Gute Daten mit bösen Nebenwirkungen

Data for Development – die Sammlung, Bereitstellung und Nutzung von Daten in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) – ist in den letzen Jahren immer wichtiger geworden.

Data for Development – die Sammlung, Bereitstellung und Nutzung von Daten in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) – ist in den letzen Jahren immer wichtiger geworden. Egal ob statisch oder dynamisch, ob von öffentlicher Hand oder von privaten Unternehmen generiert: Daten werden zunehmend als zentraler Erfolgsfaktor im Kampf gegen die Übel der Welt gesehen. Doch die Daten selbst bringen auch ein Übel mit sich: Die meisten Menschen können sie nicht nutzen, die Deutungshoheit liegt in den Händen weniger großer Akteure. Ob sich das bis 2030 ändern wird und was wir bis dahin tun müssen.


- Autor: Andreas Pawelke

Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download).

Sind Daten die neuen Heilsbringer? Klar ist: Der blinde Glaube an Daten zur Entwicklung, Steuerung und Evaluierung von Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit bringt wenig. So sind beispielsweise viele Datensätze, die in der EZ herangezogen werden, von mangelhafter Qualität oder bilden die Realität nicht ausreichend ab. Trotzdem wäre es vermessen, die zunehmende Relevanz der täglich wachsenden digitalen Datenmassen für die Entwicklungshilfe zu unterschätzen. Denn im Zuge der Digitalisierung kam es zu einer regelrechten Explosion digitaler Daten, die nun in einer Menge, Geschwindigkeit und Durchsuchbarkeit verfügbar sind, wie es sie so noch nicht gab. Ob in der Katastrophenvorsorge, dem Klimaschutz oder beim Kampf gegen Epidemien: Es gibt kaum einen Bereich in der EZ, der nicht von Buzzwords wie Big Data, Open Data oder Thick Data durchdrungen ist.

Hinter dem Hype treiben indes zahlreiche globale Initiativen diverse Ansätze zur effektiven und nachhaltigen Nutzung der Datenschätze voran und versuchen im Meer der Akteure zu koordinieren. Die Global Partnership for Sustainable Development Data (GPSDD) entwickelt etwa gemeinsame Strategien zur Datennutzung, die International Open Data Charter (IODCh) setzt sich dafür ein, möglichst viele nicht-personenbezogene Daten jedermann zugänglich zu machen und der Open Data Barometer (ODB) misst die Fortschritte bei der Öffnung von Daten durch Regierungen weltweit. Auf Konferenzen debattieren und verabschieden Vertreter von Regierungen und Entwicklungsbanken Beschlüsse, Capacity Building Programme für Statistikbehörden in Entwicklungsländern werden gestartet, und Weltbank und Co stellen junge, gut ausgebildete Informatiker ein, die neue Erkenntnisse aus großen Datenbanken herausholen sollen.

Der bloße Zugang zu Daten führt nicht zur besseren Welt
Doch kommt die neue Ressource der digitalen Daten auch der eigentlichen Zielgruppe der internationalen EZ zugute? Wie profitieren die Armen dieser Welt in den sogenannten Entwicklungsländern davon? Denn nur mit entsprechender Expertise, Ressourcen und natürlich dem Zugang zu den Technologien lassen sich Daten sinnvoll nutzen. Und so bauen multinationale Unternehmen, große internationale Nichtregierungsorganisationen und Entwicklungsbanken Anwendungen, blinkende Dashboards und ausgeklügelte Analysen. Doch die basieren oft auf Daten, die nur bestimmten Nutzern oder nur gegen Gebühren zugänglich sind.

Zwar gibt es seit einigen Jahren eine wachsende Open Data Bewegung, die sich für die Öffnung nicht personalisierter Datensätze einsetzt und die sogar Schwergewichte wie die Weltbank dazu gebracht hat, ihren internen Datenschatz zu öffnen. Doch zeigt sich, dass der bloße Zugang zu Daten nicht zu einer gerechteren, demokratischeren und besseren Welt führt. Mangelnde Expertise, fehlende finanzielle Ressourcen und beschränkte Kapazitäten sind für die meisten Akteure, die den Schwachen im Konzert der Großen eine Stimme geben könnten, oft unüberwindbare Hürden, um die neuen Daten nutzen zu können.
Wenn die Weltgemeinschaft im Jahr 2030 zusammenkommt
Und so bewegt sich die schöne neue Welt der digitalen Daten in der EZ immer mehr in eine Richtung, in der die Daten zwar von Vielen generiert, aber nur von Wenigen genutzt werden. Auch wenn die Wenigen es meist gut meinen, stellt sich die wichtige Frage, wie sichergestellt werden kann, dass bestehende Machtstrukturen in der EZ und in den Entwicklungsländern und damit verbundene Ungerechtigkeiten dabei nicht gefestigt oder vertieft werden.

Dem Internet wurde vor 20 Jahren ähnlich positives Potential beigemessen wie der Datenrevolution heute. Der Zugang zum Internet galt als Schlüssel, der die demokratisierenden Kräfte entfesseln wird, die dem Netz wegen seines riesigen Informationsangebots und den neuen Möglichkeiten der Vernetzung über Grenzen hinweg attestiert wurden. Das Web hat neben allem Positiven jedoch auch neue Formen von Privilegien und Diskriminierung geschaffen oder sogar verschärft. Arbeitsplätze gehen durch Automatisierung verloren, die Privatsphäre der Nutzer ist bedroht und Hass und Hetze sind im Internet kaum zu bändigen.

Wenn nun im Jahr 2030 die Weltgemeinschaft zusammenkommt, um zu diskutieren ob und wie sie die 2015 beschlossenen 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung erreicht hat, wird sich zeigen, welchen Einfluss die Datenrevolution auf die Entwicklungsländer gehabt hat. Wie wurden dann Daten produziert, genutzt und verbreitet? Von wem und für welche Zwecke?
Algorithmen verteilen Entwicklungshilfegelder
Nehmen wir an, die derzeitigen Trends setzen sich fort. Dann zeigt der Blick in eine entsprechende fiktive Zukunft, was uns erwartet: 2030 hätte die von einigen als demokratisierende Kraft gepriesene Datenrevolution dann zu einer noch ungerechteren Verteilung von Ressourcen und Macht geführt. Mit Hilfe der Datengiganten des Privatsektors, die etwa das Konsumverhalten ganzer Bevölkerungen beschreiben können, könnten EZ-Organisationen Systeme gebaut haben, die ihre Projekte und Programme modellieren, bis ins Detail planen, die Umsetzung steuern und die Wirksamkeit in Echtzeit messen. Wahrscheinlichkeitsrechner könnten vor bewaffneten Konflikten und Naturkatastrophen warnen, bevor der Mensch sie erahnen kann. Speziell entwickelte Algorithmen könnten in Echtzeit die Verteilung von Entwicklungshilfegeldern und -gütern verbessern, indem sie auf eine Vielzahl von Indikatoren zurückgreifen, die die wirtschaftliche Entwicklung bis auf die Ebene einzelner Haushalte misst.

Ein Teil dieser Daten würde wohl dank der Open Data Bewegung offen zugänglich sein. Doch die nötige Infrastruktur und Expertise zur Nutzung der Daten, wird immer noch außer Reichweite der meisten Menschen bleiben. Und auch 2030 bedarf es noch eines politischen Willens und ökonomischer Stärke, die Erkenntnisse der Datenanalysen in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Daten allein ändern nichts. 

Mehr Daten, auch wenn sie offen sind, werden nicht von sich aus zu mehr Gerechtigkeit, Mitsprache und Teilhabe führen. Derzeit sieht es eher aus, als ob das Gegenteil der Fall sein wird. Was lässt sich dagegen tun?

Fazit

Entwicklungshilfegelder müssen vermehrt zur Stärkung der Kapazitäten von lokalen Organisationen in Zivilgesellschaft und Medien ausgegeben werden. Diese Organisationen müssen befähigt werden, sich mit der wachsenden Menge an Daten auseinanderzusetzen – auch, damit sie als kritischer Mittler den Bürgern aus den Daten verständliche, kontextspezifische Informationen und Erkenntnisse ableiten können.

Außerdem muss ein rechtlicher Rahmen der Sammlung, Nutzung und Verbreitung von Daten Grenzen setzen. Besonders wenn es um persönliche und personenbezogene Daten geht, muss – unter Berücksichtigung nationaler Besonderheiten – grenzübergreifend geregelt werden, was erlaubt ist. Telefonverbindungsdaten oder Internetnutzungsdaten könnten beispielsweise zu individuellem Eigentum erklärt werden. Und dem digitalen Zeitalter angepasste Vorschriften könnten Behörden helfen, Zensusdaten effizienter zu erheben.

Daten wie Verkehrs- oder Gesundheitsdaten, die dem Allgemeinwohl dienen, könnten zum Gemeingut erklärt werden und müssten dann von den Akteuren, die diese Daten sammeln, nach Aggregierung und Anonymisierung veröffentlicht werden – auch wenn der ökonomische Nutzen der Daten dann nicht mehr nur den entsprechenden datensammelnden Unternehmen zugute kommen würde.

Es zeigt sich also insgesamt, dass eine Umverteilung, eine gerechtere Verteilung der Macht über Zugang und Nutzung der Daten dringend nötig ist. Nur dann können die Daten für gerechte Teilhabe genutzt werden und auch ihre demokratisierende Wirkung entfalten – gerade auch in der EZ.