Finanzielle Inklusion

Weltweit erhalten immer mehr Menschen durch ihr Handy zum ersten Mal Zugang zu Finanzgeschäften – ohne je eine Bank zu betreten.

Ein digitales Finanzsystem macht es billig und einfach, Geld zu verwalten: In virtuellen Bankkonten liegt das Geld als Einsen und Nullen auf Servern und kann durch einen einfachen Klick schnell hin und her geschoben werden. Im Gegensatz dazu arbeiten viele arme Haushalte weltweit in einer Bargeld-Wirtschaft, in der sie mühsam Werte physisch hin und her bewegen, in Form von Schmuck, Bargeld und Vieh. Weltweit sind circa 2,5 Milliarden Menschen nicht in das Finanzsystem integriert. Das ändert sich durch den Zugang zu Mobiltelefonen: Seit kurzer Zeit haben Millionen Menschen Zugang zu einem Finanzsystem, das ihnen zuvor verschlossen war.

Viele Mobilfunkanbieter in armen Ländern ermöglichen heute mobiles Bezahlen via SMS, bieten Mikro-Kredite, Versicherungen und sogar Sparkonten an. Die finanzielle Inklusion armer Bevölkerungsgruppen trägt indirekt zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum bei – denn je mehr Menschen in den Finanz-Kreislauf eines Landes eingebunden sind, desto stärker ist die nationale Volkswirtschaft. Wird dieser Prozess verantwortungsvoll gestaltet, eröffnen sich für viele Menschen neue Chancen.

Für Lucia Njelekele aus Tansania ist das Guthaben auf ihrem Handy genauso wertvoll wie die Hühner, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdient. Über ihr Telefon beobachtet sie den aktuellen Marktpreis der Hühner und knüpft per SMS den Kontakt um sie zu verkaufen. Das Geld dafür erhält sie ebenfalls per Handy. Auf die gleiche Weise überweist Lucia ihre Strom- und Wasserrechnungen an den lokalen Versorgungsbetrieb. Vor kurzem hat sie mit ihrem Telefon eine Versicherung für ihre Hühner abgeschlossen. Falls diese von einer Krankheit befallen werden, erhält sie eine Entschädigung. Und sie denkt darüber nach, einen kleinen Kredit aufzunehmen, um einen neuen Stall und weitere Hühner anzuschaffen – um ihre Kreditwürdigkeit zu prüfen, greift das Kreditunternehmen auf ihre Handydaten zu. Lucias Beispiel zeigt: Bargeldloses wirtschaften und bezahlen braucht keine komplizierte Kontoeröffnung bei einer Bank. Stattdessen reichen ein Handy und eine SIM-Karte.

Der “Cash-digital divide” und wozu Peruaner eine Pollada abhalten

Nur 24 Prozent der Erwachsenen in Sub-Sahara Afrika und 33 Prozent in Asien verfügen über ein konventionelles Konto bei einer Bank. Bargeld regierte ihre Welt. Dieser “cash-digital divide” stellte arme Haushalte bisher gleich vor mehrere Probleme: Es ist für sie risikoreich und teuer, einfache finanzielle Transaktionen durchzuführen. Das beginnt bei der Frage, wo sie ihr Bargeld sicher verwahren können. Auch der Transport stellt ein Problem dar. Da sie ihr Geld nicht einfach überweisen können, schicken sie es über private Netzwerke oder Kuriere auf den Weg – eine langsame und unsichere Methode. Der Besitz von Bargeld macht Sparen außerdem psychologisch schwierig: Häufig stellt das soziale Netzwerk aus Nachbarn, Freunden und Familie eine Herausforderung dar. Bei unerwarteten finanziellen Einbrüchen wenden sich Betroffene oft an ihre Nächsten für finanzielle Unterstützung: In Peru veranstalten Familien dazu eigens eine “Pollada”, eine Art Fundraiser-Veranstaltung, bei der sie Angehörige und Nachbarn zum Hühnchen essen einladen und sie gleichzeitig um Hilfe bitten. In Kenia sind ähnliche Feste auch als “chamas” und in Ghana als “sou-sou” bekannt. Jeder, der sein Erspartes in Reichweite unter der Matratze lagert, ist da natürlich in der Pflicht, einen Teil abzugeben.

Doch nicht nur für die sogenannten “Unbanked” selbst stellen ihre finanziellen Umstände eine Herausforderung dar. Auch für Banken, Dienstleister und Versorger ist es teuer und risikoreich mit ihnen zu interagieren: Sie müssen kostspielige Infrastruktur bereitstellen um das Geld zu lagern, zu transportieren oder damit weiter zu arbeiten. Weil es zudem über Menschen ohne Bankkonto keine (digitale) finanzielle Historie gibt, können Banken keine Einschätzung über deren Umgang mit Geld treffen. Sie stufen sie daher meist als high-risk Kunden ein, gewähren ihnen kein Konto und machen es für sie so unmöglich, weitere Leistungen wie Kredite oder Versicherungen in Anspruch zu nehmen.

 
Wie der cash-digital divide Schritt für Schritt überwunden werden kann: Erfolgsmodell M-Pesa
Study from the International Industrial Association of GSMA

Study from the International Industrial Association of GSMA

Study from the International Industrial Association of GSMA

Study from the International Industrial Association of GSMA

Survey of the Gates Foundation

Survey of the Gates Foundation

Als erster Mobilfunkanbieter hat Safaricom in Kenia vor acht Jahren sein mobiles Bezahlsystem M-Pesa eingeführt und damit den cash-digital divide in Kenia erfolgreich überbrückt. Das Modell gilt als großer Erfolg: Jeden Tag nutzen etwa 17 Millionen Kenianer den Service, sie transferieren dabei umgerechnet rund 20 Millionen Euro. Inzwischen existieren 255 ähnliche mobile Bezahlsysteme in 88 weiteren Ländern, Tendenz steigend. Als M-Pesa 2007 in Kenia eingeführt wurde, konnten Nutzer ihr Bargeld in ein elektronisch geführtes Guthaben auf ihrem Mobiltelefon umwandeln. Dafür müssen sie nur einen M-Pesa Agenten aufsuchen. Diese sind inzwischen weit verbreitet – jeder kleine Lebensmittelladen, der bisher Prepaid-Karten für Mobiltelefone verkauft hatte, kann eine Lizenz als M-Pesa Händler erhalten.

Aufgrund seines Erfolgs haben Mobilfunkanbieter in anderen Entwicklungsländern ähnliche Services entwickelt. Laut einer Studie der internationalen Industrievereinigung der GSMA-Mobilfunkanbieter stehen sie inzwischen in circa 60 Prozent der Länder zur Verfügung:

In Pakistan, Sri Lanka, Tansania und Indonesien ist es mittlerweile sogar möglich, Geldtransfers zwischen verschiedenen Anbietersystemen durchzuführen – eine Revolution angesichts der bisherigen Monopolstellung einiger Anbieter wie z.B. M-Pesa in Kenia. Angeheizt durch neue regulatorische Rahmenbedingungen ist der mobile Finanzdienstsektor 2014 insgesamt stark expandiert. In Kolumbien, Indien, Kenia und Liberia wurden zum Beispiel begünstigende Reformen für jene mobilen Geldtransfersysteme verabschiedet, die nicht mit Banken verbunden sind. Jetzt können in 47 von 89 Märkten sowohl Banken als auch nicht-Banken mobile Gelddienste anbieten. In 16 Ländern existieren inzwischen sogar mehr mobile Geldkonten als normale Bankkonten. Im Dezember 2014 wurden weltweit 103 Millionen aktive mobile Geldkonten gezählt. Wie die untere Grafik verdeutlicht, bildet die Region Sub-Sahara Afrika hier den größten Markt: In ostafrikanischen Staaten kommt sogar auf jeden zweiten Mobilfunkvertrag ein mobiles Geldkonto – ganz vorne dabei Kenia. Allerdings existiert in wiederum 54 anderen armen Ländern noch kein vergleichbares mobiles Geldtransfersystem. Zwei Drittel dieser Länder haben weniger als 10 Millionen Einwohner. In kleinen Märkten rentiert sich für die Mobilfunkanbieter das Investment nicht und staatliche Subventionen bleiben bisher aus.

Die digitale finanzielle Inklusion, vollzieht sich in mehreren Schritten, die wiederum von verschiedenen strukturellen Bedingungen abhängen. In einer Studie der Gates Stiftung werden diese Bedingungen anschaulich anhand eines vierstufigen Modells beschrieben: Für Stufe eins muss zunächst die nötige Kommunikationsinfrastruktur vorhanden sein. In vielen afrikanischen Ländern ist das bereits der Fall: 2012 wurden 710 Millionen aktive Mobiltelefone gezählt, im Jahr 2016 soll die Milliardenschwelle geknackt werden. Die Ergebnisse der GSMA-Studie belegen, dass sich viele Länder bereits auf einem guten Weg Richtung Stufe drei bewegen: Neben mobilen Geldkonten existieren auch Angebote für mobile Versicherungen, Sparkonten und Mikrokredite, die von vielen Mobilfunknutzern angenommen werden. 

Mobile Geldkonten: Was sich finanziell inzwischen alles per SMS regeln lässt

Die Auswirkungen der digitalen finanziellen Inklusion lassen sich nicht allein am Angebot der Leistungen beurteilen, sondern vor allem anhand ihrer Nutzung. Um herauszufinden, wie mobile Geldkonten den Alltag armer Haushalte verändern, hat die Gates Stiftung eine Umfrage unter M-Pesa Nutzern durchgeführt. Hier stellte sich heraus, dass mobile Zahlungen zunächst das informelle Versicherungs-Netzwerk armer Haushalte zu vergrößern scheinen. Die Befragten waren in der Lage, negative Ereignisse wie Krankheit oder Jobverlust zu überwinden, ohne dabei auf ihr regelmäßiges Haushaltskeinkommen zurückgreifen zu müssen. Frauen gaben an, durch die Nutzung von M-Pesa gegenüber ihrem Ehemann eine bessere Kontrolle über ihr Geld zu besitzen, da sie es auf ihrem eigenen Konto ohne ungewollten Zugriff verwalten können.

Weil Renten und Pensionen werden zunehmend per mobilem Geldkonto überwiesen werden können, verkürzen sich sowohl für die Empfänger als auch für die auszahlenden Institutionen Wege und Zeiten, um das Geld zu übermitteln. In Indien soll die Regierung so bis zu 22 Milliarden Dollar eingespart haben. Ein ähnlicher Zuwachs wurde im übrigen auch bei Rücküberweisungen (“remittances”) aus dem Ausland konstatiert. Inzwischen können diese auch mobil getätigt werden und bei vier Dollar Gebühren pro 100 Dollar ist dies weitaus günstiger im Vergleich zu etablierten Anbietern wie Western Union oder Moneygram. 

Gruppensparkonten und mobile Kredite wachsen
Study from the International Industrial Association of GSMA

Study from the International Industrial Association of GSMA

Neben dem Angebot mobiler Geldkonten ermöglichen weitere Angebote der Mobilfunkanbieter die Verbindung armer Haushalte zu Anbietern von Krediten, Sparverträgen und Versicherungen. Vor allem Sparen nimmt an Bedeutung zu. Über die Hälfte aller Konten weist eine positives Guthaben von mindestens zehn Dollar auf:

Bisher sind weltweit zehn Millionen mobile Sparkonten registriert. M-Pesa hat in Reaktion auf das Sparverhalten seiner Nutzer den Sparkonto-Service M-Shwari ins Leben gerufen. Airtel Weza von Airtel Uganda ist hingegen nur für Frauen-Spargruppen konzipiert. Das Modell gilt als besonders sicher, denn um Geld abzuheben braucht es drei verschiedene Pins und alle Mitglieder werden per SMS informiert.

Digitale Infrastruktur führt zwar nicht automatisch zum Sparen, aber durch automatische Überweisungen und Erinnerungsfunktionen kann es helfen, psychologische Barrieren zum Sparen zu überwinden.

Mobile Kredite

Gleichzeitig ist aber auch das Angebot an mobilen Kreditdiensten gewachsen (weltweit um 50 Prozent). Viele Dienste nutzen für die Kreditvergabe den digitalen Fussabdruck ihrer Mobilfunknutzer. Das Sozialunternehmen First Access in Tansania hat beispielsweise einen Algorithmus entwickelt, der per Handydaten die Kreditwürdigkeit von Kleinunternehmern prüft. Die Meinungen über diese Art der Kreditvergabe sind gespalten, denn das Verfahren bleibt ähnlich wie bei der Schufa intransparent.

Auch das indische mobile Banking System von Ekgaon will den Zugang zu wichtigen Finanzgeschäften demokratisieren. Die Open-Source Software beinhaltet zum Beispiel eine App, mit der Mikrokredite in Sekundenschnelle dahin gelangen, wo sie gebraucht werden.

Wer viel telefoniert, ist besser versichert
Study from the International Industrial Association of GSMA

Study from the International Industrial Association of GSMA

Weil Kosten und Administration von Versicherungen für arme Haushalte ohne Bankkonto für viele Anbieter zu hoch gewesen sind, waren arme Menschen für Notfälle jeglicher Art bisher nicht abgesichert. Neue mobile Angebote sollen diese Situation verbessern. Mobilfunkbetreiber haben inzwischen über 100 Dienste für Versicherungen verschiedener Arten entwickelt.

So bietet Nirvoy in Bangladesch jedem Nutzer eine freie Lebensversicherung an, sobald dieser eine bestimmte Höhe seines Guthabens vertelefoniert (3,23 US Dollar pro Monat). Kenianische Bauern können ihre Ernte gegen Wetterschäden schützen, indem sie eine Versicherung zusammen mit dem Saatgut erwerben und ihre Mobilnummer registrieren. Die Ernteversicherung Kilimo Salama verschickt dann per M-Pesa automatisch eine Zahlung, wenn durch zu viel oder zu wenig Regen die Ernte des Bauern beschädigt ist. Tigo bietet gemeinsam mit dem schwedischen Unternehmen Bima in Ghana und Tansania die Mikroversicherung “Tigo Bima” an, die beim Kauf einer SIM-Karte registriert werden kann. Auch hier hängt die Höhe der Auszahlung vom monatlich verbrauchten Prepaid-Guthaben ab. Auch Changamka (Swahili für „Werde aktiv“) ermöglicht Millionen von Kenianerinnen, die bisher vom medizinischen Versicherungssystem ausgeschlossen waren, einen Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung. Die EInzahlung erfolgt über M-Pesa.

Fazit

In über der Hälfte der Entwicklungsmärkte bieten die Mobilfunkanbieter verschiedene Services an, um ihre Nutzer in den Finanzmarkt zu integrieren. Angebot und Nachfrage wachsen vor allem in den Ländern Sub-Sahara Afrikas. Länder mit wenigen Einwohnern wie zum Beispiel im pazifischen Raum haben das Nachsehen, denn Investitionen lohnen sich für die Anbieter nicht.

Eine sehr vielversprechende Entwicklung stellt die Interoperabilität zwischen den einzelnen Geldtransfersystemen in einigen Ländern dar. Damit können Monopolstellungen aufgebrochen werden und der Wettbewerb steht offen für innovative Ideen. Nach dem Erfolg des mobilen Geldtransfers in Entwicklungsländern, bieten apple, paypal und Vodafone nun auch in Europa und den USA Zahlungen per Handy an. Dabei handelt es sich vor allem um peer-to-peer Zahlungen zwischen Freunden, aber auch in Restaurants oder an Parkautomaten.

Zwar wird davon ausgegangen, dass aufgrund der bereits vorhandenen starken finanziellen Inklusion und anderen etablierten Zahlungsoptionen (Kreditkarte) ein ähnliches Marktwachstum nicht erreicht wird. Doch allein die Einführung eines Modells, das sich zunächst auf dem kenianischen Markt profilieren musste, stellt ein spannendes Beispiel einer “Reverse Innovation” dar.