Sprecht doch miteinander!

Ein Appell an die digitalen Flüchtlingshelfer

Große NGOs sind nicht die schnellsten, weil sie um die Komplexität der Probleme wissen und wohlüberlegt handeln. Unabhängige kleine Gruppen und Aktivisten hingegen sind meist als erste da und helfen unkompliziert. Wie groß und klein voneinander lernen können und was uns die europäische „Flüchtlingskrise" über Diversität und Kollaboration zeigt.

- Autor: Ben Mason 

Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download). 

Peggy Whitfield spricht über die vergangenen Monate mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Enttäuschung. Wir schauen über den grauen Hafen, Peggy dreht sich eine Zigarette, und der Kellner bringt uns Kaffee. Auf der Strandpromenade wimmelt es von Leuten – obwohl der Tourismus gerade Nebensaison hat. Trotzdem ist es auch in dem Café, in dem wir im Süden von Lesbos im März 2016 sitzen, sehr voll. Denn es ist das improvisierte Büro von Starfish, einer neu gegründeten NGO, in der Peggy eine leitende Rolle einnimmt Seit dem Sommer 2015 ist die griechische Insel Lesbos der symbolische Brennpunkt einer riesigen Welle von Flüchtlingen, die aus dem mittleren Osten nach Europa fliehen, viele davon vertrieben vom Bürgerkrieg in Syrien. Peggy, eine Britin in den Dreißigern, beschreibt, wie in der Hochphase im Oktober 2015 jeden Tag Dutzende Boote auf der Insel strandeten. Jedes einzelne davon mit Tausenden Menschen an Bord. Am schnellsten reagierten Menschen wie Peggy: Aktivisten und Freiwillige aus der ganzen Welt, die an die vorderste Front reisten, improvisierten und sich organisierten. Die offiziellere Reaktion seitens der Institutionen – angeführt von UNHCR und einzelnen großen NGOs – war langsamer. Als „die Großen“ begannen, ihren Einsatz vor Ort zu organisieren, war eine wachsende Spannung zu spüren. Peggy erinnert sich lebhaft daran, wie einige der erfahrenen und gut ausgestatteten Organisationen ihre Autorität in einer Art und Weise geltend machten, die sie als unnötig und nicht besonders feinfühlig bezeichnet. Sie etablierten nicht nur ihre eigenen Strukturen, „sondern sie vertrieben auch die inoffiziellen Helfer, die zuerst hier waren“.

Alle hatten das gleiche Ziel. Trotzdem gab es Spannungen, angekratzte Egos und Verbitterung

Damals gab es ein improvisiertes Registrierungscamp für die Geflüchteten auf dem Parkplatz eines geschlossenen Nachtklubs. Das Camp funktionierte, aber gleich nach ihrer Ankunft schlossen die internationalen NGOs das Provisorium und ersetzten es durch ein offizielles Camp. Sehr zur Verwunderung von Peggy war das neue Camp allerdings so unpraktisch gelegen, „dass es viele Leute schnell verließen und nach Alternativen suchten“. Alle Helfer, die auf die Insel gekommen waren, verband dasselbe Ziel: den Notleidenden zu helfen. Und die Zahl der Geflüchteten (sowohl jene, die ihr Heimatland verlassen haben, als auch intern Vertriebene) übersteigt heute 60 Millionen. Umso verblüffender war es, dass man Spannungen, angekratzten Egos und Verbitterung begegnete. Die „Flüchtlingskrise“ ist auch eine Krise der Zusammenarbeit. Die diversen Organisationen, ob groß oder klein, müssen effektiver mit- und nebeneinander arbeiten und voneinander lernen.

Die Erkenntnis: Weniger Unicorns, mehr technischer Support

Seit etwa zwei Jahren entstehen neue Organisationen – oft zusammengesetzt aus jungen Leuten mit technischem Hintergrund, sogenannte Techies. Sie kreieren Apps oder entwickeln Plattformen auf eine Art und Weise, die etablierte NGOs und Institutionen nicht haben. Diese Aktivisten arbeiten typischerweise in einer intuitiven, agilen, adaptiven und selbstorganisierten Art – sehr vorteilhaft in sich schnell verändernden Situationen.Etablierte Organisationen müssen lernen, das Potential dieser schnellen Innovationen zu nutzen, und sie müssen eine Zusammenarbeit mit den „jungen Wilden“ anstreben. Wichtig dabei: Solch eine Zusammenarbeit funktioniert in zwei Richtungen. Denn die neuen „Civic Tech“- Innovatoren und die etablierten NGOs brauchen sich gegenseitig. Viele Civic-Tech-Akteure sind nur wenig oder gar nicht mit den Dynamiken der Einwanderung durch Vertreibung in Berührung gekommen. Um effektive Initiativen zu kreieren und um die Komplexität der Themen verstehen zu können, müssen sie näher an die erfahrenen Akteure heranrücken. Die digitale Technologie ist dabei selten die Lösung allein. Stattdessen ist ein digitales Produkt – etwa eine Informations-App oder eine digitale Lernplattform – nur effektiv als Teil eines größeren Systems digitaler und analoger Interventionen. Es dauerte eine Weile, bis den Techies diese Erkenntnis kam. Nach einer Welle hoher Aktivität und Enthusiasmus zwischen Sommer 2015 und Frühling 2016 erkannte die Civic-Tech-Gemeinschaft die Notwendigkeit, miteinander statt in parallelen Strukturen zu arbeiten. Im Sommer 2016 sprach Techfugees International, die wichtigste Netzwerkorganisation in dieser Community, über ihre neue Strategie von „weniger Unicorns, mehr technischer Support“. Also weg vom Versuch, die eine Killer-App zu bauen, die die Flüchtlingskrise löst, hin zur Nutzung der Talente im eigenen Netzwerk, um andere Organisationen und übergeordnete Strukturen zu unterstützen.

Dem etablierten System fehlt die Anpassungsfähigkeit

Zusammenarbeit ist nicht nur auf der Ebene einzelner Organisationen wichtig, sondern auch im Bereich ganzer Sektoren, betonte auch Filippo Grandi, Hoher Flüchtlingskommissar der UN, bei einem Gespräch zur Lage der Flüchtlinge weltweit in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin im Januar 2017. Die vormals getrennt agierenden Welten humanitärer Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und die der Flüchtlingshilfe würden lernen zusammenzuarbeiten. So spüren große Institutionen der Entwicklungshilfe zunehmend den Druck, Vertreibung und Migration auch zu ihrem Kernthema zu machen. So beschreibt Grandi wie beispielsweise die UNHCR mit großen Organisationen der Entwicklungshilfe zusammenarbeitet, um gemeinsam neue Finanzierungsinstrumente für politisch instabile Situationen zu entwickeln. Weil die großen EZ-Institutionen nun in für sie bisher unbekannten Kontexten arbeiten müssen, bietet es sich auch an, auf das Know-how der vergleichsweise kleinen Organisationen und ihrer unkonventionellen Arbeitsweise zurückzugreifen.

Kompetenzen und Infrastrukturen, die für große Organisationen sehr wertvoll sind

Wie andere große Probleme des 21. Jahrhunderts ist auch erzwungene Migration hochgradig dynamisch und komplex. Die Reaktionen auf das Problem müssen dieser Komplexität gerecht werden. Dazu sagte Ric Young, Experte für soziale Innovationen, auf einer Konferenz über neue Ansätze in der Flüchtlingskrise im September 2016 in Brüssel: „Lasst uns nicht davon ausgehen, dass die notwendige Transformation von unseren gewählten Vertretern geleitet wird oder überhaupt geleitet werden kann. Das kann sie nicht. Dem etablierten System fehlt dazu die Anpassungsfähigkeit”. Mit anderen Worten: Eine Top-down-Reaktion wird hinter den Erwartungen zurückbleiben. Stattdessen muss eine passende Reaktion die Möglichkeit bieten, dass verschiedene Teile des Systems koexistieren und sich ergänzen. Eine Person, die das versteht, und weiß, wie sich so etwas umsetzen lässt, ist Jeff Wishnie. Jeffs Lebenslauf ist quasi ein Sinnbild dafür, wie man Brücken zwischen verschiedenen Bereichen und Organisationen schlägt. Nach einigen Jahren als Software-Entwickler in Silicon-Valley-Start-ups, arbeitete er in Sozialunternehmen und schließlich im Innovationsbereich alteingesessener Organisationen. Im März 2016 arbeitete Jeff für die international agierende Hilfsorganisation Mercy Corps als Senior Director of Program Technology. Gerade hatte er gemeinsam mit dem türkischen Team von Mercy Corps ein digitales Bildungsprojekt und eine Informations-App für Geflüchtete in Zusammenarbeit mit IRC und Google entwickelt. Jeff weiß aus erster Hand, wie die verschiedenen Organisationen arbeiten, kennt ihre Stärken und Schwächen. Auch wenn er ein großes Potential in Civic-Tech-Projekten sieht, nimmt er doch eine gewisse Naivität unter den Techies wahr: „Techies mögen es, Probleme mit einfachen Konzepten anzugehen. Oft scheitern sie dann an der Komplexität der Realität. Meine Nachricht an alle Techies, die helfen wollen: Vertraut nicht auf einfache Lösungen. Die Komplexität der Lösung muss zur Komplexität der Herausforderung passen“.

NGO-Mitarbeiter tretend und schreiend in den Slack-Channel von Techfugees geschleift

Bessere Kommunikation und Zusammenarbeit sind also unabdingbar. Techies müssen auf das Wissen der großen Organisationen aufbauen, die jahrelange Erfahrung an vorderster Front sammeln konnten und dadurch ein umfassendes Verständnis der Herausforderungen besitzen. Im Gegenzug können Techies ihre Kompetenzen einbringen und neue Infrastrukturen kreieren, die für die Arbeit dieser Organisationen sehr wertvoll sind. Das ist leicht gesagt, aber schwer umzusetzen. Unterschiedliche Communities – seien es Entwicklungsorganisationen und Flüchtlingshilfeorganisationen oder die „Civic Techies“ und altgediente NGOs – haben nicht nur unterschiedliche Lösungsansätze, sondern verstehen Probleme auch fundamental anders. Sie haben unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Netzwerke und Partnerschaften, arbeiten mit unterschiedlichen Budgets und Zeitmaßstäben. Sie sprechen quasi verschiedene Sprachen. Um die Differenzen überwinden zu können, braucht es „Hyperconnectors“ – so nennt Jeff Wishnie jene Leute, die die Wege finden, über die verschiedene Parteien miteinander reden und arbeiten. Dafür muss man auch Widerstände und Skepsis überwinden; wie zum Beispiel die Mitarbeiter einer bedeutenden Hilfsorganisation, die Jeff „tretend und schreiend“ in den öffentlichen Slack-Kanal von Techfugees geschleift hat. Eine Anekdote, die zeigt, wie eine Symbiose zwischen unterschiedlichen Organisationsstrukturen möglich ist, bringt uns zurück nach Lesbos und kommt von Phil Arnold. Hauptberuflich ist Phil Leiter der Flüchtlingshilfe beim Britischen Roten Kreuz, bei einer der „Großen“ also. Als er im Sommer 2015 in den Nachrichten die Bilder der schrecklichen Szenen auf der griechischen Insel sah, fühlte er sich, wie so viele andere auch, verpflichtet zu helfen. Durch seine Arbeit war Phil international sehr gut mit großen Organisationen der Flüchtlingshilfe vernetzt. Und so landete er dort als einer der ersten Freiwilligen und brachte in dieser Gruppe sein tiefes Verständnis über die Thematik und seine Kenntnis der verschiedenen Institutionen ein. Die Gruppe der anderen Freiwilligen erreichte er mittels einer Facebook-Gruppe, die die Helfer eingerichtet hatten, um sich zu organisieren.

Verantwortung, die an politisch und ethisch riskante Fragestellungen gebunden ist

Um so eine Zusammenarbeit zu ermöglichen, muss jegliches gegenseitiges Misstrauen überwunden werden. Je fremder einem der Ansatz anderer erscheint, desto einfacher erliegt man der Versuchung, diesem zu misstrauen. Wir erreichen mehr, wenn wir mit einer grundsätzlich positiven Haltung all denen begegnen, die ebenfalls helfen wollen – auch wenn ihre Lösungsansätze anders sind. Das heißt nicht, dass jeder Ansatz richtig ist. Aber eine Frage, die sich jeder Helfer stellen muss, ist die nach der Verantwortung und Rechenschaftspflicht. Große und staatlich finanzierte Institutionen können nicht so schnell agieren bzw. ihren Kurs wechseln, wie das etwa die Techies tun, weil sie an die Verantwortung politisch und ethisch riskanter Fragestellungen gebunden sind und sich dadurch ihre Prozesse verlangsamen. Diese Verantwortung ist wichtig und sollte nicht allzu schnell für eine pragmatische Lösung geopfert werden. Tatsächlich ist eine der Hauptaufgaben der diversen Akteure, eine qualifizierte Diskussion darüber zu führen, wann man die Verantwortung für Innovationen riskiert und wann nicht.

Fazit

Diese Beispiele zeigen, dass es immer ein bestimmtes Maß an Spannung und Widerspruch geben wird. Und es ist wahrscheinlich unvermeidbar, dass sich dabei in manchen Fällen Personen missverstanden fühlen – so wie etwa Peggy in Lesbos. Wichtigste Erkenntnis angesichts der Herausforderungen der „Flüchtlingskrise“: Man muss nicht als beste Freunde miteinander auskommen, aber tolerieren, dass verschiedene Personen verschiedene Lösungsansätze verfolgen. Und je besser die Lösungen aufeinander aufbauen und die Ansätze kombiniert werden, desto besser kann man Geflüchteten helfen.