Haben die SDGs ihre digitale Chance verpasst?

Die Digitalisierung und das Internet sind DIE Treiber der sozio-technischen Entwicklung unserer Weltgemeinschaft.

Alles online, alles jetzt, alles berechnet. Passend: Die SDGs wollen nun fast alles besser machen. Also fragen wir uns: Wieso kommt die Digitalisierung in den SDGs so gut wie gar nicht vor? Über die Ursachen einer verpassten Chance.

- Autor: Melanie Stilz

Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download). 

Die Sustainable Development Goals (SDGs) definieren als Nachfolger der Millennium Development Goals (MDGs) globale Entwicklungsziele bis 2030. Während die MDGs sich in erster Linie den sogenannten Entwicklungsländern widmeten und die Halbierung der weltweiten Armut als oberstes Ziel hatten, richten sich die SDGs mit ihrem Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit explizit an alle Staaten. Es geht um soziale, wirtschaftliche und ökologische Prinzipien.

Doch allein die Unterscheidung zwischen „Entwicklungsländern“ und „Entwickelten Ländern“ ist ein Problem. Deshalb umgehen die Ziele der SDGs diese Dichotomie. Erfolgversprechend können die SDGs eigentlich nur auf globaler Ebene in Angriff genommen werden. Zwar machen Projekte wie 2030 Watch der Open Knowledge Foundation Fortschritte in Europa sichtbar. Allerdings entfalten die SDGs – wie schon zuvor die MDGs – ihre Wirkung in erster Linie in der Entwicklungszusammenarbeit. Es scheint, als böten sie weniger Impulse für Stadtplanung, Energiewende, Mobilität oder Bildungspolitik z. B. in Deutschland oder Europa.

Das liegt daran, dass auch die SDGs – wie bereits die MDGs – kein bindender Vertrag, sondern lediglich eine freiwillige Vereinbarung der Mitgliedsstaaten ist. Dabei wird der Privatwirtschaft zwar eine wichtige Rolle zugewiesen. Doch wie dieser Rolle konkret aussehen soll, bleibt unklar, wie etwa der Bundesverband der Deutschen Industrie anmerkt . So lassen die SDGs viel Freiraum für wirtschaftliche Aktivitäten, Investitionen und Innovationen, knüpfen diese aber nicht verbindlich an sozio-ökologische Standards und Abkommen.

Das überrascht nicht, denn die SDGs bilden die Interessen derer ab, die sie gestaltet haben und auf deren Kooperation und Finanzierung sie angewiesen sind. Man kann vorhersehen, dass sie wenig dazu beitragen werden, dass sich strukturelle Bedingungen von Weltwirtschaft und internationaler Zusammenarbeit ändern, da dies auch die Legitimation der beteiligten Akteure und Interessengruppen in Frage stellen würde. Dabei widmen sich die Ziele bis 2030 Themengebieten, deren negative Konsequenzen die reichen Nationen zunehmend auch selbst zu spüren bekommen:

· People: Eine Welt ohne Armut und Hunger ist möglich
· Planet: Klimawandel begrenzen, natürliche Lebensgrundlagen bewahren
· Prosperity: Globalisierung gerecht gestalten
· Peace: Menschenrechte und gute Regierungsführung
· Partnership: Global gemeinsam voranschreiten

Diese Kernbotschaften sind in 17 Nachhaltigkeitszielen formuliert und wiederum in 169 Unterziele unterteilt. Im Vergleich zu den 8 MDGs mit seinen 21 Unterzielen eine klare Entscheidung für einen breiteren Handlungsrahmen.

Die Rolle von IKT innerhalb der SDGs
Die Digitalisierung spielt in den SDGs nur eine wenig ausformulierte Rolle. Zwar sind die drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung – wirtschaftliche Entwicklung, soziale Integration und Umweltschutz – ohne Ausbau von Infrastruktur und digitale Innovationen nicht denkbar. Auch sind mindestens zehn der 17 Ziele untrennbar mit der Digitalisierung verbunden – denn Landwirtschaft, Gesundheit, Bildung, Energie, Wirtschaftswachstum, Innovation, Stadtentwicklung, nachhaltiger Konsum und Produktion, Klimaschutz, Frieden und globale Partnerschaft lassen sich ohne Schlagworte, wie Cyber, Big Data, Internet of Things, das obligatorische e-, m-, smart- oder 4.0 kaum denken. Es müsste also eine Art Einverständnis darüber geben, dass Digitalisierung in nahezu sämtlichen Sektoren eine Rolle spielt und wichtig für das Erreichen der SDGs wäre. Allerdings findet sich erstaunlich wenig Konkretes zur Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) innerhalb der Ziele und Unterziele.

Tatsächlich wird in den SDGs IKT in keinem der 17 Ziele direkt genannt. Einzig in einem Unterziel kommt Digitalisierung vor, im Ziel 9c: „Den Zugang zur Informations- und Kommunikationstechnologie erheblich erweitern sowie anstreben, in den am wenigsten entwickelten Ländern bis 2020 einen allgemeinen und erschwinglichen Zugang zum Internet bereitzustellen.“

In allen anderen Zielen schwingt Digitalisierung indirekt mit, wird aber nicht explizit genannt. So wurde im Ziel 4b die „Erhöhung der Anzahl der Stipendien für Auszubildende und Studierende in den Bereichen Informatik und Technik“ vereinbart. Das Ziel 5b stellt die „Nutzung von IKT zur Förderung der Selbstbestimmung von Frauen“ in Aussicht. Das Ziel 17.8 spricht vom „Auf- und Ausbau einer geplanten UN-Technologiebank und von Capacity Buildung Mechanismen.“

Tatsächlich aber drängt die Digitalisierung mit einem Tempo und einer Reichweite voran, die mit kaum einer vorherigen sozialen oder technischen Entwicklung vergleichbar sind. Und sie hat ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Es scheint, als fehle den SDGs dieser Überblick, vielleicht, weil sie vor allem von Vertretern einer Tradition entwickelt wurden, die sehr häufig Partikularinteressen vertreten: Umweltverbände, Menschenrechtsorganisationen, privatwirtschaftliche Lobbygruppen. Angesichts eines zunehmenden politischen Einflusses von Google-Alphabet oder Facebook ist das ein überraschender Befund: Im Vergleich zu Gruppen aus den Sektoren Umwelt, Wirtschaft, Gesundheit oder Energie haben IKT in der UN, aber auch in den meisten Regierungen, keine besonders starke Lobby. Das kommt vielleicht daher, dass lange Zeit die Privatwirtschaft die Themensetzung im Bereich Digitalisierung dominiert hat und sich erst in den letzten Jahren zivilgesellschaftliche und philanthropische Organisationen – und in begrenztem Maße die Politik – darum kümmert, auch soziale Entwicklungen mit Digitalisierung zu verknüpfen.
Das Scheitern von „ICT4D“
Der digitale Hype führte schon zu einigen Ernüchterungen. So mauserte sich die Branche um „Information and Communication Technology for Development“ (ICT4D) – mit beschwingter Begeisterung und viel Technikdeterminismus ausgestattet – seit den 1990er Jahren zu einem schnell wachsenden Teil der Entwicklungszusammenarbeit. Aber der Höhenflug von Initiativen wie Telecenter oder One Laptop Per Child (OPLC) endete in einer Bruchlandung: Die Independent Evaluation Group der Weltbank stellte 2011 fest, dass nur 30% der zwischen 2003 und 2010 geförderten Projekte, ihr Ziel, in unterversorgten Regionen den Zugang zu IKT zu verbessern, erreicht haben.

Das Scheitern der ICT4D-Initiativen führte zu großer Skepsis bei Geldgebern und lokalen Partnern. Rückblickend betrachtet kann man feststellen, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts Orientierung und Leitlinien zum Umgang mit Digitalisierung fehlten. Plötzlich wurden große Erwartungen mit viel Geld verknüpft – der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan pries 2005 auf dem World Summit for Information Society den 100-Dollar-Laptop (später OLPC) als große Lösung an. Allerdings war auch diese Initiative von den Interessen der Technik-Anbieter geprägt. Viele Digitalisierungs-Ideen wurden mit großem Aplomb angeschoben, blieben aber hinter ihren eigenen Erwartungen zurück, endeten nach einer Pilot Phase und wurden nur selten evaluiert.
Zuständigkeit
Dass Digitalisierung bei den SDGs kein eigenes Kapitel gewidmet ist und nicht als eigenes Ziel gilt, liegt auch daran, dass politische und administrative Entscheidungsebenen noch von einer Generation besetzt sind, für die Digitalisierung, wie Angela Merkel es ausdrückte, „Neuland“ ist. Die häufigste offizielle Begründung: Digitalisierung ist ein Querschnittsthema und lässt sich nicht einem Bereich zuordnen. Die Wahrnehmung von Digitalisierung ist von Unsicherheit geprägt.

In Deutschland ist es die Privatwirtschaft, die maßgeblich den technischen Ausbau und die Weiterentwicklung der digitalen Infrastruktur vorantreibt. Für weniger entwickelte Länder gilt dies noch viel mehr. Das kann positive Auswirkungen haben: Gerade in ländlichen Regionen geht der privatwirtschaftlich finanzierte Ausbau von mobilem Breitband deutlich schneller voran, als öffentlich (mit)finanzierte Projekte. Allerdings investieren Unternehmen eher selten Geld mit dem Ziel einer gerechten und nachhaltigen Gesundheits- oder Bildungsinfrastruktur. Rentiert sich eine Anbindung abgelegener Ortschaften, Schulen oder Krankenhäuser finanziell nicht, besteht für einen Mobilfunkanbieter hier auch kein Anlass, aktiv zu werden. Investition zielt auf Rendite, deshalb sind Tarife für Datenvolumen in ärmeren Regionen oft deutlich höher als in Industrieländern. An vielen strukturschwachen Region zeigt sich, dass es regulierender Einflussnahme bedarf, damit digitale Infrastruktur und Innovation allen zu Gute kommen kann – und nicht nur dort, wo Profit zu erwarten ist.
Risiken
Digitalisierung führt nicht aus sich selbst heraus zu einem Überspringen („leapfrogging“) der Industrialisierung. Sie katapultiert nicht jeden, der Zugang zu Smartphone und Internet hat auf die Ausgangsposition eines, sagen wir, Durchschnittseuropäers.
Allerdings wird dieses Szenario seit 20 Jahren immer wieder beschworen . Zuletzt versuchte eine Studie des Earth Institute, der Internationalen Fernmeldeunion ITU und anderen nachträglich IKT in den SDGs zu verankern. Die Studie stellte fest: „ICT has immense potential to speed up and scale – or increase the rate of diffusion of – a very wide range of cutting-edge technologies, applications and platforms across the economy, helping low-income countries to leapfrog to achieve key development milestones while contributing to a growth economy.”

Die Studie betont jedoch auch den langen Weg den viele Länder noch vor sich haben um dieses Potential zu entfalten. Währenddessen schafft die Digitalisierung neue Ungleichheiten und Abhängigkeiten, der Digital Divide entwickelt sich mit . War es vor zehn Jahren noch der flächendeckende Zugang zu (mobilem) Internet, der Chancengleichheit herbeiführen sollte, sind es heute das Internet der Dinge (IoT) und die Machine-to-Machine (M2M)-Kommunikation, mit denen die wirtschaftliche Entwicklung der reichen Länder die der armen Länder abhängt. Nach einer Prognose des Cisco Visual Networking Index wird zwischen 2014 und 2019 der Anteil der M2M Geräte in Nordamerika 2019 durchschnittlich 58% betragen, während in Indien nur 13%, in Afrika und dem Nahen Osten gerade mal 17% erwartet werden.

Ein weiteres Beispiel: Mit dem Prinzip „socially-responsible outsourcing“ sollen neue Arbeitsplätze durch Outsourcing von Microtasks dank Digitalisierung in Afrika oder Asien geschaffen werden. Die Dynamik wird als große Chance und Weg aus der Armut propagiert und gelobt. Allerdings prognostizieren kritische Stimmen im Zuge dieser Industrie 4.0 eine global steigende Arbeitslosigkeit, insbesondere in der Kategorie sogenannter „Routinetätigkeiten Mittlerer Qualifikation“. Gleichzeitig gilt Industrie 4.0 als Möglichkeit, Erträge stärker zu konzentrieren. Es scheint also, als ob sich eine gerechtere Verteilung des Wohlstands kaum von selbst einstellen wird. Vor allem, da sinkende Logistik-, Service- und Produktionskosten durch Digitalisierung und Automatisierung in erster Linie Unternehmen zu Gute kommen. Selbst Siemens-Chef Joe Kaeser sieht deshalb, „eine Art Grundeinkommen“ zum Ausgleich als „völlig unvermeidlich“.

Fazit

Ob eine eigene digitale Zielformulierung in den SDGs zu gemeinsamen Grundsätzen für digitale Teilhabe, Nutzerrechte, Datenschutz oder technische Standards geführt hätte, bleibt fraglich. In den letzten Jahren hat sich verstärkt gezeigt, wie groß die Macht ist, die mit der Kontrolle von IKT einhergeht und wie einseitig diese global verteilt ist. Ein Unternehmen wie Facebook bietet gemeinsam mit Samsung, Ericsson, MediaTek, Opera Software, Nokia und Qualcomm in Kooperation mit lokalen Mobilfunkanbietern nach eigenen Angaben in inzwischen 62 Ländern seine „Free Basics“ an: ein für die Nutzer kostenloses Angebot an Webseiten und Informationen. Worauf die Nutzer zugreifen können, bestimmen Facebook und die kooperierenden Regierungen und Unternehmen.

Die SDGs waren zum richtigen Zeitpunkt eine einmalige Chance, einem Thema, das die globale Entwicklung wie kein anderes prägt, einen deutlichen Impuls in Richtung Nachhaltigkeit zu geben. Die Digitalisierung hätte global-offiziell, von allen Ländern unterzeichnet, eine soziale Verpflichtung mit auf ihren Weg bekommen. Schade, dass wir diese Chance verpasst haben.