Die Vermessung der Wahrheit

Können Daten uns die Welt erklären?

Wir berechnen unser Verhalten, unsere Bedürfnisse, unsere Interaktionen. Gibt es überhaupt noch etwas, das nicht berechenbar ist? Im Zuge der wachsenden Datenmengen könnte man fast meinen, dass wir immer mehr über uns und unsere Welt wissen. Doch de facto gibt es sehr viele schwarze Flecken auf der Landkarte unserer gesellschaftlichen Beschaffenheit. In manchen Ländern der Welt ist immer noch unklar, wie viele Kinder jährlich geboren werden. Die neuen Daten könnten solche Lücken füllen. Doch der Zugang zu diesen Wissensschätzen bleibt einigen wenigen vergönnt, und die haben nur begrenzte Anreize, ihr Wissen zu teilen.

- Autor: Julia Manske

Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download). 

Spätestens seit der Aufklärung gilt es als eines der höchsten Güter, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen. Oder galt? Denn heute, im Jahr 2017, dominieren Fake News und das Postfaktische die öffentliche Debatte. Doch während die Wahrheit in Politik und Social Media ins Fiktionale abdriftet, preisen auf der Seite der Wirtschaft IT-Unternehmen, Berater und Informatiker eine neue Datenwahrheit an wie Sauerbier. Sie wollen der Wahrheit immer näher kommen, indem sie alles messen, evaluieren, berechnen und quantifizieren. Dafür liefern die Experten passende Software und Dienstleistungen. Evidenzbasierte Entscheidungen, die Optimierung von Prozessen oder gar ein Blick in die Zukunft – all dies sei möglich, dank der Unmengen an digitalen Daten über unser Verhalten, unsere Bewegungen, unsere Vorlieben und Wünsche. Die Wahrheit wird uns auf einem silbernen Tablett aus Bits und Bytes serviert. Und weil die Welt zunehmend durch Algorithmen gedeutet wird, spricht der Philosoph Hans Ulrich Gumbrecht von einer „Schwade von Mathematik, die mittlerweile so groß und dicht ist, dass man die Wirklichkeit kaum noch von Mathematik unterscheiden kann“. Alles wird ausgerechnet.

Fernab jeder Philosophie spielt die Wahrheit über die Beschaffenheit unserer Gesellschaft heute eine kaum überschätzbare Rolle. Basierend auf der Wahrheit können wir Entwicklungen nachvollziehen und korrigieren, sie ermöglicht es uns, zu planen oder Ressourcen besser zu verteilen. Sie ist aber auch relevant, um Ungerechtigkeiten oder Missstände aufzudecken. Etwa 2012 in den USA, als nach der Erschießung des jungen Afroamerikaners Trayvon Martin die auffällig hohen Zahlen über die Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern an die Öffentlichkeit kamen. Das Adjektiv „wahr” steht nämlich auch für Echtzeit, Richtigkeit, Reinheit und Authentizität. Kaum eine Disziplin mag dem Ruf dieser Eigenschaften wohl so zu folgen wie die Statistik. Diese mathematische Disziplin versucht seit dem 17. Jahrhundert auf Basis von Daten ein authentisches Bild von Gesellschaften zu zeichnen und so die Grundlage für gutes staatliches Handeln zu schaffen. Solide Statistiken nehmen wir zumindest in Deutschland als Selbstverständlichkeit wahr. Doch Ungenauigkeiten und Manipulationen solcher Zahlen können weitreichende Folgen haben. In Argentinien warfen Ökonomen und Zivilgesellschaft der Regierung bei den Wahlen von 2007 vor, manipulierte Statistiken veröffentlicht zu haben, um den wirtschaftlichen Niedergang zu verschleiern. Ähnliche Aufschreie gab es im Zuge der Griechenland-Krise: Falsche Zahlen verschleierten lange Zeit auch hier das wahre Ausmaß der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung. Und in den USA sorgen sich nun Forscher und Statistiker um verfälschte Arbeitslosenzahlen der Trump-Administration. Denn Trumps Umgang mit Forschungsergebnissen zum Klimawandel zeigt schon jetzt, wie weit der US-Präsident die Wahrheit dehnen kann. Wo Daten fehlen oder falsch sind, fehlt auch die Grundlage für gute Planung und gute Entscheidungen. Der Wirtschaftshistoriker Morten Jerven hat zu dieser Problematik ein Buch geschrieben, mit dessen Titel „Poor Numbers” er die Statistiken Afrikas meint. Diese würden dazu führen, dass die ohnehin knappen Hilfsgelder oft für falsche Maßnahmen genutzt würden. Als 2010 der statistische Dienst in Ghana das Bruttosozialprodukt überprüfte, stellte man mit Erstaunen fest, dass es um 13 Milliarden US-Dollar höher war als ursprünglich kalkuliert – das entspricht einem Anstieg des durchschnittlichen Einkommens um 62 Prozent. Von einem Tag auf den anderen schnellte das westafrikanische Land von der Weltbankliste der einkommensschwächsten Länder auf die mit mittlerem Einkommen. Der Chefökonom der Weltbank sprach daraufhin von „Afrikas statistischer Tragödie“. In vielen Ländern Afrikas fehlen selbst die grundlegendsten Daten. So ist teilweise nicht einmal bekannt, wie viele Kinder jährlich geboren werden. An Daten auf lokaler Ebene oder zu einzelnen Bevölkerungsgruppen ist nicht einmal zu denken.

Die Wahrheit gefällt vor allem jenen, denen sie nutzt

Besonders für die Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) sind die fehlenden Daten eine Herausforderung. Die Prämisse der Nachhaltigkeitsziele ist es, bis 2030 niemanden zurückzulassen – „to leave no one behind“ –, unabhängig von Herkunft, sozioökonomischem Status, Religion, Sprache, Geschlecht etc. Doch das ist keine einfache Aufgabe, wenn man gar nicht weiß, wer bislang zurückgelassen wurde oder was das eigentlich bedeutet. Um beispielsweise beurteilen zu können, ob indigene Frauen in einem Dorf in Bolivien besonders stark vom Klimawandel betroffen sind oder ob körperlich eingeschränkte Teenager ausreichend Chancen im nigerianischen Bildungssystem bekommen, braucht man entsprechende Daten – Daten, die meistens nicht existieren. Die Gründe für das Fehlen dieser Daten sind mannigfaltig. In vielen Ländern scheitert es schlicht an Ressourcen, Kapazitäten, aber auch an der nicht vorhandenen technischen Infrastruktur. Die Gründe sind aber, wie so oft, auch politischer Natur. Als der kenianische Wissenschaftler und Politiker Bitange Ndemo 2005 vom damaligen Präsident Kibaki berufen wurde, die Verteilung sogenannter Constituency Development Funds (CDF) auf Basis der dem Staat vorliegenden Daten zu analysieren und die Ergebnisse zu veröffentlichen, machte Ndemo eine wichtige Entdeckung: Die CDF, die der Basisentwicklung im ganzen Land dienen sollten, flossen fast ausschließlich in bereits reiche Regionen. Die Ergebnisse veröffentlichte er wie gefordert. Doch nicht zur Freude aller. Der politische Gegenwind blies zu stark und aus zu vielen Richtungen, also wurde das Projekt gestoppt, die Daten verschwanden. Die Wahrheit gefällt vor allem jenen, denen sie nutzt. Aus diesem Grund wächst der Ruf nach mehr Transparenz über Daten und Informationen. Im Zuge der „Open Government”-Bewegung öffnen mehr und mehr Regierungen auf Druck von Zivilgesellschaft oder Geberorganisationen ihre Daten und stellen sie in maschinenlesbarer Form online. Das soll unter anderem auch dabei helfen, ein besseres Bild über Fortschritt und Entwicklung der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele, ihrer 169 Ziele und 230 Indikatoren zu erhalten.

Mobilfunk nährt die Hoffnung, neue Einblicke in entwicklungsrelevante Phänomene zu bekommen

Nun fehlen also einerseits so viele Daten, andererseits erklingt überall das Big-Data-Hurra. Hier schreit einmal mehr das Silicon Valley, es habe die Wahrheit in der Tasche, mehr Daten, mehr Wahrheit! Es sind die großen Datensammler, die andeuten, akkuratere Daten über die Beschaffenheit unserer Gesellschaft zu haben als jedes Statistikinstitut. Denn mit der Digitalisierung und Automatisierung werden über unsere digitalen Geräte, über Sensoren, über unser Online-Verhalten immer mehr Daten generiert, die, so behaupten es die Unternehmen, relativ akkurate Aussagen über gesellschaftliche Trends zulassen. Doch wegen der immer noch niedrigen Internetabdeckung in vielen Ländern des globalen Südens (Digital Divide) können dort bislang deutlich weniger Big-Data-Anwendungen großflächig genutzt werden. Mit Ausnahme des Mobilfunkbereichs, dessen zunehmende Verbreitung die Hoffnung nährt, bessere oder gar neue Einblicke in entwicklungsrelevante Phänomene zu bekommen, etwa über die Analyse sogenannter Call Detail Records, die detaillierte Informationen zu Verbindungen, Guthaben oder Aufenthaltsort beinhalten. Erste Forschungen zeigen, dass sich anhand des Nutzungsverhaltens von Mobiltelefonen der sozioökonomische Status oder das Geschlecht prognostizieren lässt. Diese Forschungen gingen hervor aus der „Data for Development-Challenge” des Mobilfunkunternehmens Orange. Im Rahmen des Wettbewerbs öffnete Orange die Mobilfunkdaten eines bestimmten Zeitraums ihrer Kunden im Senegal und der Elfenbeinküste für Wissenschaftler. (Zum Unmut vieler befanden sich unter diesen Wissenschaftlern nicht einer aus dem globalen Süden.)

Die Akzeptanz der Bürger, die Daten kostenlos produzieren, ist unwichtig

Auch Telefónica erkundet im Eiltempo die neuen Möglichkeiten zur Vermessung der Menschheit, etwa wenn die hauseigene Forschungsabteilung Bewegungsmuster nach einer Naturkatastrophe im mexikanischen Bundesstaat Jalisco untersucht. Das Unternehmen schließt auch munter Public Private Partnerships und bietet Statististikern seine Dienste an. In England und in Kolumbien nutzten die Behörden Telefónica-Daten, um Kriminalitätsstatistiken und -prognosen zu erstellen. Jedenfalls ist die Euphorie im Entwicklungssektor groß, denn 2030 möchte man Zahlen präsentieren können, die ein positives Bild über die Entwicklungen im Zuge der SDGs zeichnen. Die großen Geberorganisationen wie USAID, das niederländische Außenministerium, das britische Department for International Development (DFID), die Bill & Melinda Gates Foundation und die Weltbank investieren umfangreich in Projekte, die Big Data für Entwicklungshilfe oder deren Vermessung nutzen. Die Potentiale scheinen unendlich. Die Daten werden im Zuge der Digitalisierung ganz automatisch, fast wie von Geisterhand, generiert. Die Akzeptanz oder Zustimmung der Bürger, die diese Daten kostenlos produzieren, ist dabei eher unwichtig. Dieses Problem hat höchstens noch die traditionelle Statistik mit ihren Fragebögen. Die digitale Erhebung und Auswertung von Daten ist auch wesentlich kostengünstiger für die öffentliche Hand. Statt des üblichen ZensusTurnus von fünf oder zehn Jahren erlaubt Big Data theoretisch den Abruf von Daten in Echtzeit; und je nach Bedarf nicht einmal auf den Nationalstaat begrenzt.

Kompetenzen und Instrumente, um die Daten zu analysieren, bleiben in Händen der Privatwirtschaft

Über die klassische Statistik hinaus lassen sich mit Big Data auch viele andere Kategorien analysieren, die für die Messung der SDGs relevant werden könnten. So versuchen diverse Akteure bereits heute in Ländern mit hoher Social-Media-Verbreitung, wie in den Niederlanden, in Brasilien, Mexiko oder auf den Philippinen, mit Twitter- oder Facebook-Analysen das subjektive Wohlbefinden der Bürger zu messen oder Selbstmordraten vorauszusehen. Doch wie so oft gibt es eine Kehrseite: Statistik bedient sich standardisierter Verfahren und mathematischer Techniken, um Objektivismus zu garantieren. Und ihr liegen ethische Prinzipien zugrunde, die in den “Fundamental Principles of Official Statistics” niedergeschrieben wurden und global akzeptiert sind. So definiert das erste Prinzip die Funktion der Statistik als Dienst an der Öffentlichkeit von Demokratien und somit als Notwendigkeit, die Statistiken der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Google, Facebook oder Telefónica stehen jedoch nicht im Dienste der Öffentlichkeit. Ebenso wenig die Tausenden von Datenhändlern, die plattformübergreifend Daten sammeln und verkaufen. In solch einem profitgetriebenen System gibt es keine Anreize, die Daten oder gar Erkenntnisse zu veröffentlichen. Die Kompetenzen, aber auch die Instrumente, um die Daten zu analysieren, bleiben in Händen der Privatwirtschaft. Im Entwicklungskontext etwa zwingt das Organisationen in eine Bittstellerhaltung. Das steigert die Abhängigkeit von der Privatwirtschaft, was wiederum die Nachhaltigkeit von datenbasierten Projekten gefährdet. Und gleichzeitig schränkt dies die Möglichkeiten ein, die Analysen auf Richtigkeit bzw. Objektivität zu prüfen. Die Wahrheit über die Wahrheit bleibt einigen wenigen vergönnt. Und mit Blick auf den Wahrheitsgehalt der Wahrheiten zeigen die Analysen bislang, dass Verzerrungen bei Big-Data-Analysen eher die Regel als die Ausnahme sind. Grund dafür ist oft ein Mangel an Repräsentativität – beispielsweise haben Frauen im Durchschnitt seltener ein Mobiltelefon als Männer. Gerade für die Messung der SDGs könnte es ein Problem sein, wenn ausgerechnet jene, die bislang zurückgelassen wurden, in den Daten nicht repräsentiert sind.

Die Wahrheit steht auf dem Prüfstand

Es ist auch nicht verwunderlich, dass Orange seine Forschung zunächst in den westafrikanischen Märkten und nicht im Heimatland Frankreich durchgeführt hat, wo die Datenschutzgesetze strenger bzw. überhaupt vorhanden sind. Natürlich sind die Chancen immens, aber gerade EZ-Organisationen sollten sich nicht dazu verführen lassen, Experimente auf Kosten der „Wehrlosen” durchzuführen. Nur weil viele Länder des globalen Südens keine oder schlechte Datenschutzgesetze haben, heißt das nicht, dass sich Organisationen aufführen dürfen, wie die Axt im Privatsphäre-Walde. Das Recht auf Privatsphäre ist ein global anerkanntes Menschenrecht. Deshalb versuchen zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Data-Pop-Alliance oder Civicus, die Menschen und ihre Bedürfnisse stärker ins Zentrum der Big-Data-Entwicklungen zu rücken, damit sie sicher davon profitieren können. Nüchtern betrachtet steht es wie folgt um unsere neue Datenwahrheit: Obwohl das Buzzword Big Data heißt, gibt es in vielen Bereichen nur eine kleine bis keine Menge an Daten. Wir müssen uns dieser Lücken bewusst sein, die es besonders in strukturschwachen Ländern gibt. Viele Fragen werden noch eine Weile unbeantwortet bleiben. Und die bereits vorhandenen Daten sind zum großen Teil in Händen globaler protektionistischer IT-Konzerne, so dass sie nicht zum Allgemeinwohl genutzt werden können. Wir brauchen die Datenwahrheit, um verstehen zu können, welche Konsequenzen unsere Handlungen haben (werden), um sehen zu können, ob alle die gleichen Entwicklungschancen haben, ob der CO2-Ausstoß sinkt, ob Gelder dahin fließen, wo sie am meisten gebraucht werden oder ob es statt Geldern nicht eher Lebensmittelpakete braucht.

Fazit

Die Wahrheit steht auf dem Prüfstand. Von den einen wird sie verzerrt und „gefaked”, von anderen verkauft. Es deutet alles darauf hin, dass sich unser Zugang zur Wahrheit in den nächsten Jahren drastisch ändern wird, die Art und Weise, wie wir Wahrheit ermitteln und legitimieren.