Internet of Things: Vernetzte Zukünfte

Wir, die Welt, die Dinge: drei Herausforderungen

Die vernetzte Zukunft scheint zum Greifen nah: Ein gemeinsamer Bericht der International Telecommunication Union (ITU), der Vereinten Nationen und Cisco Systems vom letzten Jahr rechnet mit 25 Mrd. vernetzten Geräten bis 2020. Dahinter stehen nicht selten Pilotprojekte, die zwar noch immer in den Kinderschuhen stecken, dabei aber teils interessante Ausblicke auf eine vernetzte Zukunft bieten. Bei all der berechtigten Euphorie ist es wichtig, den Weg in diese Zukunft so zu gestalten, dass wir ethische, moralische und sozial- ökonomische Konsequenzen nicht aus den Augen verlieren. Ein partizipatives Verständnis, das alle betroffenen Stakeholder miteinbezieht und sich gewissenhaft und ehrlich mit den komplexen Folgen eines Internets der Dinge auseinandersetzt, ist daher gerade im sozialen Sektor unabdinglich. Nur dann kann das Internet der Dinge tatsächlich die Basis bilden für einen neuen Blick auf Entwicklung, Gesellschaft und auf die Zukunft.

- Autor: Simon Höher

Dieser Text ist im trendradar_2030 Magazin erschienen (PDF Download). 

Die Euphorie, die das Internet der Dinge begleitet, könnte größer nicht sein. Ein gemeinsamer Bericht der International Telecommunication Union (ITU) der Vereinten Nationen und Cisco Systems vom letzten Jahr rechnet mit 25 Mrd. vernetzten Geräten bis 2020 – und einem kaum zu überschätzenden Potential, das auch Gesetzgeber, Unternehmen und nicht zuletzt NGOs zum Schwärmen von ungeahnten Möglichkeiten, gerade für den sozialen Sektor, bringt. Das liegt auch daran, dass der Fokus auf das „Internet of Things“ (IoT) oft nur eine Perspektive auf den dahinterliegenden allgemeinen Trend der Digitalisierung ist – und dementsprechend schwierig davon abzugrenzen. Dabei ist die Idee vom Ubiquitous Computing, vom allgegenwärtigen Computer, mittlerweile bald 30 Jahre alt. Und auch das Prinzip dahinter ist noch immer das gleiche: Bei der Vernetzung von Maschinen untereinander geht es im Kern um eine, wenn auch sehr komplexe, Automatisierung durch lernende Technik und künstliche Intelligenz: Ehemals mühselige und vor allem zeitaufwändige Prozesse werden so durch Beschleunigung und Selbstoptimierung de facto günstiger. Das Internet der Dinge ist damit heute vor allem ein Träger einer neuen Generation von KI-Dienstleistungen. Das mag banal scheinen, ist aber wichtig, um zu verstehen, dass auch das Internet der Dinge, genau so wie jede andere Technologie, damit vor allem eins tut: es verstärkt, was schon da ist. Jetzt also nicht mehr bloß in der digitalen sondern auch in der analogen, physischen Welt.

Verheißungsvolles Leapfrogging
Besonders verheißungsvoll sind dabei Geschichten vom Leapfrogging, also dem Überspringen ganzer Entwicklungsstufen, die Industrieländer noch nehmen mussten – so etwa in der Infrastruktur: Unternehmen wie Matternet oder EPFL’S Afrotech-Initiative entwickeln Logistiknetzwerke, die mit vernetzten Drohnen dezentral (und nebenbei solarbetrieben) Güter, Lebensmittel oder Medizin von A nach B bringen. Nexleaf in Indien entwickelt dazu den passenden Wärmesensor, der – jederzeit mit der Cloud in Kontakt – meldet, wenn Impfstoffe beim Transport zu warm werden. Andere Organisationen entwickeln Projekte rund um „Smart Agriculture“, also der Vernetzung von Anbaufläche durch Wasser-, Temperatur- und Bodensensoren zur Ermittlung. So etwa das Kilimo-Salama-Projekt von dem Agrarriesen Syngenta, welches Agrarversicherungsleistungen in Abhängigkeit von vernetzt gesammelten Wetterdaten in nahezu Echtzeit via M-Pesa an Kleinbauern in Kenia auszahlt. Wieder andere Beispiele betreffen den Füllstand von Brunnen (und das Wegfallen von überflüssigen und zeitraubenden Wegen) wie durch die u. a. von UNICEF und der Oxford-Universität mitentwickelte SmartPump oder sogar die Implementierung von intelligenten und dezentralen Energienetzen, wie etwa das Projekt Rural Spark in Indien seit Jahren zeigt. Und natürlich ist das IoT auch längst beim Lieblingsthema der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) angekommen: der Evaluation. So versprechen vernetzte Technologien etwa die transparente Verfolgung der Fortschritte von lokalen Projekten und Initiativen in Echtzeit. Die Zukunft, so scheint es, ist so gut wie hier – wenn wir nur so weitermachen wie bisher, sind wir auf dem besten Wege dorthin.

Wer stellt eigentlich diese Fragen – und wer lebt mit den Konsequenzen der Antworten?
Das mag sein. Aber noch gibt es ein paar Fragen zu dieser Zukunft: Wer baut dieses Internet der Dinge eigentlich? Und warum? Wenn ein Acker in Ghana in Zukunft nicht nur weiß, wann er geerntet werden kann, sondern auch vollautomatisch sein eigenes Saatgut beim Händler bestellt, muss der Bauer dann noch zum Marktplatz gehen? Wenn nicht, was hat das für Konsequenzen für ein Dorf oder eine Stadt oder eine Familie? Wenn die permanente Messung der Verkehrsdaten in Lagos etwas Gutes ist, um Staus und Emissionen zu reduzieren – wäre dann auch die permanente Messung der Gesundheitsdaten der Bewohner einer Stadt in Guinea sinnvoll? Was, wenn wir damit nachweislich die Ausbreitung von Krankheiten wie Ebola beschränken könnten? Wo liegt genau die Grenze? Wer stellt eigentlich diese Fragen – und wer lebt mit den Konsequenzen der Antworten? Und: Welche Rolle spielen dabei „klassische“ Akteure der Entwicklungspolitik auf der einen – und Start-ups und Investoren auf der anderen Seite? Diese Fragen verdeutlichen die impliziten Gefahren einer vernetzten Zukunft: ethische und moralische Herausforderungen, Interessenkonflikte zwischen Nutzern und Anbietern, komplexe Zusammenhänge von verschiedenen Akteuren. Sicher ist: Wir werden nicht darum herum kommen, diese Fragen zu beantworten. Und dabei tun wir gut daran, uns diese Antworten zu überlegen, bevor wir sie in die Tat umsetzen. Denn auch wenn die genannten Beispiele Hoffnung machen: Die Erfahrung der letzten 60 Jahre lehrt, dass auch der staatliche wie private soziale Sektor, nur weil von guten Absichten getrieben, bei Weitem nicht gegen Fehler gefeit ist. Zwar hat sich der allgemeine durchschnittliche Lebensstandard der Menschheit durchaus verbessert, das sollte jedoch nicht über grundsätzliche Herausforderungen unserer Zeit hinwegtäuschen: Noch immer leben 40 % der Bevölkerung in SubsaharaAfrika unter der Armutsgrenze (in absoluten Zahlen etwa genauso viel wie vor 60 Jahren), die globale Ungleichheit erreicht Jahr um Jahr neue Rekordwerte – ob es nun acht oder zehn oder 100 Menschen sind, die so viel besitzen wie die ärmste Hälfte der Menschheit. Ohne politischen und sozialen Willen wird Technologie allein hier kaum für Veränderung sorgen. Im Gegenteil: Potenziert mit dem Skalierungseffekt vernetzter Technologien ist die Fallhöhe für IoT im Bereich Entwicklungszusammenarbeit besonders hoch, da eben auch mögliche Fehlentwicklungen skaliert werden. Diese Risiken sollten wir also ernst nehmen und verstehen. Es macht daher Sinn, drei spezifische Herausforderungen, die IoT gerade für Entwicklungs- und Schwellenländer bietet, genauer zu betrachten. Denn schon dabei wird leider deutlich: Es ist kompliziert.

1. Die Dinge im Internet der Dinge

So einfach wie wahr. Trotz der viel gepriesenen Demokratisierung von Hardware ist in Entwicklungs- und Schwellenländern selbst der Zugang zu einfachsten Prototyping-Materialien wie Arduino, Raspberry Pi oder 3D-Druckern noch immer schwierig. Dass lokale Innovation am besten aufgestellt ist, lokale Probleme zu lösen, ist mittlerweile ein Gemeinplatz – wie aber soll das nun für IoT-Produkte aussehen, wenn sie vor Ort gar nicht zu entwickeln sind? Und dabei ist das Prototyping nur der erste Schritt. Noch schwieriger wird es für ein afrikanisches Hardware-Start-up, von Prototyp zu Produkt zu wachsen: Physische Produkte in signifikanten Mengen (d. h. statt 100 Stück etwa 10.000 Stück oder mehr) zu produzieren, ist ein fundamental anderes Unterfangen (die regelmäßigen Kickstarter-Verschiebungs-Anekdoten machen es deutlich). Hier spielen nicht nur professionelle Produktdokumentationen eine Rolle, sondern auch der Zugang zu verlässlichen, oft internationalen Produktionspartnern, Qualitätskontrollen, Wertschöpfungs- und Lieferketten bis hin zu Wartung und Service noch weit über den Verkauf hinaus. Letzteres gilt übrigens gerade bei vernetzten Dienstleistungen: Der eigentliche Mehrwert entsteht beim Internet der Dinge oft erst durch die Vernetzung nach dem Kauf, welche die Betreuung einer Software voraussetzt. Ein kritischer Bestandteil, gerade bei neuen IoT-Projekten – die Kehrseite davon ist der klassische Lock-in Effekt, der beim Verlassen einer IoT-Dienstleistung substantielle Kosten für den Nutzer zur Folge hat. Lokale Innovationen früh zu identifizieren und zu fördern, ist daher elementar und kann Zugang zu Kapital, Netzwerken und Werkzeugen bieten. Fablabs und Maker-Spaces können hier zwar oft unterstützen, haben aber bisweilen das gleiche Problem. Das Projekt MakerNet etwa versucht, hier anzusetzen, indem eine hyperlokale Produktions- und Dienstleisterstruktur geschaffen wird, die Produzenten und lokale „Maker“ mit Zulieferern und Kunden vernetzt. Initiativen wie z. B. der Hardware-Accelerator Kumasi Hive in Ghana können hier eine gute Vorlage für einen professionellen und effizienten Fokus auf eine neue Generation von IoT-Projekten sein. Netzwerke wie das Global Innovation Gathering, ein Verbund von Innovations-Hubs in Afrika, Südamerika und Asien, sind hier dringend notwendig, denn sie helfen, den Blick vom „Charity Case“ zum „Investment Case“ zu verschieben – eine Disziplin übrigens, in der chinesische Initiativen oft deutlich weiter sind.

2. Die Welt im Internet der Dinge

Ein zentraler Treiber hinter der „Demokratisierung“ von Hardware ist nicht nur der technische Fortschritt, sondern vor allem auch die nie dagewesene Effizienz globaler Wertschöpfungsketten. Sie ermöglicht jene radikale Reduktion der Kosten, komplexe Hardware zu produzieren, zu kaufen – und die dadurch entstehenden Daten zu verarbeiten. Gleich ob Smartphone, Microcontroller oder Wassersensor, die Chancen stehen gut, dass das Innenleben (wenn nicht gleich das ganze Produkt) an Orten wie Shenzhen produziert wurde, dem Mekka des Internets der Dinge. Das ist per se nichts Schlimmes – man kann argumentieren, dass hier ja gerade der Motor für die neue Generation von Hardware-Produkten brummt. Sich als soziale Initiative damit auseinanderzusetzen, wo genau die gepriesene und eingesetzte Hardware eigentlich herkommt, hilft trotzdem Strukturen zu vermeiden, die langfristig – wenn auch an anderer Stelle - zu dramatischen und unsozialen Arbeits- und Lebensbedingungen führen. Denn das größte wirtschaftliche Kapital von Entwicklungszusammenarbeit und Schwellenländern bleibt nunmal oft günstige Arbeit (und dramatische Arbeiterrechte). Apples Auseinandersetzungen mit Foxconn sind hier nur ein prominentes Beispiel von vielen, die (Zwangs-)Arbeitsbedingungen im Elektroniksektor in Malaysia oder die Beschaffung von Rohstoffen im Kongo sind weitere. Initiativen wie Behind the Barcode oder Electronics Watch machen entsprechende ethische, soziale und ökologische Dimensionen von Elektronik sichtbar und üben Druck auf Hersteller aus (Apple hat etwa in den letzten Jahren einige Fortschritte auf dem Weg zu ethisch verantwortungsvoller Hardware gemacht). Unternehmen wie Fairphone zeigen außerdem, dass wirklich faire Hardware zwar unwahrscheinlich schwer, aber zumindest in Grenzen möglich ist. Wir sollten uns dieser Implikationen bewusst sein, um altbekannte Probleme nicht einfach zu verlagern.

3. Teilhabe im Internet der Dinge

Die dritte und vielleicht größte Herausforderung ist die Tatsache, dass mit jeder vernetzten Technologie Informationsasymmetrien und damit oft implizit intransparente Entscheidungsstrukturen etabliert werden. Das gilt für den Wassersensor auf dem Feld ebenso wie für die Verkehrsdaten einer Stadt. Wer hat Zugriff und Recht auf diese generierten Daten? Zu welchem Preis – und wie lange? Viele Bereiche, in denen IoT besonders vielversprechend scheint – so z. B. die „Smart City“ –, berühren genau diese sensiblen Fragen nach Privacy einerseits, also der Grenze zwischen öffentlichem und privatem Interesse, und Sicherheit andererseits, also dem Schutz dieser Daten gegen Dritte. Gerade in öffentlichen Systemen wie Dörfern und Städten wird diese Frage besonders brisant, da hier häufig deutlich mehr Bedürfnisse, Sorgen oder Gewinninteressen vorhanden sind als im klassischen binären NutzerAnbieter-Szenario: Anwohner, Familienmitglieder, Mitarbeiter, Angestellte, Nachbarn, Patienten,Kinder, Besucher und viele mehr sind von einer „erfolgreichen“ IoT-Lösung betroffen. Die hohe Komplexität, mangelnde Informationen und mangelndes Problembewusstsein sowie begrenzte Möglichkeiten zum Opt-out, ohne dabei auf entscheidende Vorteile zu verzichten, sind dabei nicht nur im öffentlichen Raum problematisch. Einen guten Weg, damit umzugehen, bieten auch hier Transparenz, Ehrlichkeit und Dezentralität: So empfiehlt es etwa das IoT-Manifesto, ein Projekt der Just Things Foundation, indem es transparente und ehrliche Kommunikation, sichere und vertrauensvolle IoT-Produkte und ein offenes und auch für den Nutzer kontrollierbares Internet der Dinge anmahnt. Natürlich machen auch hier Open-Source-Prozesse Sinn, vor allem um Lock-in-Effekte zu vermeiden und Sicherheit und Privacy von außen prüfen zu können. Mozillas Open IoT Studio erforscht etwa, wie ein solches offenes und vor allem auch dezentrales Internet der Dinge aussehen kann. Noch wichtiger als die technische Zusammenarbeit ist aber die Auseinandersetzung mit der echten Welt unter Einbezug von Menschen vor Ort. Usman Haque, Stadtentwickler und Zukunftsforscher bei Umbrellium, schlägt dazu – ganz im Sinne partizipativer Entwicklung – drei Instrumente vor:

Zusammenarbeit und Kollaboration, um allen Beteiligten und Betroffenen ausreichend Handlungs- und Entscheidungsspielraum zu bieten, eigene Interessen zu äußern und eigenständig zu realisieren.

Gemeinsame Entscheidungsprozesse, um Verantwortung und Verantwortlichkeit auf viele Schultern zu verteilen. Maßgeblich ist hier auch der Zugang zu diesen Entscheidungsprozessen, etwa in Stadtgesprächen, Online-Diskussionen oder Workshops.

Gemeinsame Nutzung und Weiterentwicklung, um kollektive Erfolge (und Profite) auch kollektiv abzubilden, langfristige Interessen zu wahren und nachhaltige Akzeptanz von neuen Prozessen zu fördern.

Fazit

Das Internet der Dinge steckt auch nach 30 Jahren noch immer in den Kinderschuhen. Wenn wir es damit ernst meinen, kommen wir nicht herum, seine Probleme zu benennen und anzupacken – auch wenn es dann deutlich komplexer für alle Beteiligten wird: Trotz der Hypes, ist vernetzte Hardware noch immer unglaublich komplex und erfordert nachhaltige und gezielte Förderung und lokale Investitionen. Globale Wertschöpfungsketten sind immer impliziter Bestandteil von Elektronik, das sollten wir ernst nehmen und mitgestalten. Und ethische und moralische Fragen müssen gemeinsam und gesellschaftlich diskutiert werden, Transparenz und verantwortungsvolles Handeln auf allen Seiten ist hier angezeigt. Dass wir hier noch am Anfang stehen, sollte uns alle vor allem ermutigen. Denn das bedeutet, wir können noch vieles gestalten und uns mit dem befassen, was uns wichtig ist: Nicht nur mit neuen „Dingen“ – sondern vor allem mit neuen Akteuren wie Start-ups, Fablabs, Maker-Spaces und einer ohnehin schon vernetzten Stadtgesellschaft. Mit neuen Prozessen, die gemeinsame Entscheidungen, Informationen und Zusammenhänge verdeutlichen und ermöglichen können. Und mit einem neuen Blick auf eine spannende und alternative Zukunft, die sich um uns Menschen dreht und uns erlaubt, bestehende Strukturen und Prozesse neu zu denken und neu zu lösen – natürlich auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Wagen wir uns also in eine offene vernetzte Zukunft!