Echtzeit

Das Leben ist live und wird fast ebenso schnell kommuniziert. Auch NGOs müssen in Echtzeit berichten und schneller auf Anfragen reagieren.

Schnelle Informationen bedeuten ein schnelles Leben. Wer morgens die Papierzeitung aufschlägt, kennt die Schlagzeilen schon seit gestern aus dem Internet. Die Demonstrationen in Tunesien und Ägypten liefen in Echtzeit auf unseren Geräten ab, die Kunde von der Amtsniederlegung des Papstes verbreitete sich binnen Minuten in der ganzen Welt. Über Statusmitteilungen in sozialen Netzwerken nehmen Freunde live Anteil an unserem Leben. Mit Apps wie Transfire können wir Sprachen simultan übersetzen und Dank Lokalisierungsdiensten wie Foursquare wissen wir, welche unserer Freunde gerade am Mailänder Flughafen oder um die Ecke sind. Selbst die Bahn schickt uns Verspätungsmeldungen aufs Handy, das Ferienwetter entnehmen wir der Webcam und der aktuelle häusliche Energieverbrauch kann dank Smartmeter live abgelesen werden. Im sozialen Sektor ist Echtzeit ein wichtiger, aber auch ambivalenter Trend: Auf der einen Seite bieten schnelle Informationsflüsse und direkte Kommunikationsmöglichkeiten enorme Chancen, bessere Arbeit zu leisten und Unterstützer effektiver einzubeziehen. Doch Organisationen stehen auch vor der Herausforderung, ungewohnt schnell und spontan reagieren zu müssen.

Zunächst zur besseren Arbeit: Kommunikationsdienste wie Twitter sind ein gutes Frühwarnsystem für Krisen, weil eine neue situative Aufmerksamkeit in Echtzeit entsteht. Dank twitter-Meldungen kann die US Katastrophenbehörde FEMA zwölf bis 24 Stunden schneller als zuvor auf Wirbelstürme reagieren. Das Live-Mapping der Open Source Software Ushahidi (unser Insight dazu) hat sich im Katastrophenfall bereits hundertfach bewährt. Hilfsorganisationen und Bürger vor Ort senden ortspezifische Informationen, die auch für eine Gesamtschau der Situation wichtig sind. Und nach Hurricane Sandy entwickelte das America Red Cross eine App, über die Betroffene aktuelle Meldungen und Hilfsangebote beziehen konnten. Die FEMA stellte ihre Satellitenbilder ins Netz, und Hunderte ehrenamtliche Internetnutzer halfen dabei, die größten Verwüstungen zu lokalisieren.

Aber auch schleichende Krisen wie zunehmende Arbeitslosigkeit oder steigende Preise für Grundnahrungsmittel werden mittels Big Data Analysen von der UN Agentur Global Pulse schneller wahrgenommen. So können Warnungen in Echtzeit an gefährdete Bevölkerungsgruppen versendet werden: Im bislang größten Big Data Projekt im Gesundheitsbereich wurden die anonymisierten Bewegungsmuster von 15 Millionen Kenianern analysiert und mit Malaria-Meldungen korreliert. Dadurch konnte die Ausbreitung von Malaria punktgenau bestimmt werden. In Zukunft könnten Menschen per SMS gewarnt werden, sobald sie in akut malariaverseuchte Regionen einreisen.

Über die Website healthmap.org oder die App Outbreaks near me kann jeder Internet- oder Smartphone-Nutzer schon jetzt sehen, welche Krankheiten gerade wo kursieren. Die in diese Anwendungen einfließenden Informationen stammen dabei aus verschiedenen Quellen – von Nachrichtenagenturen über offizielle Gesundheitsstatistiken bis hin zu Beiträgen in sozialen Medien – und werden kontinuierlich in einem automatisierten Prozess zusammengeführt.

Plattformen wie Aid Data oder Washfunders, die aktuelle Informationen zur stark fragmentierten Hilfsindustrie bereitstellen (wer macht was wo?), sorgen für eine bessere Orientierung und Koordination von Hilfsprojekten. Ebenso können Politiker, Wissenschaftler und Aktivisten entstehende Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent mithilfe von Informationen, die auf dem CCAPS Conflict Dashboard einfließen, verfolgen. Das Satelite Sentinel Projekt wiederum beobachtet Menschenrechtsvergehen in Darfur in Echtzeit. Echtzeit bedeutet dabei nicht unbedingt „im selben Augenblick“. Echtzeit bezieht sich vielmehr darauf, dass Informationen innerhalb eines Zeitraums generiert und verbreitet werden, der kurz genug ist, um eine adäquate Reaktion, bzw. Feedbackschlaufe zu ermöglichen.

Echtzeit-Informationen bieten auch für Menschen, die der soziale Sektor bislang als Begünstigte betrachtet, Chancen für einen verbesserten Lebensstandard jenseits der Hilfsindustrie. Aktuelle Wettervorhersagen gibt's in Indien oder Afrika per SMS von Kilimo Salama, so dass Bauern bessere Ernten einfahren. Aktuelle Marktpreise vermittelt Reuters Market Light und bricht damit das Informationsmonopol von Zwischenhändler, die früher hohe Margen kassierten.

In weniger lebensbedrohlichen Situationen erleichtern Meldungen in Echtzeit die Arbeit von Hilfsorganisationen, weil sie die Erfolge oder Misserfolge von Hilfsprogrammen schneller messen können als zuvor. Dieses Direkt Feedback (Trend) ermöglicht es, Hilfsprojekte kurzfristig und während ihrer Laufzeit zu optimieren (was bislang aber noch kaum umgesetzt wird).

Für die Kommunikation mit Geldgebern und Unterstützern wird ebenfalls eine höhere Reaktionsgeschwindigkeit erwartet. Menschen haben sich im Zuge der Digitalisierung des Alltags, daran gewöhnt, dass sich Informationen fast so schnell verbreiten, wie es das Netz hergibt. Während sich frühere Spendergenerationen mit dem Jahresbericht einer Organisation zufrieden gaben und nur selten zum Briefpapier oder Telefonhörer griffen, ist der Kontakt heute mit einem Klick hergestellt – Unterstützer erwarten eine Antwort innerhalb weniger Stunden. Institutionen, die schnell auf Anfragen reagieren, können sich dadurch einen Sympathiebonus holen. Manchen gelingt es sogar, ihre Unterstützern mitwirken zu lassen. Denn Kommunikation in Echtzeit ermöglicht es, Geschichten partizipativ zu erzählen (unser Trend dazu: Digital Storytelling). Wenn ich für eine Schule in Sierra Leone spende, kann ich innerhalb von Stunden über den Projektfortschritt zeitnah in Wort und Bild über soziale Netzwerke, die Webseite der Organisation oder auf der Spendenplattform informiert werden.

Bei charity:water kann man sogar live dabei sein: Brunnnenbohrungen werden per Video-Stream übertragen und man erlebt quasi hautnah, wenn in der Demokratischen Republik Kongo mit schwerem Gerät nach Wasser gesucht wird. (Auch Misserfolge werden so transparent gemacht, s. Produktiv Scheitern.) Und bei einer indonesischen Hilfsorganisation kann der Spender, der bedürftigen Familien eine Ziege geschenkt hat, bei der Schlachtung via Live-Stream dabei sein. Doch geht es bei diesen Live-Eindrücken weniger um technisch perfekte Aufnahmen, sondern um das Gefühl, unmittelbar an einem Ereignis am anderen Ende der Welt teilzunehmen. Echtzeit vermittelt Authentizität, Spontanität und Empathie.

Auch für die Vermittlung von Wissen setzen sich Livestreams immer mehr durch. Viele große Konferenzen im sozialen Sektor, von der NTEN Fundraising Konferenz bis zur SOCAP, können heute von Zuschauern weltweit am heimischen Bildschirm „besucht“ werden. Das gleiche gilt für Webinars im sozialen Sektor, beispielsweise vom Standford Social Innovation Review, über die mehr Teilnehmer einbezogen werden können als bei einer herkömmlichen Präsenzveranstaltung.

Organisations that communicate quickly keep supporters loyal

Real time information also offers people previously considered by the social sector to be aid recipients a chance to achieve a better standard of living, separate from the aid industry. In Kenya, Kilimo Salama sends out current weather forecasts by SMS, meaning better prepared farmers and bigger harvests. Reuters Market Light now publishes current market prices in India, destroying the monopoly on information held by brokers, who before used to cash in on high margins. Real time reports also make the work of aid organisations easier in less life-threatening situations, since they are able to measure the successes or failures of their aid programmes much quicker than before. This direct feedback (see trend Direct Feedback) means that aid projects can be optimised at short notice, even whilst a project is still running (although as yet this has rarely been done). Similarly, quicker reaction is now expected in communication with donors and supporters. In the course of the digitalisation of everyday life, people have become accustomed to information being spread as quickly as the internet permits. Whereas previous generations of donors were content with an organisation’s annual report and rarely put pen to paper or picked up the phone to find out more, contact nowadays is just a click away – and supporters expect answers within a few hours. Institutions can certainly earn some brownie points by reacting quickly to questions. Some even manage to actively involve their supporters, since real time communication means that stories can be told in a participatory way (see  trend Digital Anecdotes). If we donate money to a school in Sierra Leone for example, we can then follow the project’s progress in real time through the updates and pictures posted on social networking sites, the organisation’s website or on the donor platform. In the case of charity:water, you can even watch wells being drilled via live video feed, allowing viewers to be in the thick of the action whilst heavy machinery searches for water in the Democratic Republic of Congo (such methods also help to highlight failures, see trend Productive Failure). These live impressions less about viewing technically perfect recordings than experiencing what it’s like to be part of an event that’s taking place on the other side of the world. Real time transmits the authenticity, spontaneity and empathy of a situation. Live streams are also catching on when it comes to raising awareness. Today, viewers all over the world can “attend” large social sector conferences on their screens – from the NTEN Fundraising Conference to the SOCAP. The same applies to webinars, such as those offered by the Standford Social Innovation Review, which allow far more participants to get involved than standard, private conferences.

Fast catastrophe reports require fast ways to donate

Speed also plays an important role in online fundraising (see trend Online Fundraising). Especially when a catastrophe happens, it’s important that donors are able to act on their impulses to give by supporting an aid organisation either by SMS or via online portals. After the earthquakes in Haiti, nine percent of the US American population donated via SMS, and online donations are gaining in popularity in many countries. The directness of real time communication could also create competition for NGOs: why should a donor not be able to communicate directly with the people they wish to help? Why not offer help to these people directly, rather than going through an NGO? The organisation Give Directly has created a system for precisely this purpose, allowing donors to donate directly into an M-Pesa account of an aid recipient in Kenya.

Faster rates of communication also require a thick skin

Alongside the various positive aspects, real time also presents certain challenges to social organisations. As well as enjoying runaway successes, civil society organisations (CSOs) can also be confronted with floods of criticism, since it has never been easier to spread facts, opinions and rumours. Whereas aid organisations used to be able to more or less protect their image through their annual reports, circular letters and prominent spokespersons, nowadays every internet user is a potential critic. For example, in early 2012, the Komen Foundation was forced to revise its policy following a stream of protest on blogs, Twitter and Facebook. The Knight Foundation also faced its first social media scandal when it was discovered that it had paid a hefty guest speaker’s fee to a controversial journalist. In Germany, the WWF also had to stand its ground in the face of a swarm of online critics, who also attracted the attention of the mass media. It’s therefore essential that social organisations continually monitor online opinion and respond quickly and appropriately in serious cases. Real time therefore means that comments and responses can’t be approved during a slow top-down process, rather they must be handled by many employees at the same time.

Sofortspenden

Schnelligkeit spielt auch im Online Fundraising eine wichtige Rolle. Gerade im Katastrophenfall ist es Spendern wichtig, ihrem Geberimpuls unmittelbar folgen zu können, etwa indem sie Hilfsorganisationen per SMS oder über Online-Portale unterstützen. So spendeten neun Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung nach dem Erdbeben in Haiti via SMS (Text for Haiti), und auch in Deutschland nehmen Onlinespenden zu. (Leider hat das schnelle digitale Spenden im Nothilfefall kaum Einfluss auf die Geschwindigkeit, mit der Hilfe vor Ort geleistet wird. So war nach dem Erdbeben in Haiti nach neun Monaten immer noch kein Cent der versprochenen Millionengelder ausgezahlt.)

Die Direktheit von Echtzeitkommunikation könnte NGOs auch Konkurrenz machen: Warum sollte eine Spenderin nicht mit der Person, die sie unterstützen möchte, direkt kommunizieren? Ihr direkt Hilfe zukommen lassen, ohne den Umweg über die NGO? In diese Richtung weist Give Directly, eine Organisation, die direkte Spenden vom Desktop oder Mobiltelefon auf das mPesa-Konto einer Begünstigten in Kenia ermöglicht.

Markenöffnung: digitale Schimpftiraden
Neben diesen positiven Aspekten stellt Echtzeit soziale Organisationen aber auch vor einige Herausforderungen. Neben viralen Überraschungserfolgen (zum Beispiel Kony2012), können zivilgesellschaftliche Organisationen (ZGO) auch von lawinenartiger Kritik getroffen werden (Shitstroms). Denn noch nie war es so einfach Fakten, Meinungen und Gerüchte zu verbreiten. Konnten Hilfsorganisationen früher ihr Image über Jahresberichte, Briefwurfsendungen, Veranstaltungen und prominente Fürsprecher mehr oder weniger kontrollieren, so ist heute jeder Internetnutzer ein potentieller Kritiker. So wurde die Komen Stiftung Anfang 2012 nach einer Protestlawine auf einzelnen Blogs, twitter und Facebook gezwungen, ihre Förderpolitik zu revidieren. Auch die Knight Stiftung erlebte jüngst ihren ersten Social-Media-Eklat, als bekannt wurde, dass sie einem umstrittenen Journalisten ein hohes Rednerhonorar gezahlt hatte. In Deutschland musste sich der WWF gegen eine digitale Kritikerschar behaupten, die auch die Massenmedien auf den Plan rief (Artikel dazu). Für soziale Organisationen ist es also wichtig, die Meinungen im Netz kontinuierlich zu beobachten und im Ernstfall schnell und adäquat zu reagieren. Echtzeit bringt es daher mit sich, dass Kommentare und Reaktionen nicht in einen langsamen top-down Prozess genehmigt werden können, sondern von vielen Mitarbeitern verantwortet werden.

Fazit

Digitale Kommunikation ist schnelle Kommunikation. Menschen bekommen heute über ihr Handy nicht nur Echtzeitinformationen zur Pünktlichkeit ihrer Zugverbindung. Deshalb gilt: Wer seine Spender warten lässt, verliert sie auch. Feedback und Antworten auf Fragen müssen heute innerhalb von Stunden gegeben werden, Berichte über Ereignisse und Neuigkeiten wenn nicht live gestreamt, dann doch zeitnah gebloggt werden. Zeitlich nah dran, bedeutet auch emotional nah dran: Über Echtzeitkommunikation können Unterstützer (ein)gebunden werden. Und nach Katastrophen lassen sich die abertausenden Stimmen in sozialen Netzwerken nutzen, um schnell lebenswichtige Informationen zu erhalten. Diese direkte Art der Kommunikation kostet zwar Ressourcen. Doch für einen beweglicheren sozialen Sektor, der besser auf tatsächliche Begebenheiten reagieren kann, lohnt es sich, die Brieftaube durch ein Handy zu ersetzen.