Glasklar (Transparenz)

Glasklar ist ein Megatrend, der durch das Internet an Bedeutung gewinnt und auch als Anspruch an den sozialen Sektor wächst.

Transparenz ist ein Megatrend und Teil der Internetkultur. In Zukunft werden nicht nur Unternehmen der Wirtschaft, sondern auch Organisationen des sozialen Sektors zunehmend glasklar und Einblick in ihre Daten, Strukturen und Arbeitsweisen gewähren, um Vertrauen zu schaffen und Professionalisierungspotential zu erschließen.

Schon jetzt werden Organisationen immer durchsichtiger. Ungewollt, wenn Preisvergleiche Produkte in Relation zueinander setzen oder diese von der Internetgemeinde bewertet werden. Gewollt, wenn die Weltbank ihr Datenarchiv öffnet, transparente Spendenportale Zulauf verzeichnen und Hilfsorganisationen den Spendern tiefere Einblicke in ihre Arbeit gewähren. Außerdem gibt es immer mehr Webseiten, die Informationen über den sozialen Sektor aufbereiten und ihn dadurch transparenter machen. 

Denn das Internet ist ein Medium der Transparenz und ermöglicht und katalysiert diesen Megatrend (= besonders tiefgreifender Trend, s.a. Wikipedia. Mitmachen ist ein weiterer Megatrend. Zusammen bedingen diese Megatrends andere Trends wie Kartismus). Einerseits ist die Verbreitung von Informationen im Netz kaum kontrollierbar, andererseits ist Transparenz Teil der Internetkultur geworden. Im sozialen Sektor wollen Spender und andere Geldgeber nicht mehr nur gute Absichten haben, sondern glasklar erfahren, was mit ihrem Geld passiert.

Nie zuvor konnten die Menschen so einfach an so viele Informationen kommen – sei es zum Treiben der Politiker, zur sozialen Verantwortung eines Unternehmens oder zum Service in einem bestimmten Hotel. Der Megatrend Transparenz wird einerseits durch die digitale Technologie und Vernetzung des Internets möglich, andererseits sind es die Menschen selbst, die daran mitwirken, indem sie Informationen bereitstellen und verbreiten – indem sie partizipieren. (s. Trend Mitmachen). Transparenz bringt auch Informationen, die andere nutzen können, um zu Verbesserungen beizutragen. Und: Im Internet ist Transparenz kostengünstig, denn die wachsende Zahl der Internetnutzer verbreitet Informationen weltweit schnell und ohne großen Aufwand.

Durch die Begegnung zwischen Technologie, Gesellschaft und Politik ist eine neue Debatte entstanden: Welche Daten sollten öffentlich zugänglich sein? Was bedeutet Transparenz? Facebook schafft eine Transparenz der privaten Sphäre, aber diese Art von Transparenz ist nicht allgemein wertschöpfend. Was uns hier interessiert ist Transparenz der öffentlichen Sphäre, von Institutionen und Organisationen, die mit Steuergeldern finanziert werden, die unsere Demokratie und unser Gemeinwohl betreffen.

Transparenz als wichtigstes Vertrauenskriterium im sozialen Sektor

Auch der soziale Sektor muss sich auf die neue Selbstverständlichkeit von Transparenz einstellen. Besonders die Geldgeber haben zunehmend ein Bedürfnis nach mehr Informationen. Sie sind einer der Treiber für mehr Transparenz, da sie wissen möchten, was mit ihren Spenden geschieht. So wollen auch deutsche Privatspender Einblick in Projekte und Bilanzen nehmen. Eine Umfrage der Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers ergab: Für 67 Prozent der 500 Befragten ist das wichtigste Vertrauenskriterium, dass eine Organisation von sich aus über ihre Aktivitäten berichtet. Drei Viertel der Befragten sahen die öffentliche Rechenschaftslegung als wichtige Voraussetzung für die Vertrauenswürdigkeit einer Organisation.

Deshalb nutzen viele Geldgeber und Spender das Internet, um Informationen über Organisationen und Projekte zu erhalten. Sie lesen Blogs und beteiligen sich an Foren. Auf der Spendenplattform betterplace.org zeigt sich, dass Projekte, die mehr Informationen mittels Blog-Einträgen und Kommentaren bereit stellen, auch mehr Spenden erhalten als inaktive Projekte. Denn hier führt Partizipation und Netzwerken auch zu mehr Transparenz.

Glasklar: Staatliche Entwicklungshilfe macht es vor

Digitale Medien haben in den letzten Jahren auch in Deutschland dazu beigetragen, dass mehr Informationen über gemeinnützige Organisationen öffentlich zugänglich sind. Insgesamt steht diese Entwicklung im Vergleich zu den Vorreitern USA und Großbritannien aber noch am Anfang. So gibt es in den angelsächsischen Staaten eine Fülle von Datenbanken, Plattformen und Blogs, die sich der Transparenz im sozialen Sektor verschrieben haben und auf unterschiedliche Weise Informationen über Non-Profit-Organisationen (NPOs) bereitstellen. Auch die staatliche Entwicklungshilfe erschließt zunehmend das Potential von Transparenz, etwa durch die International Aid Transparency Initiative (IATI). Auch das United Nations Development Programme (UNDP), die Weltbank und die EU-Kommission werden sich dem neuen Standard der IATI anpassen. Der Standard ist wichtig, da er die Daten in eine allgemein verständliche Form bringen will – denn Sichtbarkeit ist nicht das gleiche wie Transparenz.

Auf Informationen darüber, wofür welche Gelder ausgegeben werden, haben aber nicht nur die Geldgeber, also Steuerzahler oder Spender ein Recht. Sie helfen auch den Empfängerländern, ihre Aktivitäten besser zu koordinieren. Denn bislang wissen viele Parlamente dieser Länder nicht genau, welche Organisationen wo und mit wie helfen. Transparenz ermöglich hier effektive Rückkopplungen. So schreibt Owen Barder, Fellow am Center for Global Development, im Guardian:

"It is clear that aid will work better when there is more accountability to the citizens of developing countries. There is no way to tackle any of this without accurate and comprehensive information about what donors are spending. (…)It democratises aid, removing the monopoly of information and power from governments and aid professionals. It inspires innovation and informs learning. It reduces bureaucracy. It also makes it possible for communities to collaborate, for citizens to hold governments to account and for the beneficiaries of aid to speak for themselves. With a new global standard for sharing information, aid in the information age will look very different from the past".

Transparenz führt aber nicht nur zu mehr Vertrauen bei den Geldgebern. Transparentes Arbeiten führt auch zu mehr Effektivität. Projekte, die transparent und partizipativ alle Beteiligten in das Prozessmanagement integrieren, sind erfolgreicher. Denn wenn viele Augen statt nur wenige Experten sich Datensätze anschauen, führt das auch zu mehr Objektivität bei der Interpretation, erklärt Philantrophie-Beraterin Lucy Bernholz in einem Interview (Ihr Blog ist auch sehr lesenswert).

Denn Transparenz ermöglicht Evaluierungen, die wiederum zu Optimierungen führen können. Und wenn Geldgeber und Spender transparente Projekte und Organisationen bevorzugen, kommen sie auch der effektiven Verwendung ihres Geldes einen Schritt näher

Transparenz ist ein Wettbewerbsvorteil

Bislang öffnen sich viele Organisationen und Unternehmen dem Internet aber nur zaghaft: Sie haben Angst vor Transparenz, etwa wenn Mitarbeiter eigenständig in sozialen Netzwerken agieren. Für die Digital Natives ist Transparenz jedoch im Sinne einer offenen Kommunikation und Rechenschaft eine Selbstverständlichkeit. Intransparente Unternehmen und Organisationen sind ihnen suspekt. Und die Zahl der Menschen, für die das Internet von Geburt an eine Selbstverständlichkeit ist, wächst.

Das Internet ist mit Suchmaschinen, Preisvergleichsportalen und Millionen von Produktbewertungen das perfekte Informationsmedium: Es bedient das Bedürfnis, mehr über angebotene Güter, Dienstleistungen, Unternehmen und den günstigsten Preis einer Ware zu erfahren. Alleine in Deutschland sehen sich 31 Millionen Urlauber vor ihrer Reise online Hotelbewertungen an. Welcher Käufer einer Waschmaschine vergleicht nicht die Preise der verschiedenen Anbieter auf einer der Portale? Über 50 Prozent der sogenannten Millenials, also Menschen, die nach 1980 geboren wurden, nutzen mehr als vier verschiedene Quellen, bevor sie eine Kaufentscheidung treffen, ungefähr eine Drittel sogar sieben oder mehr. Familie und Freunde sind die beiden Hauptquellen, gefolgt von Suchmaschinen und Experten-Webseiten (Edelman-Studie 2010). Und 83 Prozent der Konsumenten würden eine Webseite besuchen, die ihnen von einem Freund auf facebook empfohlen wurde (Channel Advisor, Oktober 2011).

Doch statt Angst zu haben, können Unternehmen Transparenz als Wettbewerbsvorteil nutzen, in dem sie Informationen über sich und jene Produkte bereit stellen, für die sich ihre Kunden interessieren. Gleichzeitig steigert diese Transparenz, insbesondere durch die Möglichkeit umfassender Preisvergleiche, den Wettbewerb. Margen sinken, Ineffizienzen werden aufgedeckt. Für immer mehr Konsumenten ist auch die Integrität der Unternehmen entscheidend. Aktivisten und Verbrauchervereinigungen führen Websites, die sich zum Beispiel kritisch mit Wirtschaftsriesen wie McDonalds oder Wal Mart auseinandersetzen. Insbesondere die Bewertungen durch andere Konsumenten haben an Bedeutung gewonnen: sie sind eine neue Art von Werbung. Wie der Nielsen Global Online Consumer Survey 2009 herausfand, vertrauen 90 Prozent der Konsumenten den Empfehlungen von Bekannten und 70 Prozent den online veröffentlichten Bewertungen anderer Konsumenten. Diesen beiden Formen der Werbung wird weltweit am meisten vertraut. Über 100 Millionen Bewertungen und andere Inhalte, die durch Konsumenten ins Internet gestellt werden, gibt es bereits, und die Zahl steigt rasant (Nielsen Company, 2009).

Skandale erhöhen den Transparenzdruck

Ähnlich wie bei Produkten, werden auch Hilfsprojekte und Organisationen – also auch Stiftungen und Regierungsinstitutionen – in Zukunft stärker im Internet bewertet und empfohlen werden, um Vertrauen zu schaffen. Vertrauen ist das wichtigste Gut von Hilfsorganisationen, und eine Grundvoraussetzung für Vertrauen ist Transparenz.

Aber besonders in Deutschland scheuen die Mittler, also die Spenden sammelnden Organisationen, Transparenz. Bislang gibt es hier – im Gegensatz zu den USA oder Großbritannien – auch keine Offenlegungspflichten für Vereine oder gemeinnützige Organisationen, weshalb der Sektor sehr intransparent ist. Auch ein allgemeines Verzeichnis gemeinnütziger Organisationen ist nicht zu finden. Transparenzvorschriften, wie bei GmbHs oder AGs üblich, gibt es auch nicht, und die Finanzämter dürfen keine verbindlichen Aussagen darüber machen, ob eine bestimmte Organisation überhaupt gemeinnützig ist (s. Kleine Anfrage der Grünen 2010: „Spenden an gemeinnützige Organisationen“). Datenbanken wie die des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen decken weniger als ein Prozent der über 500.000 eingetragenen Vereine und Stiftungen ab.

Doch spätestens seit dem Unicef-Skandal Anfang 2008 fordern sogar die Verbände mehr Transparenz. Da der Druck auf die Organisationen durch Skandale wächst und das Vertrauen in sie bedroht ist, legen immer mehr Organisationen ihre Zahlen offen. Auch der Transparenzpreis, der seit 2005 von der Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers vergeben wird, und für den sich jedes Jahr zahlreiche Organisationen bewerben (im Jahr 2010 waren es 60), ist ein Signal für die gestiegene Nachfrage nach Transparenz im sozialen Sektor. Denn Transparenz kann ähnlich wie in der Wirtschaft einen Wettbewerbsvorteil bedeuten: Die Organisationen stehen in dem stagnierenden deutschen Spendenmarkt zunehmend in Konkurrenz zueinander. Während die Zahl der Organisationen wächst, bleibt das Spendenvolumen mit insgesamt etwa drei bis fünf Milliarden Euro gleich. Einige Organisationen stellen auch mehr Informationen über die Verwendung der Spenden bereit, indem sie Projekte genauer vorstellen. Manche der großen Hilfsorganisationen, wie zum Beispiel Care, Deutsches Kinderhilfswerk oder World Vision, stellen Projekte auf Spendenportalen vor und steigern dadurch ihre Transparenz. Der Transparenzdruck wird weiter verschärft, weil auch etablierte Institutionen zunehmend ihre Daten offenlegen; so zum Beispiel die Weltbank und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO der Vereinten Nationen.

Fazit

Transparenz schafft Vertrauen. Nicht nur erwarten Internetnutzer ein hohes Maß an Transparenz, auch ist es vergleichsweise kostengünstig, sich im Internet transparent darzustellen. Wer die Kosten für die Aufbereitung vieler Daten sparen möchte, kann diese auch roh ins Internet stellen. Allein die Verfügbarkeit der Daten sorgt für ein besseres Gefühl beim Geldgeber und Spender: Der Großspender wird Zeit in seine Entscheidung investieren und sich Rechenschaftsberichte und ähnliches durchlesen. Der Kleinspender weiß, dass die transparente Organisation nichts zu verbergen hat. Aber auch andere Beteiligte sollten sich öffnen, damit das Vertrauen der Bürger nicht nur in NGOs, sondern auch in Stiftungen, staatliche Institutionen und den sozialen Sektor insgesamt wächst. Ein erster Schritt wäre ein zentrales Register, in dem öffentlich einsehbar ist, welche Organisationen in Deutschland gemeinnützig sind. Und weil weniger transparente und qualitativ minderwertige Projekte auch weniger Spenden erhalten, führt Transparenz zu einem professionellerem sozialen Sektor. Transparenz läd auch ein zu Verbesserungsvorschlägen von außen und birgt Potential zur Professionalisierung der eigenen Arbeit. Denn Organisationen sollten auch nach innen transparent arbeiten. So sind sie nicht nur effektiver, sondern auch im Wettbewerb um Spenden besser aufgestellt.