Wie kann sich die EZ erneuern?

Die meisten Lösungen für Entwicklungsprobleme stehen auf der Website der Weltbank – nur liest sie niemand. Ein Interview mit Marc Lepage, Africa Knowledge and Innovation Advisor bei UNDP.

3D-Drucker? Drohnen? Blockchain? Marc Lepage ist nicht der Typ, der „Buzzword-Bingo” spielt. In einem italienischen Restaurant im obersten Stock einer der vielen neuen Wolkenkratzer in Addis Abeba spricht der UNDP Africa Knowledge and Innovation Advisor über eine andere Lebensrealität: Egos, die verhindern, dass sich Innovationen wirklich entfalten, darüber, wie die Entwicklungszusammenarbeit 2030 aussehen könnte und warum kein Weg an jungen Menschen vorbeiführt.

- Autor: Moritz Eckert 

Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download).

Herr Lepage, Sie vernetzen die lokalen UNDP-Büros mit der lokalen Innovationsszene. Was ist Ihr Schlüssel zum Erfolg?
In den meisten afrikanischen Ländern gibt es lokale Innovationszentren – sogar im Südsudan! Ich war mir lange Zeit sicher, dass es beispielsweise auf den Komoren kein Innovations-Hub gibt. Ich lag falsch. Auch da habe ich jemanden gefunden, der bald einen Hub starten wird. Das Problem ist, dass die lokalen UNDP-Länderbüros in der Regel noch nie von diesen Leuten gehört haben. Das müssen sie aber, wenn sie mit der lokalen Innovationsszene zusammenarbeiten möchten.

Warum funktioniert diese Vernetzung nicht?
Diese meist ziemlich lebendigen lokalen Gemeinschaften haben oft Lösungen und suchen nach Problemen. Und wir beim UNDP haben eine Menge Probleme. Deshalb wollen wir lokale Büros und Innovationszentren verbinden. Es passt nicht immer, weil viele Innovations-Hubs stark technikfokussiert sind, unser UNDP-Programm aber nicht. Einige Hubs haben besondere Expertise in Design Thinking oder organisieren Crowdfunding-Kampagnen. Deshalb müssen wir uns beispielsweise die Frage stellen, wie wir Design Thinking nutzen können, um Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zum Präsidentenbüro zu vermitteln. Oder wie das lokale Innovationszentrum bei der Wahlüberwachung helfen kann. Mein Ansatz: Gemeinsamkeiten finden und reden – und zwar nicht nur die Hubs untereinander, sondern auch mit UNDP Nigeria oder UNDP Benin. Die Frage ist am Ende immer …

... wie man Innovationen stärkt?
Genau! Bei UNDP haben wir einen InnovationsFramework, der ziemlich generisch ist. Ausgangspunkt ist ein Workshop, in dem wir das Problem definieren. Wir versuchen, ein Problem zu finden, das wir lösen können, das aber gleichzeitig repräsentativ für das Land ist. Ziel ist immer eine Lösung, mit der wir Erfolg und Einfluss haben, die wir auch skalieren können.

Was sind Felder, in denen wir Innovationen dringend brauchen?

Gewalt gegen Frauen ist ein Beispiel. Stellen Sie sich ein westafrikanisches Land vor, in dem Frauen auf die örtliche Polizeistation gehen und erzählen, dass sie geschlagen wurden oder Schlimmeres. Die Antwort der Polizisten wäre wahrscheinlich: „Das ist deine eigene Schuld!“ Ich denke, es geht darum, das Personal besser auszubilden und Bewusstsein zu schaffen – auch für zwischenmenschliche Kompetenzen. Man könnte bei ein paar Polizeistationen anfangen, das Personal ausbilden, daraus lernen und zur nächsten ziehen. Wir haben diesen Ansatz in einem zentralafrikanischen Land ausprobiert, wo wir mit dem örtlichen Krankenhauspersonal zusammengearbeitet haben. Deren Aufgabe war es, Patienten freundlich zu begrüßen – klingt simpel, doch sie taten es nicht. Das Projekt hat mich gelehrt, dass es nie eine einfache Antwort geben wird, aber dass wir am Ball bleiben müssen. Da fallen mir natürlich noch mehr Bereiche ein, auf die das zutrifft: Sicherheit, Katastrophenvorsorge, Frühwarnung und Kommunikationsprobleme. Da gibt es überall riesiges Potential für Innovationen.

Welches sind die lokalen und regionalen Innovationen, die anderswo adaptiert werden sollten?
Definitiv mobiles Geld. Das wurde zunächst vom britischen Entwicklungsministerium für Kenias Hauptstadt finanziert. Heute würde niemand mehr mit Bargeld in Nairobi rumfahren, das ist viel zu gefährlich. Das zeigt, wie mobiles Geld ein ganz bestimmtes Bedürfnis befriedigt hat. Wie fast alle Innovationen birgt es auch Tücken. Es ist beispielsweise kaum möglich zurückzuverfolgen, wer an wen Geld überwiesen hat. Dennoch glaube ich, dass die Vorteile von mobilem Geld sehr viel größer sind als die Nachteile.

Wo liegen die Herausforderungen für Innovations-Hubs, wenn potentielle Sponsoren das Land verlassen?
Es stimmt, dass viele Innovationszentren in Afrika von europäischen oder amerikanischen Initiativen oder Spendern ins Leben gerufen wurden. Wenn die Deutschen, Franzosen oder der Friedenskorps das Land verlassen, können viele Hubs nicht überleben. Ich denke, sie müssten lokal verwurzelt sein, sowohl als Service als auch als Modell, um nachhaltiger zu sein. Mehr Menschen denken über Modelle nach, die eher lokal und kulturell verwurzelt sind. Natürlich gibt es auch andere Beispiele: Ich mag die Netzwerke der „Jokkolabs” in Westafrika, die von Karim Sy eingerichtet wurden. Mittlerweile hat er Zentren in mehreren afrikanischen Ländern und sogar eins in Paris.

In welchen Situationen können wir voneinander lernen?
Ich glaube an Vielfalt– nicht nur in Afrika, sondern überall auf der Welt. Ich kann ein einfaches Beispiel nennen: Ich habe mal für eine Organisation gearbeitet, die zuerst Programme in Afrika unterhielt. Als der Hurrikan Katrina den Süden der USA traf, gründete diese Organisation ein Jugend- und Beschäftigungsprogramm. Meine Kollegen sagten mir, dass der Kontext in einigen Bereichen in Louisiana und den Slums in Nairobi sehr ähnlich war. Ich denke, wir müssen uns viel besser vernetzen – die Organisationen untereinander und immer auch über Ländergrenzen hinaus. Viele Entwicklungsorganisationen nutzen langweilige alte Software, die wir nicht innovativ nennen würden. Wäre das nicht der wahre Erfolg in IKT, wenn sich das ändern würde? Einerseits ist es ein Hype, alles neu und innovativ zu nennen. Für diejenigen von uns, die mit Innovationen arbeiten, ist es ein bisschen befremdlich. Denn wenn du alles als Innovation bezeichnest, werden die Menschen eines Tages fragen: „Warum habt ihr nicht geliefert?“ Aber wenn wir auf der anderen Seite nicht business as usual machen wollen, müssen wir unsere Organisationen, unsere Hilfssysteme, unsere Berichterstattung und internen Strukturen verändern – das geht gar nicht anders.

Wo sollte Innovation herkommen?
Vielleicht entstehen Innovationen genau da, wo man sie nicht erwartet, zusammen mit bilateralen Partnern oder jungen Unternehmern. Ich denke, wir können Katalysatoren sein, wir können Dinge beschleunigen. Am Ende muss es aber von denjenigen kommen, die vor den Herausforderungen stehen. Menschen sind nie stärker motiviert, als wenn sie die Bedürfnisse im eigenen Leben spüren. Wenn Sie zehn Innovationsinitiativen unterstützen und aus einer wird was, dann ist das ziemlich gut. Wenn aber zehn von zehn erfolgreich sind, dann ist die Initiative wahrscheinlich nicht besonders innovativ oder kein Risiko eingegangen. Bei echter Innovation bleibt immer auch mal eine Initiative auf der Strecke.

Wird die Diskrepanz zwischen „Arbeitsplätzen schaffen“ und „Arbeitsplätze vernichten“ schon bei UNDP diskutiert?
Ja, die Diskussion ist bei uns angekommen. Sie müssen bedenken, dass die Dinge in Afrika etwas anders sind. Wir sind noch nicht auf dieser Ebene der vollen oder sogar durchdringenden Digitalisierung. Das wird aber kommen. Einer unserer Human Development Reports drehte sich im vergangenen Jahr in einem Abschnitt um Jobverluste. Richtige Prognosen sind aber leider nicht möglich. Wir können nicht sicher sagen, wie viele Jobs hier zerstört werden, wenn ein Job in der IT dort geschaffen wird. Die Realität ist, dass nicht jeder ein Unternehmer ist. Diejenigen, die damit begonnen haben, kämpfen viel, wegen der Marktgröße, der rechtlichen Umgebung und so weiter. Es muss viel mehr zusammengedacht werden, und deshalb mag ich unser „UNDP Youth-Connect-Programm“, denn es geht nicht nur um Unternehmertum in der Entwicklung, sondern auch um die Jugend in einem nationalen Dialog. Wir brauchen eine politische Sphäre für junge Potentiale.

Welche Innovationen sind besonders vielversprechend, wo sind die höchsten Barrieren?
Ruanda hat gerade ihre Medikamenten-Drohnen-Lieferung gestartet. Ich bezweifle, dass das die Zukunft ist. Ich folge Themen wie Blockchain und Bitcoin und sehe hier viel Potential – deshalb freue mich sehr auf die erste afrikanische Wahl, in der Blockchain verwendet wird. In Ghana gibt es eine Firma, die Landtitel registrieren will – das ist eine tolle App! Aber wir müssen bedenken, warum es Landtitel in Afrika kaum gibt oder selten damit gearbeitet wird. Die Technologie ist nicht das Problem, sondern die Korruption. Das sind Sachen, die kann Technologie nicht lösen.

Sie erzählten von dem Potential in der Effizienz, aber was ist mit der Wirksamkeit – gibt es auch hier Potential?
Ich denke ja. Es gibt diese niederländische Firma namens Akvo, die zuerst im Bereich Wasser und Hygiene gearbeitet hat. Sie haben ein System namens „real simple reporting“ erfunden: eine Plattform, über die die örtliche Community berichten kann, was der Entwicklungspartner tut. Das sind Projekte wie Brunnen, Schulen, alles Mögliche. Dabei überträgt die ausländische Firma Verantwortung an die Gemeinde, was dazu führt, dass die Begünstigten den größten Teil der Berichterstattung selbst erledigen. Der GIZ- oder UNDP-Kommunikationsbeauftragte, der ein Projekt alle 18 oder 24 Monate besucht, ein paar Bilder macht und den Bericht schreibt, ist damit überflüssig. Wenn diese Reports aus der Community über einen längeren Zeitraum gehen, könnten wir auch die tatsächliche Wirkung messen und damit den Einfluss skalieren.

Wie können wir Interventionen effektiver machen? Durch bessere Datenanalyse?
Das niederländische Außenministerium hat ein interessantes Beispiel für die Datenanalyse eingerichtet. Sie haben ein riesiges Dashboard, das fast in Echtzeit über alle Projekte berichtet, die sie unterstützen. Jemand Wichtiges im Ministerium muss vorher entscheiden, dass alle Entwicklungsprojekte das nutzen müssen – sonst passiert da nichts. Denn jetzt und in absehbarer Zukunft ist man sich nicht einig, was Wirksamkeit wirklich bedeutet. Jede Organisation macht ihre eigene Sache. Was wir sehen wollen, sind alle Bildungsprojekte in einem Land nebeneinander – ob von Bill Gates, Facebook, UNESCO oder lokalen Stiftungen finanziert. Denn dann können wir das Ganze auch vergleichen.

Wie wird der Innovationssektor in Zukunft die NGO-Landschaft verändern?
Ich glaube nicht, dass NGOs verschwinden werden. Denn das ganze Entwicklungs- und Spendengeschäft ist nicht rational, es ist sehr emotional. Das wird bleiben. Ich denke aber, dass es Zusammenschlüsse geben wird. Heute gibt es schon weniger der schlecht organisierten NGOs. Insgesamt erwarte ich mehr Transparenz, denn die Spender werden immer wählerischer, sie wollen mehr Informationen und präzise Ergebnisse.

Was könnten digitale Innovationen wie Big Data und künstliche Intelligenz schaffen und verarbeiten? Was würde das für die Entwicklungshilfe bedeuten?
Es gibt viel Potential, kein Zweifel. Obwohl ich im Moment nicht viel Überzeugendes gesehen habe. Vor ein paar Jahren wurde ein Artikel über die Berichte der Weltbank veröffentlicht. Tenor war: Die meisten Lösungen für Entwicklungsprobleme stehen auf der Website der Weltbank – nur liest sie niemand. Es wäre fantastisch, mit KI solche Reports durch und durch zu analysieren, mit allen Statistiken und politischen Handlungsempfehlungen. Finanzen sind ein weiteres Beispiel. Hier könnten sie KI verwenden, um ihr Portfolio oder ihr Pre-Portfolio zu analysieren, eine Risikobewertung durchzuführen. Durch offenen Datenzugang könnten einige sehr intelligente Softwares durch das UNDP Open Data Portal an die Regierung von Kenia angeschlossen werden, Zahlen knacken, in allem möglichen Zeug wühlen und Portfolio-Analysen machen.

Was ist Ihre Strategie, mit dieser sehr dynamischen digitalen Umgebung fertig zu werden?

Ich glaube, dass es wichtig ist, den Bodenkontakt nicht zu verlieren. Die echte Innovationsszene und Realität der Menschen erlebt man nicht aus einem schicken Hotel in Nairobi heraus. Wir sollten viel mehr zuhören, was unsere lokalen Kollegen uns sagen: Die meisten haben nie woanders gelebt und kennen ihr Heimatland durch und durch. Natürlich braucht es auch Erfahrungen aus anderen Ländern. Bringen sie Bolivien dazu, sich mit Vietnam oder Uganda zu unterhalten! Jedes Land ist anders, es zeigt sich aber auch, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Außerdem müssen wir die jungen Leute ins Boot holen. Das sind ja schließlich alles Digital Natives, auch hier in Äthiopien. Dieses Jahr steht die Afrikanische Union unter dem Motto Demographic Dividend, aber Sie sehen kaum junge Menschen, die an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Wir sollten den jungen Menschen öfter zuhören. Dies gilt nicht nur für afrikanische Länder. Es gibt da ein gutes Beispiel aus Frankreich, wo junge Menschen in Unternehmen Praktika machen und meist nicht mehr machen dürfen als Kaffee für den CEO. Es gibt da aber einen französischen Firmenchef, der seinen Praktikanten in die Marketingabteilung schickte und den Marketingexperten dort erzählte, dass sie vor allem ihre Klappen halten und dem Praktikanten zuhören sollten. Ich finde das sehr schlau, davon brauchen wir mehr.

Fazit

Zeichnen Sie mir ein Bild der Entwicklungshilfe im Jahr 2030: Was könnte die IKT in 13 Jahren erreicht haben? Wo wird es die größten Erfolge geben?
Für mich gibt es zwei Ansätze: zuerst die interne Effizienz. Ich habe meinen Morgen damit verbracht, ausgedruckte Formulare auszufüllen – unglaublich im Jahr 2017. Dies sollte eine der Entscheidungen des neuen UN-Generalsekretärs sein: Papierformulare sollten verboten sein, absolut keine Entschuldigung, es müsste alles online geben. Der Effizienzgewinn im Entwicklungsbereich, den wir durch IKT erreichen können, ist unglaublich – wenn wir die Hälfte der potentiellen Gewinne in Entwicklungsprogramme stecken könnten, hätten wir noch erhebliche finanzielle Gewinne und würden unseren Impact vor Ort steigern. Die zweite Sache ist interessanter, die Programmseite. Wir werden die Entwicklung in den fortgeschritteneren Märkten sehen: Apps, die über den Klimawandel berichten, wie man mit der eigenen Regierung in Berührung kommt, Sachen wie „Fix my Street“ oder Berichte über Gewalt. Viele Menschen in den Gemeinden sind nicht bereit für diese Art von Entwicklung. Wir erleben viele Rückschläge. Ich meine, Sie können ein Websystem einrichten, um geschlechtsspezifische Gewalt zu melden. Selbst wenn das System an sich gut funktioniert, ist man darauf angewiesen, dass die Polizei auch gut und richtig reagiert. Sonst wird Gewalt nicht abnehmen.