Netzwerkorgas

Organisationen profitieren zunehmend von weniger hierarchischen und mehr vernetzten Strukturen.

Eine der dominanten Organisationsformen unserer Welt ist das Netzwerk. 2003 prägte der Sozialtheoretiker Manuel Castells den Begriff der Netzwerkgesellschaft, der zufolge digital vermittelte Informationen die Basis neuer wirtschaftlicher, politischer und sozialer Prozesse sind und die Wende vom Industrialismus zum Informationalismus einläuten.

In Netzwerken agieren verschiedene Akteure miteinander, die durch gemeinsame Werte, Prozesse oder Ziele zusammengehalten werden. Im Gegensatz zu hierarchischen Systemen sind Netzwerke partizipativ. Macht wird innerhalb der Netzwerke nicht obsolet, sondern verteilt sich auf die Akteure, so dass diese strategisch wichtige Knotenpunkte besetzen, kulturelle Kodizes beeinflussen und die Prozesse, nach dem Menschen im Netzwerk handeln müssen, mit gestalten können.

Netzwerke gewinnen besonders in der politischen Arena, etwa über die Occupy Bewegung oder in den arabischen Revolutionen, enorm an Sichtbarkeit. Das gilt auch für Netzwerke im sozialen Sektor. Hier sehen wir eine große Bandbreite an neuen Institutionen, die sich zusammenschließen, um ein gemeinsames Ziel – sei es der Kampf gegen Fettleibigkeit oder die Bewältigung einer Naturkatastrophe – zu meistern. Im Gegensatz zu Vereinen, Stiftungen oder anderen gemeinnützigen Organisationsformen kommen diese Netzwerkorgas oft ohne feste Strukturen aus. Statt einer Zentrale, einem festen Mitarbeiterstab, Aufsichtsgremien und Vorständen operieren sie mit punktuell einsatzbereiten, zum Teil ehrenamtlichen Mitgliedern, die über die ganze Welt verstreut sein können. Gemeinsame Ziele, kollaborativ entwickelte Prozesse soziale Beziehungen zwischen den Mitgliedern sorgen für Zusammenhalt. Viele Netzwerkorgas operieren außerhalb der herrschenden Gemeinnützigkeitsregeln und haben deshalb auch nur eingeschränkten Zugriff auf die Förderungen der etablierten Geldgeber (Staat, Stiftungen, etc.) im sozialen Sektor.

Die größte Netzwerkorga der Welt: Wikimedia

Der Trend zur Netzwerk-Orga ist ohne digitale Technologie undenkbar; Mobiltelefone, Websites, soziale Netzwerke und freie Software sind essentielle Treiber und bilden die zentrale Infrastruktur. Jeder Handybesitzer kann zu einer Plattform wie Ushahidi beitragen, sich über Apps an der Weiterentwicklung von Wheelmap oder via facebook und twitter den Forderungen von Moms Rising Nachdruck verleihen. Crisis Commons besteht aus 2.000 Programmierern aus der ganzen Welt, die in Krisensituationen ehrenamtlich Software entwickeln und kostenlos bereitstellen. Eine NGO wie die amerikanische Surfrider Foundation arbeitet mit einer kleinen Kernmannschaft und dezentralen, ehrenamtlichen Gruppen, in denen Menschen zusammenkommen, die sich für den Schutz der Weltmeere einsetzen und soziale Medien wie facebook und twitter als wesentliche Kommunikations- und Organisationswerkzeuge einsetzen.

Ein Paradebeispiel für eine Netzwerkorga ist die Wikimedia-Stiftung, die es innerhalb von 10 Jahren geschafft hat, Millionen Enzyklopädieeinträge in verschiedenen Sprachen mit einem kleinen Budget und kleinem Team zu erstellen. Wikipedia stützt sich auf 100.000 Engagierte, die Inhalte schreiben und überarbeiten. 2009 lud die Organisation seine ehrenamtlichen Mitarbeiter und Millionen von Lesern zu einem gemeinsamen Strategieentwicklungsprozess ein. Daraufhin erhielt sie 1.000 Vorschläge, in welche Richtung sich die Online-Enzyklopädie entwickeln sollte. Arbeitsgruppen wurden gebildet, die erfolgversprechende Konzepte online und bei gemeinsamen Treffen im Detail weiter ausarbeiteten. Die Wikimedia Stiftung bemühte sich bewusst darum unterrepräsentierte Gruppen, besonders auch Stimmen aus den Ländern des Südens, einzubeziehen. Sue Gardner, Direktorin der Stiftung, beschreibt den nicht-linearen, emergenten und kollaborativen Planungsprozess als zum Teil sperrig und frustrierend. Teilweise hatte sie Angst, dass „die Crowd“ in die falsche Richtung gehen würde. Schließlich aber mündete der hochgradig partizipative Prozess in einer robusten, tragfähigen Strategie.

Amnesty hat 2000 bezahlte Mitarbeiter. Mit nur fünf erreicht Avaaz über neun Millionen Menschen.

Die technischen Hilfsmittel sind kostenlos und einfach zu bedienen. So wurden beispielsweise Konferenzen schon vom Publikum protokolliert, über kollaborative Schreibtools wie Piratepad oder Etherpad. Andere Tools ermöglichen Online-Konferenzen.

Viele erfolgreiche Netzwerk-Orgas haben neben ihrer virtuellen Zusammenarbeit auch eine wichtige Offline-Komponente. So investieren die Mitglieder des einflussreichen Blogger-Netzwerk Global Voices, welches Bürgerjournalismus in der ganzen Welt und insbesondere in politisch repressiven Staaten fördert, viel Geld in die alle zwei Jahre stattfindenden Treffen, da sie festgestellt haben, wie wichtig der direkte persönliche Austausch für die Vertrauensbildung innerhalb der Online Community. Gründer Ethan Zuckerman beschreibtGlobal Voices deshalb als ein Virtual /Person to Person /Virtual Projekt.

Was aber bedeutet der Erfolg von Aktivistennetzwerken wie Avaaz für etablierte Organisationen? Hier wird Ricken Patel, Mitgründer und CEO von Avaaz, auf einer Veranstaltung des Londoner Guardians 2011 sehr konkret: "Die Netzwerke sind für einige der großen NGOs eine große Herausforderung. Wie wird Amnesty mit 2000 bezahlten Mitarbeitern gegen Avaaz angehen können, die mit nur fünf bezahlten Mitarbeiten 9,4 Millionen Mitglieder aktivieren und betreuen?"

Freie Agenten schwirren herum und wollen genutzt werden.

NGOs erleben zunehmend, dass sich viele Menschen nicht mehr fest an eine Organisation binden möchten, z.B. in dem sie Mitgliedsbeiträge zahlen und zu regelmäßigen Treffen erscheinen. Stattdessen engagieren sie sich punktuell für bestimmte Themen nutzen schnelle und eher unverbindliche soziale Medien als Kommunikationsplattformen. Diese Entwicklung erscheint vielen NGOs bedrohlich, doch kann sie auch ein Vorteil sein. Die amerikanische Social Media Expertin Beth Kanter beschreibt in ihrem Buch The Networked Nonprofit die Chancen, die sich NGOs bieten, wenn sie sich Richtung Netzwerk weiterentwickeln. NGOs können ihre Reichweite vergrößern, wenn sie sich mit so genannten „free agents“, mit Menschen die ihre Social Media Kompetenz einsetzen, um soziale Themen voranzutreiben, zusammenschließen und deren Netzwerke für die eigenen Belange nutzen. Netzwerkorgas öffnen sich nach außen; sie verlagern ihren Fokus von den Belangen der eigenen Institution auf den Dialog mit anderen Stakeholdern. Dadurch holen sie neue Ideen in die Organisation und werden innovationsfreudiger.

Ein wichtiges Merkmal von Netzwerkorgas ist ihr guter Umgang mit sozialen Medien; sie nutzen facebook, twitter, die eigene Website und andere Plattformen, um zu verstehen, was über sie und ihre Tätigkeiten gesagt wird, welche Probleme und Bedürfnisse ihrer Zielgruppen „draußen“ haben und welche anderen Ideen und Ansätze zirkulieren. Eine Reihe etablierter amerikanischer NGOs wie The Nature Conservancy oder das Amerikanische Rote Kreuz wandeln sich gerade zu Netzwerkorgas (und teilen auch ihre Lernerfahrungen öffentlich mit anderen, s. Trend Produktiv Scheitern.)

Eine Masse von Leuten kann eine Masse von Aufgaben bewältigen.

Wenn Netzwerkorgas freie Agenten einbinden, betreiben Sie auch immer Crowdsourcing. Die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen beschreibt es in ihren Digitaltrends (Ausgabe 2/2011) treffend: "Wir leben im Zeitalter des globalen Zugangs, Zugang zu Arbeits- und Kreativleistung sowie Ideen – und zu den passenden Auftraggebern. Bestehende Arbeits- und Organisationsprozesse werden zunehmend fluide und projektbezogenes Arbeiten ersetzt in vielen Bereichen feste Firmenstrukturen. Erfolgreich umgesetzt, erlaubt Crowdsourcing, eine vormals unüberwindbare Masse an Tasks zu bewältigen und gewährt Zugriff auf einen gigantischen Pool an Wissen und Content. Ein Antrieb für die Crowd ist sicherlich die Anerkennung der Community, sich mit anderen zu messen (Stichwort „Gamification“), Lob und vielleicht die Aussicht auf ein kleines bisschen Ruhm unter Gleichgesinnten".

Die Kooperation zwischen Save the Children UK und einflussreichen Mummy Bloggerinnen ist ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen NGOs und free agents. Mummy Blogger sind Mütter, die unterhaltsam über ihren Alltag bloggen und von denen einige in Großbritannien über eine Million Leser haben. Um auf ihren Kampf gegen Kindersterblichkeit aufmerksam zu machen, lud Save the Children ein paar Mummy Blogger nach Bangladesh ein. Die Frauen bloggten und twitterten über ihre Eindrücke unter dem Stichwort „Blogladesh“ und verbreiteten die Arbeit der Hilfsorganisation damit sehr weit unter ihren Leserinnen. So konnte Save the Children die eigenen Netzwerke authentisch in ganz neue Kreise erweitern.

Soziale Netzwerke, Videoportale und Blogs sind eine der Hauptkanäle über die Organisationen ihre Netzwerke aufbauen und pflegen können. Vergleicht man die Präsenz deutscher NGOs und entwicklungspolitischer Institutionen in sozialen Netzwerken wie facebook mit amerikanischen und britischen, kommt man zu dem Schluss, dass sie in diesem Bereich leider relativ schlecht aufgestellt sind und das Potential weitgehend ungenutzt lassen.

Fazit

Als NGO sollten sie sich für andere öffnen. Vernetzen Sie sich mit ihren Stakeholdern über soziale Netzwerke, stoßen Sie Dialoge mit ihren Begünstigten an, beziehen Sie freie Agenten in ihre Arbeit mit ein. Verstehen Sie ihre Stakeholder nicht als passive Empfänger oder Betrachter ihrer Arbeit, sondern als Mitakteure.

Als Geldgeber lohnt es sich, Netzwerke zu unterstützen. Geld ist hier nur eine Ressource, die Sie einbringen können: Ermöglichen Sie Netzwerk-Treffen, stellen Sie Daten zur Verfügung und Kontakte zwischen dem Netzwerk und einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft oder Medien her. Lassen Sie sich nicht davon abschrecken, dass Netzwerkorgas manchmal keine Rechtsform haben, die in ihre Förderrichtlinien passt. Interessanterweise haben viele mittlerweile etablierte NGOs wie z.B. der Sierra Club als Netzwerk angefangen und haben nur deshalb gemeinnützige Rechtsformen angenommen, um den Anforderungen potentieller Geldgeber gerecht zu werden. Lassen Sie es zu, dass Ihre Macht als Geldgeber in einem Netzwerk kleiner ist als in einer hierarchischen Organisation. Netzwerke sind heterogener und damit schwieriger beherrschbar. Überprüfen Sie ihr Selbstverständnis: Für ein Netzwerk sind Sie eventuell nur ein Agent des Wandels und nicht mehr der alles bestimmende Geldgeber.