprachen übersetzt. Die Übersetzungen von Khan Academy und TED laufen zum Beispiel über Crowdsourcing. So bietet die Khan Acadamy mittlerweile Videos in über 16 verschiedenen Sprachen an.

Online Lernen in Deutschland steht noch am Anfang

Der Erfolg der Mooc-Bewegung übt auch Druck auf Unis in Deutschland aus: Hochschulen erklären sich immer öfter bereit Schnupperkurse online zu stellen – als eine Art Marketing-Element. Wer so ein Angebot nicht vorweisen oder damit nicht überzeugen kann, fällt bei engagierten Studenten durch.

Bisland sind in Deutschland nur wenige Unis, etwa die Ludwig Maximilian Universität München (LMU), mit ihren Kursinhalten im Internet vertreten. Die LMU bietet Videos, Podcasts und Textdateien über die (teilweise kostenlose) Bildungsplattformen iTunes U und Coursera an. Auch die Uni Bremen verzeichnet hohe Zugriffszahlen auf ihr E-Learning Angebot. Dieser Bereich ist jedoch nur für Uni-Zugehörige verfügbar.

Auch das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam hat bereits eine Plattform mit MOOCs. Insgesamt ist Deutschland bei der Entwicklung und Bereitstellung von offenen Lernmaterialien (OER – Open Educational Resources) neben den sehr aktiven Ländern Großbritannien, Niederlande, Polen, Spanien und den USA allerdings Schlusslicht (hier ein Vergleich auf Slideshare).

Auch zwischen den Unis steigt der Wettbewerb. Denn mit der Reichweite von Online-Learning rückt die Lehre ins Zentrum. Bislang punktete man als Professor vor allem durch Forschung und Zahl der Veröffentlichungen. Doch wer in seinen MOOCs viele Teilnehmer erreicht, hat ein Distinktions- und Karrieremerkmal hinzugewonnen.

 

Individualisierbarkeit des Lernens

 Durch das permanente Feedback, das über die Lernplattformen gesammelt wird, kann der Inhalt an das individuelle Niveau eines jeden Studenten und den entsprechenden Lerntyp angepasst werden. Das Lernangebot wird so individualisierbar. Schon jetzt gibt es Anbieter, die jede Nacht die Kurse aufgrund der vorherigen Lernkurve einzelner Studenten neu berechnen, so dass sie für einzelne Studenten am Ende optimal zugeschnitten sind.

Revolution im verstaubten Klassenzimmer

In „Flipped classes“ sehen Schüler und Studenten Grundwissen und Fakten schon vorab per Video und können dann die wertvolle Zeit mit ihren Lehrern besser nutzen, etwa für einen fruchtbaren Austausch zwischen Experten und Schülern und die Anwendung und Vertiefung des Wissens. Stanford hat diese Modell in einem Biochemie-Kurs pilotiert. Mit dem Erfolg, dass von den eingetragenen Kursteilnehmern statt der üblichen 30 Prozent fortan 80 Prozent anwesend waren.

Der größte Unterschied zwischen den Online-Bildungsplattformen und dem klassischen Lehrbetrieb sind die verschiedenen Lerntheorien dahinter. MOOCs und andere E-Learning-Angebote bauen auf Lernautonomie, Austausch, kontrolliertes Chaos und Produktion statt Rezeption. Hier steht eine neue Lerntheorie im Zentrum: Der Konnektivismus – man lernt nicht mehr für sich allein sondern kann sich mit anderen Lernenden oder auch klassischen Wissensquellen wie Büchern weltweit vernetzen. „Wissen wie“ und „wissen was“ wird durch „wissen wo“, also das nötige Wissen, Wissen zu finden, ergänzt. Das wirkt sich positiv aus: Eine Studie der Uni Mainz zeigt, dass 25 Prozent bessere Lernerfolge in MOOCs erzielt wurden. Die Studenten verbrachten online dreimal mehr Zeit bei der Vermittlung der Lehrinhalte, benötigten dafür aber weniger Zeit für die Prüfungsvorbereitung.

Fazit

Der Zugang zu Bildungsangeboten für alle Internetnutzer ist ein unvermeidlicher Schritt. So könnten aus Unis öffentlich zugängliche Bildungsstätten für Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichem Wissensstand werden. Umso wichtiger, dass nicht nur die digitale Kluft geschlossen wird, sondern auch neue Lehrmethoden gefunden werden. Bislang sind wirklich innovative Bildungsplattformen noch rar. Eine Vorlesung bleibt eine Vorlesung – auch wenn der Frontalunterricht über ein Video läuft.

Voraussetzung für die erfolgreiche Nutzung von Online-Bildungsangeboten ist eine solide Grundbildung. Ob jedoch eine Grundschulbildung einzig über Bildungs-Plattformen vermittelt werden kann, ist fraglich. Denn gerade zu Beginn der schulischen Laufbahn werden – über Schreiben, Rechnen und Lesen hinaus – grundlegende Kompetenzen vermittelt. Lernen ist ein sozialer Prozess und persönlicher Kontakt ist wichtig, um Selbstorganisation, Lernstrategien und Eigenmotivation zu fördern.

Bislang ist Deutschland noch nicht besonders weit im Online-Bildungs-Bereich. Stiftungen und NGOs sollten das Ruder in die Hand nehmen und in Kooperation mit Regierung, dem Privatsektor sowie Pionieren aus der ganzen Welt die digitale Bildungszukunft mitgestalten. (Nationale) Vielfalt und Multiperspektivität sind für Bildungsthemen einer globalen Welt enorm wichtig.